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Europa will Dominanz von Visa und Mastercard brechen, doch Widerstand wächst

Archivbild vom 23. Juli 2007: Auf einer Ladentür in New York kleben Aufkleber für Kreditkarten von American Express, Mastercard und Visa.
Auf dieser Archivaufnahme vom 23. Juli 2007 sind Hinweisschilder für Kreditkarten von American Express, MasterCard und Visa an der Tür eines Geschäfts in New York zu sehen. Copyright  AP Photo/Mark Lennihan
Copyright AP Photo/Mark Lennihan
Von Eleonora Vasques
Zuerst veröffentlicht am
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Digitaler Euro bis 2029 möglich: Brüssel und Banken liefern sich erbitterten Machtkampf

Europas Zahlungssystem steht vor der größten Umwälzung seit Jahrzehnten.

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Ein digitaler Euro, der Wunsch nach Unabhängigkeit von US-Zahlungsriesen und ein erbitterter Streit zwischen Banken und Brüssel treffen jetzt aufeinander. Das Ergebnis könnte verändern, wie Europäer selbst die einfachsten Alltagszahlungen abwickeln.

Der digitale Euro ist elektronisches Bargeld. Er wird von der Europäischen Zentralbank (EZB) gedeckt und soll Bargeldscheine sowie die Dienste kommerzieller Banken ergänzen.

Nach dem Vorschlag der Europäischen Kommission sollen Nutzer eine digitale Geldbörse erhalten – mit einem noch nicht festgelegten Ausgabelimit. Diese Wallet soll für Online- und Offline-Zahlungen funktionieren. Die Transaktionen sollen nicht nachverfolgbar sein.

Verabschieden die EU-Institutionen das Gesetz noch vor Ende 2026, könnte der digitale Euro ab 2029 im Einzelhandel zur Verfügung stehen.

Der Vorstoß ist politisch ebenso motiviert wie finanziell.

Visa und Mastercard, beide US-Konzerne, wickeln laut Daten der EZB einundsechzig Prozent der Kartenzahlungen im Euroraum ab – und fast alle grenzüberschreitenden Transaktionen.

Die Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Weiße Haus und seine konfrontative Außen- und Handelspolitik haben die Debatte zusätzlich beschleunigt. Beim Europäischen Rat Mitte März setzten die EU-Staats- und Regierungschefs eine Frist: Bis Ende 2026 soll die Gesetzgebung stehen.

Der Vorstoß der EZB ist auch eine Antwort auf den Aufstieg privater Stablecoins, die sich zunehmend in der Zahlungslandschaft breitmachen.

Die Botschaft aus Brüssel und von Institutionen in ganz Europa ist klar: Europa will sein Geld selbst kontrollieren.

Der Kontrast zu anderen großen Volkswirtschaften ist deutlich. Die USA gehen den entgegengesetzten Weg und treiben den GENIUS Act voran, der privaten Stablecoins einen klaren Rechtsrahmen geben soll. China hat seinen digitalen Yuan bereits im großen Stil eingeführt.

Europa sucht den Mittelweg: Der digitale Euro soll staatlich gestützt, streng reguliert und so konstruiert sein, dass die monetäre Souveränität nicht in private Hände wandert.

Digitaler Euro: Wer blockiert, wer dafür wirbt?

Überzeugt sind längst nicht alle. Mit dem Fortschreiten der Gesetzgebung wächst der Widerstand der Geschäftsbanken.

Bei einer Branchenveranstaltung Mitte April in Brüssel zielte Daniel Baal, Präsident des französischen Bankenverbands, direkt auf das Projekt.

„Der digitale Euro für den Einzelhandel, so wie er derzeit entworfen ist, bringt dieses Gleichgewicht durcheinander, weil Zentralbankgeld zu einem direkten Wettbewerber von Geschäftsbankengeld wird“, sagte er.

Wero, die von großen Banken getragene europäische Zahlungsplattform, reagiert ebenfalls vorsichtig.

Geschäftsführerin Martina Weimert räumte ein, dass es einen Bedarf für Offline-Zahlungen gebe. Sie warnte aber, der Status als gesetzliches Zahlungsmittel – Händler müssten den digitalen Euro dann wie Bargeld annehmen – führe zu einer „Wettbewerbsverzerrung“.

Befürworter halten dagegen, die Banken verfehlten den Kern der Sache.

„Es ist, als ob Bargeld nicht existierte und die Branche argumentieren würde, das sei unfair, weil Händler es annehmen müssen und Nutzer keine Gebühr zahlen“, sagte Peter Norwood, Forscher bei Finance Watch, einer europäischen Nichtregierungsorganisation, die sich für Finanzreformen im öffentlichen Interesse einsetzt, gegenüber Euronews.

„Bargeld ist ein öffentliches Gut. Genau das soll der digitale Euro im digitalen Zeitalter bewahren.“

Ohne den Status als gesetzliches Zahlungsmittel werde das Projekt nie die kritische Masse erreichen, argumentiert er.

„Wenn Händler ihn nicht akzeptieren müssen, wird die Nutzung gering bleiben. Dann ist die Verfügbarkeit öffentlichen Geldes nicht dauerhaft gesichert“, so Norwood.

Die EZB versucht die Spannungen zu dämpfen. Sie betont, dass der Privatsektor den digitalen Euro mitgestalten und mitverwalten soll.

Demnach sollen Geschäftsbanken als zentrale Dienstleister auftreten und dafür von der EZB entschädigt werden.

Der Widerstand gegen den digitalen Euro reicht jedoch weit über den Bankensektor hinaus.

Datenschützer und Befürworter dezentraler Strukturen warnen, eine staatliche Digitalwährung könnte Regierungen einen beispiellosen Einblick in die Ausgaben der Bürger geben – und ihnen womöglich die Macht, diese Ausgaben zu begrenzen.

Der geplante Deckel für individuelle Guthaben hat diese Sorgen kaum gemildert.

Auch Stimmen aus der Kryptobranche – in Europa schwächer als in den USA – üben Kritik. Sie fürchten eine Digitalwährung, die mit dezentralen Alternativen konkurriert, aber vollständig unter institutioneller Kontrolle steht.

Digitaler Euro: Der Mann mit dem Schlüssel

Das Schicksal des digitalen Euro liegt jetzt weitgehend in den Händen eines Mannes: Fernando Navarrete Rojas, ein spanischer Abgeordneter der Mitte-Rechts-Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP). Er verantwortet die Vorlage im Europäischen Parlament – der einzigen EU-Institution, die das Projekt noch nicht vorangebracht hat.

Auf Anfragen von Euronews reagierte er nicht.

Sein Auftreten in den Verhandlungen, seine öffentlichen Reden und seine Auftritte bei Branchenveranstaltungen zeigen klar: Er bevorzugt Lösungen des Privatsektors gegenüber dem digitalen Euro.

Navarrete bringt eine lange Karriere im Bankensektor mit. Er bekleidete mehrere Spitzenposten bei der Bank von Spanien und war Finanzdirektor des spanischen Staatskreditinstituts.

Außerdem leitete er den Bereich Wirtschaft und öffentliche Politik bei der Stiftung für Sozialanalyse und Studien (FAES), einem rechtsgerichteten Thinktank mit engen Verbindungen zum früheren spanischen Premier José María Aznar López.

Aus seinen öffentlich einsehbaren Terminkalendern geht hervor, dass er seit der Übernahme des Dossiers im Dezember 2024 mehr als einhundert Treffen speziell zum digitalen Euro abgehalten hat.

Da die Regierungen der EU das Projekt klar unterstützen, entscheidet nun vor allem das Parlament über Erfolg oder Scheitern.

Bei einer Veranstaltung des französischen Bankenverbands Mitte April sprach Navarrete offen über seine Skepsis. Der digitale Euro sei für ihn kein dringendes Projekt.

„Es tut mir leid, dass wir vielleicht nicht mit den dringendsten Teilen des Gebäudes begonnen haben“, sagte er.

Er stellte klar, dass er dem Privatsektor den Vorzug gibt, den er als „deutlich effizienter“ bezeichnete.

Wie die Geschäftsbanken warnte auch er vor dem Status als gesetzliches Zahlungsmittel. Er nannte ihn eine „Atombombe“, die private Alternativen aushebeln könne. „Selbst wenn der digitale Euro schlecht ist, werden Sie gezwungen, ihn zu benutzen“, sagte er.

Hinter den Kulissen

Laut mehreren mit den Verhandlungen vertrauten Personen nutzte der spanische Abgeordnete vertrauliche Treffen, um den Prozess zu bremsen. Er versuchte, seine Positionen in den Text zu schreiben und kämpfte für eine zentrale Konzession: Der digitale Euro sollte nur für Offline-Zahlungen gelten. Ein Online-Einsatz, so seine Begründung, würde direkt mit Wero, Visa, Mastercard und anderen privaten Anbietern konkurrieren.

Die Treffen wurden zunehmend polarisiert.

Auf der einen Seite standen Sozialdemokraten (S&D), Liberale (Renew Europe), Grüne und Linke, die den Vorschlag der Kommission überwiegend unterstützten.

Auf der anderen Seite stand Navarrete für die EVP in einer Minderheitsposition. Gelegentlich schlossen sich ihm Parteien von weit rechts an, allerdings unregelmäßig.

Zwei mit den Gesprächen vertraute Personen beschrieben sein Auftreten als unberechenbar und darauf ausgerichtet, die Gesetzgebung zu verzögern.

„Wir kommen nicht voran“, fasste man am Ende mehrerer Sitzungen die Lage zusammen.

Der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil sagte im Februar, Gegner des digitalen Euro schadeten Europa – eine deutliche Botschaft an Navarrete und die EVP-Fraktion, die in der Frage gespalten ist.

Die Forderung, den digitalen Euro strikt auf Offline-Zahlungen zu begrenzen, wurde schließlich aus dem Entwurf gestrichen. Damit war ein wichtiger Stolperstein ausgeräumt.

Digitaler Euro: Stand der Dinge

Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen und bleiben kompliziert, doch der Prozess kommt voran.

Entwürfe und Protokolle, die Euronews einsehen konnte, deuten auf ein ausgewogeneres Kräfteverhältnis hin als in den vergangenen Monaten.

Eine ursprünglich für Mai geplante Abstimmung im Plenum wurde verschoben. Der zuständige Parlamentsausschuss soll nun Ende Juni abstimmen, das Plenum folgt im Anschluss.

Wenn das Parlament sein Votum abgibt, beginnen die Verhandlungen zwischen den EU-Mitgliedstaaten, dem Parlament und der Kommission. Die endgültige Verabschiedung der Gesetzgebung ist bis Ende 2026 geplant.

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