Satelliten werden gestört, der Orbit füllt sich, und Europa will sich von US-Raumschiffen lösen. Der Berater bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA, Kai-Uwe Schrogl erklärt, welches Recht im All gilt, wo es Lücken gibt und warum er vor dem Gipfel in Rom am 15. Dezember zuversichtlich ist.
Kurz nach drei Uhr morgens deutscher Zeit startete am 15. September in Französisch-Guayana eine Vega-C-Rakete. Sie trägt zwei Satelliten ins All. Sentinel-3C beobachtet für das EU-Raumfahrtprogramm Copernicus Meere, Land, Eis und Atmosphäre. FLEX (Fluorescence Explorer) ist eine Erdbeobachtungsmission der Europäischen Weltraumorganisation ESA undsoll das winzige Leuchten einfangen, das Pflanzen bei der Fotosynthese aussenden. So lässt sich erkennen, wie gesund die Vegetation weltweit ist. Es ist Raumfahrt, wie Europa sie gern zeigt: zivil, wissenschaftlich, nützlich.
Doch dieselbe Infrastruktur ist längst auch ein Sicherheitsrisiko. Satelliten werden gestört, geblendet, womöglich gezielt zerstört. Kai-Uwe Schrogl verfolgt diese Entwicklung seit mehr als drei Jahrzehnten und er entwickelt Maßnahmen, um dagegen zu wirken.
Er ist Sonderberater für politische Angelegenheiten bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA mit Hauptsitz in Paris. "Wir müssen den Weltraum nicht nur zivil und militärisch nutzen, sondern unsere Aktivitäten dort auch schützen", sagt er im Gespräch mit Euronews. Das sei der ganz neue Charakter der Situation im All.
Schrogl ist Politikwissenschaftler und Honorarprofessor an der Universität Tübingen. Er leitete das European Space Policy Institute in Wien und war bis 2019 Chief Strategy Officer der ESA. Von 2014 bis 2016 führte er den Rechtsunterausschuss des UN-Weltraumausschusses, des wichtigsten Gremiums für Weltraumrecht. Von 2016 bis 2025 war er Präsident des International Institute of Space Law (IISL).
Der Weltraumvertrag von 1967 ist nicht mehr ausreichend
Die Grundlage bildet der Weltraumvertrag von 1967. Er besagt, dass Staaten Weltraum und Himmelskörper nicht für sich beanspruchen dürfen. "Praktisch alle Raumfahrt betreibenden Nationen haben ihn unterschrieben und ratifiziert", sagt Schrogl. Wichtig seien auch die Freiheit der Nutzung, die Verantwortung der Staaten für ihre Aktivitäten und die gegenseitige Rücksichtnahme.
Dieses Regelwerk reiche aber nicht mehr aus, meint Schrogl. "Wir brauchen zusätzlich feingearbeitete Regeln zum Verhalten der Akteure." Er meint damit ein Weltraumverkehrsmanagement, also eine Art Flugsicherung für den Orbit. Es müsse klären, welche Daten Betreiber teilen, wer Vorfahrt hat und wer in welcher Form Manöver ankündigen muss.
Die Vereinten Nationen (UN) befassen sich seit 2016 damit, damals unter seinem Vorsitz auf die Tagesordnung gesetzt. Fortschritte bremst die Geopolitik. Schrogl sieht Blockaden bei den Großmächten. Dennoch ist er überzeugt: "Je mehr Verkehr es gibt, desto dringender wird es, sich im Eigeninteresse aller zusammenzusetzen."
Zwischen ziviler und militärischer Raumfahrt
Raumfahrttechnik sei von Anfang an "inhärent Dual Use", sagt Schrogl. "Dual Use" bedeutet, dass dieselbe Technik, etwa Satelliten, Raketen oder Navigationssignale, sowohl für friedliche als auch für militärische Zwecke nutzbar ist.
Satelliten helfen bei der Wettervorhersage und genauso beim Militär. Die Grenze verschwimmt nun weiter. Auf einer Raumfahrtkonferenz in Frankfurt warnte ein Vertreter der EU-Kommission einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zufolge, Künstliche Intelligenz erleichtere auch nichtstaatlichen Akteuren Angriffe, etwa durch großflächige GPS-Störungen.
Deutschland etwa setzt auf Aufrüstung im All. Verteidigungsminister Boris Pistorius kündigte im September 2025 an, bis 2030 insgesamt 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte und eine Sicherheitsarchitektur im All bereitzustellen. Über die Verteilung entscheide allein die Bundesregierung, sagt Schrogl.
"Wir sind keine militärische Beschaffungsorganisation, und wir werden auch keine Waffen entwickeln oder produzieren." Allerdings können Anwendungen und Technologien für Sicherheitszwecke gemeinsam entwickelt werden. Dazu habe die ESA schon seit mehr als 15 Jahren ein Kooperationsabkommen mit der Europäischen Verteidigungsagentur.
Bei einem Frühwarnsystem gegen Raketenstarts dämpft Schrogl die Erwartungen. "Ein Schutzschirm wäre es erst, wenn man die Fähigkeiten hätte, die abgefeuerte Raketen auch abzuschießen. Im All und aus dem All geht es hier bisher vornehmlich um Detektion." Die Technik zur Detektion, zur Entdeckung und Aufspürung also, sei weitgehend verfügbar. Offen sei vor allem, wie Europa das organisiert: Die militärischen Fähigkeiten lägen bislang bei einzelnen Staaten. Der geschützte Galileo-Dienst PRS sei die bisher bedeutendste gemeinschaftliche europäische Komponente.
Der "Public Regulated Service" ist ein verschlüsseltes Navigationssignal, das nur staatlich autorisierte Nutzer empfangen dürfen und das laut Bundesforschungsministerium besonders gut gegen Störung und Täuschung geschützt ist. Er soll nicht nur dem Militär dienen, sondern auch Rettungsdiensten, dem Katastrophenschutz und dem Betrieb kritischer Infrastruktur, weshalb der Bund Technik für einen eigenständigen deutschen Zugang fördert.
Das System, auf dem der Dienst aufbaut, wird gerade erweitert. Im Auftrag der EU hat die ESA bestehende Verträge mit den Unternehmen Thales Alenia Space in Italien und Airbus in Deutschland um vier weitere Satelliten der zweiten Galileo-Generation ausgedehnt, je zwei pro Hersteller. Die neue Flotte umfasst damit 16 Satelliten und soll mit digitaler Technik robustere Positions- und Zeitsignale liefern. Der erste Start ist für 2028 geplant. Die Satelliten ergänzen die 38 der ersten Generation, von denen bis auf vier alle bereits im All sind.
Spielregeln im Weltraum als Vorteil
Gegen den Vorwurf der Überregulierung wehrt sich Schrogl. Ein EU Space Act bedeute zwar mehr Bürokratie. "Aber jeder vernünftige Mensch wird sagen, dass wir Regeln brauchen, um verantwortlich mit Weltraummüll umzugehen." Auf private Betreiber zu hoffen, die in 20 Jahren aus Eigennutz umdenken, sei keine Lösung.
Der Vorschlag der EU-Kommission vom Juni 2025 ruht auf drei Säulen: Er will Objekte im All besser verfolgen und neuen Weltraummüll vermeiden, Satelliten und Bodenanlagen gegen Cyberangriffe wappnen und Betreiber verpflichten, die Umweltfolgen ihrer Missionen zu beziffern und zu senken. Schrogl sieht darin sogar einen Wettbewerbsvorteil und spricht vom sogenannten Brüssel-Effekt: Europäische Standards könnten Maßstäbe setzen, weil auch Anbieter aus Drittstaaten sie erfüllen müssen, sobald sie Dienste in Europa anbieten.
Deutschland erarbeite laut Schrogl erst jetzt ein nationales Weltraumgesetz, die Hälfte der EU-Staaten beseitzt bereits eines. Tatsächlich zählte eine Wirtschaftskanzlei zuletzt 13 der 27 Mitgliedstaaten. In Berlin steckt ein Entwurf in der Ressortabstimmung, mit dem die Bundeswehr im Verteidigungsfall unter engen Voraussetzungen Leistungen privater Raumfahrtfirmen vorrangig anfordern könnte. "Das kommt jetzt, und das ist gut so", sagt Schrogl.
Europa will eigenständig ins All fliegen
Eigenständigkeit im All beginnt bei den Raketen. Ariane 6 und Vega-C sind die tragenden Säulen des europäischen Zugangs, dazu drängen junge Firmen auf den Markt. Isar Aerospace erreichte am 5. September auf dem zweiten Flug seiner Rakete Spectrum vom norwegischen Andøya aus die Umlaufbahn. Beim ersten Versuch im März 2025 war sie nach etwa 30 Sekunden ausgefallen. Rocket Factory Augsburg bereitet von Schottland aus den Erstflug ihrer RFA One vor, der sich nach einem technischen Problem im August verzögert hat.
Bei Astronauten fehlt diese Unabhängigkeit bislang. Wegen der politischen Spannungen mit Russland und China können ESA-Astronauten derzeit nur mit US-Raumschiffen starten. Und selbst dieser Weg könnte bald enden: ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher sagte im Euronews-Format "The Big Question", SpaceX wolle sein Crew-Dragon-System voraussichtlich um 2029 ausmustern.
Der Weg ins All führt noch über Florida
Wie eng die Bindung ist, zeigt der Fall der Französin Sophie Adenot. Sie flog im Februar in einer Dragon-Kapsel von Florida aus zur Internationalen Raumstation und kehrte nach 237 Tagen am 8. Oktober zurück, so lange wie noch kein Europäer vor ihr. Dabei absolvierte sie drei Weltraumspaziergänge, als erste Französin überhaupt. Nach der Wasserung im Pazifik kam sie am 10. Oktober in Köln an, wo die ESA ihr Astronautenzentrum betreibt.
Dass Europa die Lücke schließen kann, davon ist Schrogl überzeugt. Bis auf die bemannte Raumfahrt decke Europa bereits das gesamte Spektrum ab. "Alle vorhergehenden Lücken haben wir geschlossen." Ein Expertenbericht, den die ESA vor etwa drei Jahren in Auftrag gab, habe den Mitgliedstaaten erklärt, warum Europa auch diese Lücke schließen sollte. "Seither tut sich etwas."
Was das kosten würde, hat Aschbacher überschlagen. Ein eigenes System käme in zehn Jahren auf rund zehn Milliarden Euro, der Zukauf fremder Leistungen auf etwa fünf Milliarden. Bewilligt ist nichts. Ein erster Baustein ist der Frachttransport: Die ESA vergab im September einen Auftrag über 760 Millionen Euro an The Exploration Company für die Kapsel Nyx. Davon sind 310 Millionen Euro für eine Demonstrationsmission zur ISS vorgesehen. 450 Millionen Euro für zwei weitere Frachtflüge stehen noch unter Vorbehalt.
Am 15. Dezember beraten die ESA-Mitgliedstaaten in Rom über die Pläne. Die eigentlichen Programm- und Finanzbeschlüsse sollen bei der Ministerratskonferenz CM28 fallen. Ob sich Europa eigene Astronautenflüge leisten kann, ist für Schrogl keine Frage des Geldes: "Alles ist bezahlbar. Es ist eine Frage der Prioritätensetzung." Für Rom gibt er sich zuversichtlich: "Ich bin ausgesprochen optimistisch, dass im Dezember ein positives Signal von den Mitgliedstaaten ausgeht."
Deutschland nennt er dabei die treibende Kraft. Es habe sich an die Spitze der Beitragszahler gesetzt und achte darauf, dass die Projekte europäischen Nutzen für alle Mitgliedstaaten erzeugen. Mehr Eigenständigkeit bedeute keine Abschottung, betont auch Aschbacher. Europa solle ein starker Partner für andere Länder bleiben.
Wem gehört der Mond?
Auf dem Mond plant die ESA die Servicestation OASIS. Sie soll Experimenten Strom und Datenverbindung liefern und die fast 15 Tage lange Mondnacht überbrücken. Das Konzept befindet sich noch in der Studienphase. Schrogl hofft darauf, dass eine europäische Mondstation mit und durch alle europäischen Akteure gemeinsam eingerichtet wird. "Das Schönste wäre eine globale Mondstation. Aber das wäre aktuell wohl ein Wunschtraum."
Für Schrogl ist der Weltraum ein globales Gemeingut, wie die Antarktis, die Hohe See und der Tiefseeboden. "Die Weltgemeinschaft hat es im Weltraum hinbekommen, nicht jeden Zipfel Territorium und jede Ressource sofort zu verteilen und zum Eigentum zu machen." Pläne, den Mond als staatliches Hoheitsgebiet oder Privateigentum zu vergeben, lehnt er strikt ab.
Zum Schluss schlägt er den Bogen zur Erde und erklärt damit seine jahrelange Begeisterung für den Weltraum: "Wir sollten diesen Gedanken des Gemeinguts viel öfter auf der Erde anwenden. Wir haben beispielsweise ein Problem mit Wasserbewirtschaftung: Alles wird zu Eigentum gemacht und kommerzialisiert. Das muss zurückgedreht werden. Von der Art, wie wir 60 Jahre mit dem Weltraum umgegangen sind, kann man lernen. Das treibt mich an."