Eine Langzeitstudie zeigt: Die Deutschen stehen der Bundeswehr deutlich positiver gegenüber, als oft angenommen wird. Im Interview erklärt Dr. Timo Graf, warum der Mythos vom pazifistischen Deutschland seiner Ansicht nach nicht der Realität entspricht.
Seit Russlands Angriff auf die Ukraine steht die Bundeswehr wieder stärker im Fokus: mit Debatten über Aufrüstung, Wehrpflicht und milliardenschweren Investitionen in die Verteidigung.
Doch welches Ansehen genießt die Bundeswehr in Deutschland, und hat sich die Einstellung der Menschen zu den deutschen Streitkräften in den vergangenen Jahren verändert?
Dr. Timo Graf, wissenschaftlicher Oberrat am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam ist mit seiner Studie "Deutschland in der militärischen Führungsrolle? Sicherheits- und verteidigungspolitisches Meinungsbild in der Bundesrepublik Deutschland 2025" dieser Frage nachgegangen. Die Untersuchung ist Teil einer Studienreihe, die seit 1996 jährlich durchgeführt wird, unabhängig von aktuellen Ereignissen oder politischen Entwicklungen werden so Änderungen im Laufe der Jahre sichtbar.
Mit rund 300 Fragen werden die Einstellungen der Menschen zu Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie zur Bundeswehr erforscht.
Euronews: Haben Sie die Ergebnisse Ihrer Befragung überrascht?
Dr. Graf: Wir sehen seit 2022 eine Zeitenwende in den Köpfen der Deutschen. 2025 war das, was sich auch in den Daten als besonderes Ereignis gezeigt hat, ganz klar der große Vertrauensverlust der deutschen Bevölkerung in die USA als NATO-Bündnispartner. Wir reden hier teilweise über einen Rückgang von 28 Prozentpunkten.
Im Umkehrschluss lässt sich aus den Daten auch eine nochmals gestiegene Bereitschaft der deutschen Bevölkerung ablesen, mehr in die eigene Verteidigungsfähigkeit zu investieren. Bis 2022 gab es keine Mehrheit für höhere Verteidigungsausgaben.
Seit 2022 haben wir etwas unter 60 Prozent Zustimmung für höhere Verteidigungsausgaben und der "Trump-Effekt" sorgt für einen weiteren Zuwachs um 7 Prozentpunkte auf insgesamt 65 Prozent. Das ist ein All-Time-High, wohlgemerkt seit 1996.
Euronews: Könnte sich dieser Vertrauensverlust in diesem Jahr noch weiter verschärfen – vor dem Hintergrund der Entwicklungen seit Trumps Amtsantritt, etwa rund um Grönland, Venezuela oder den Krieg gegen den Iran?
Dr. Graf: Das ist einerseits plausibel. Zum Zeitpunkt der Befragung im Frühjahr 2025 war Trump erst wenige Monate im Amt, da war es eher die allgemeine und diffuse Erwartung, dass es schwierig werden könnte, besonders mit Blick auf die europäische Sicherheit und die NATO.
Der darauffolgende Imageverlust der USA war in unserer Befragung bereits massiv. Im vergangenen Jahr kamen dann Themen wie Grönland, Venezuela, eine Vielzahl kritischer Äußerungen über die NATO und die Europäer, der Umgang der USA mit dem Russland-Ukraine-Krieg und jüngst auch noch der Iran-Krieg hinzu. Man würde also erwarten, dass das alles nicht spurlos am öffentlichen Bild der USA vorbeigeht.
Die Daten für dieses Jahr liegen mir allerdings noch nicht vor, die Datenerhebung läuft noch. Andererseits würde ich nicht erwarten, dass es nochmal so starke Verschlechterungen von 20 Prozentpunkten oder mehr wie im Vorjahr geben wird. Dafür befinden wir uns inzwischen bereits auf einem sehr niedrigen Niveau. Teilweise sieht nur noch etwa ein Drittel der Befragten die USA überhaupt als verlässlichen Partner.
Deshalb könnte es bei einzelnen Fragen zwar noch weitere Verschlechterungen geben, aber nicht wie im Vorjahr. Sonst müsste das Vertrauen de facto gegen null gehen, und das ist nicht zu erwarten. Viele Deutsche wollen auch weiterhin an den USA als Partner festhalten, weil sie überzeugte Transatlantiker sind. Ich glaube, dass der verbleibende Zuspruch in der deutschen Bevölkerung zu den USA inzwischen in dieser Gruppe zu verorten ist und dieser harte Kern wird wohl nicht mehr viel kleiner werden.
Euronews: Wenn man sich Aussagen aus der Politik anhört, wird dort weiterhin betont, die USA seien ein wichtiger Partner Deutschlands. Beißt sich das nicht mit den Studienergebnissen?
Dr. Graf: Nein, nicht wirklich. Die deutsche Bevölkerung sieht die bilateralen Beziehungen zu den USA realistisch, aber zugleich differenziert. Die Differenzierung zeigt sich besonders bei Aussagen wie: "Die USA sollten in die Verteidigung Europas eingebunden bleiben." Dafür sprechen sich weiterhin 58 Prozent aus, nur 18 Prozent sind dagegen. Ungeachtet des grundsätzlichen Vertrauensverlustes in die USA als NATO-Bündnispartner versteht die große Mehrheit der Deutschen, dass Europa und auch Deutschland in Sicherheitsfragen weiterhin stark von den USA abhängig sind.
Das wird auch durch eine andere Aussage deutlich: 46 Prozent befürworten weiterhin, dass amerikanische Atomwaffen zur Abschreckung Russlands in Deutschland stationiert bleiben. Hier gab es sogar ein leichtes Plus. Das heißt: Wenn es möglich und politisch machbar ist – auch unter der Regierung Trump –, würden viele Deutsche die USA weiterhin gerne an ihrer Seite wissen.
Gleichzeitig ist ihnen bewusst, wie stark Europa und Deutschland noch immer von amerikanischen militärischen Fähigkeiten abhängig sind. "Ami go home" ist aus Sicht vieler Bürgerinnen und Bürger also nicht die richtige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen im transatlantischen Verhältnis.
Euronews: Was ich an der Studie auch interessant fand, war die vergleichsweise hohe Zustimmung zur Bundeswehr in der Bevölkerung. Gibt es da starke Unterschiede zwischen den Generationen?
Dr. Graf: Es ist ein Narrativ bestimmter Kreise zu behaupten, die Deutschen hätten wegen der Vergangenheit grundsätzlich ein schwieriges Verhältnis zum Militär und sie seien überzeugte Pazifisten. Mag sein, dass viele Deutsche dem Militärischen im Allgemein und besonders dem Einsatz militärischer Gewalt kritisch gegenüberstehen. Aber das heißt nicht, dass sie überzeugte Pazifisten sind.
Die Deutschen tun sich mit militärischer Gewalt schwer, jedoch in dem Sinne, dass sie sich diese Entscheidung nicht leicht machen. Aber eine mehrheitlich pazifistische Gesellschaft waren sie nie.
Das zeigen auch unsere Daten: Schon vor 2022 war eine klare absolute Mehrheit der Deutschen realistisch eingestellt und hielt sowohl den Einsatz militärischer als auch ziviler Mittel für legitim, um außen- und sicherheitspolitische Ziele zu erreichen. Nur etwa 20 Prozent sind echte Pazifisten, die militärische Mittel kategorisch ablehnen und ausschließlich auf zivile Mittel setzen. Über 60 Prozent sind aber Realisten, befürworten also zivile wie militärische Mittel. Zudem sind die Realisten die Mehrheit in allen Teilgruppen der deutschen Bevölkerung - also quer durch die Gesellschaft. Echte Militaristen machen dagegen nur eine sehr kleine Minderheit von etwa sechs Prozent aus. Ähnlich klein ist die Gruppe der Isolationisten.
Interessant ist außerdem: Der Krieg gegen die Ukraine hat an diesen grundlegenden Haltungen seit 2022 kaum etwas verändert. Die Größenverhältnisse dieser Gruppen in der deutschen Bevölkerung sind weitgehend stabil geblieben.
Der zweite Punkt betrifft die Vorstellung, die Deutschen seien grundsätzlich pazifistisch und deshalb kritisch gegenüber der Bundeswehr. Unsere Daten zeigen etwas anderes: Seit dem Jahr 2000 stellen wir immer dieselbe Frage zur persönlichen Haltung gegenüber der Bundeswehr. Dabei sagen mindestens drei Viertel der Befragten, dass sie eine positive Meinung von der Bundeswehr haben. Nur 14 Prozent der Befragten haben eine negative Einstellung. Der Höchstwert lag 2002 bei 23 Prozent, also zu Beginn des Einsatzes in Afghanistan. In keiner soziodemographischen Teilgruppe oder Wählergruppe wird die Bundeswehr mehrheitlich abgelehnt.
Wir fragen außerdem nach Vertrauen, Wichtigkeit, Ansehen und dem allgemeinen Verhältnis zur Bundeswehr. Und all diese Werte zeigen in dieselbe Richtung: Es gab immer nur eine kleine Minderheit, die die Bundeswehr klar ablehnt, während die große Mehrheit der Bundeswehr als gesellschaftlicher Institution und staatlicher Organisation positiv gegenübersteht.
Wichtig sind dabei aber zwei Einschränkungen.
Erstens: Die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Rhamen des internationalen Krisenmanagements – etwa in Afghanistan oder Mali – wurden in der Bevölkerung mitunter kritisch gesehen. Das wurde häufig als Pazifismus oder als generelle Ablehnung der Bundeswehr interpretiert.
Unsere Daten zeigen aber etwas anderes: Die Einstellung zur Bundeswehr selbst blieb positiv, kritisiert wurde vielmehr der politische Auftrag, den die Bundeswehr vom Bundestag erhalten hatte. Die eigentliche Zeitenwende vollzieht sich deshalb nicht in der Grundhaltung zur Bundeswehr selbst – die war schon vorher positiv –, sondern in der Bereitschaft, ihren Auftrag zu unterstützen. Und das hängt damit zusammen, dass sich der Auftrag selbst verändert hat.
Der Fokus liegt heute nicht mehr auf Auslandseinsätzen wie in Afghanistan oder Mali, sondern wieder auf Landes- und Bündnisverteidigung. Das verstehen und unterstützen die Menschen mehrheitlich. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sehen inzwischen 65 Prozent Russland als direkte militärische Bedrohung für Deutschland. Deshalb wird die Rückkehr zur Landes- und Bündnisverteidigung mitgetragen, ebenso wie die weitgehende Abkehr vom internationalen Krisenmanagement als Hauptauftrag der Bundeswehr.
Zu den Generationenunterschieden: Ja, jüngere Menschen äußern sich zu vielen verteidigungspolitischen Fragen etwas zurückhaltender. Ihre Haltung zur Bundeswehr ist etwas weniger positiv, ebenso die Bereitschaft, mehr in Verteidigung zu investieren. Aber auch bei den Jüngeren gibt es weiterhin klare Mehrheiten für die Bundeswehr und höhere Verteidigungsausgaben. Die Unterschiede zu älteren Generationen liegen eher bei fünf bis sechs Prozentpunkten – nicht bei 10 oder 20. Deshalb würde ich nicht von einem Generationenkonflikt sprechen.
Euronews: Hat sich das seit 2022 geändert?
Dr. Graf: Nein, überhaupt nicht. Das war schon immer so. Jüngere Menschen waren tendenziell immer etwas weniger pro Bundeswehr eingestellt als der Rest der Bevölkerung. Trotzdem steht auch diese Gruppe der Bundeswehr mehrheitlich offen gegenüber.
Und natürlich ist das auch eine Frage der Sozialisation und der eigenen Erfahrungen. Welche Berührungspunkte hatte die jüngere Generation denn überhaupt mit der Bundeswehr?
2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, die Bundeswehr über viele Jahre verkleinert und kaputtgespart. Dadurch verschwand sie auch ein Stück weit aus dem öffentlichen Alltag. Standorte wurden geschlossen, es gab weniger Soldaten in Uniform, und damit auch weniger Möglichkeiten, überhaupt mit Angehörigen der Bundeswehr in Kontakt zu kommen.
Gleichzeitig wurde die Bundeswehr in Auslandseinsätze fernab der Heimat geschickt, die in der Bevölkerung häufig kritisch gesehen wurden. Auch das hat die Wahrnehmung geprägt. Hinzu kam die damalige sicherheitspolitische Lage: In Europa herrschte lange die Vorstellung von "Friede, Freude, Eierkuchen". Es wurde vermittelt, Deutschland sei nur von Freunden umgeben und brauche eigentlich keine starken Streitkräfte mehr.
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass jüngere Generationen ein anderes Verhältnis zur Bundeswehr entwickelt haben.
Euronews: Spielt die politische Einstellung hier eine Rolle?
Dr. Graf: Schauen wir zum Beispiel auf jene Gruppen, die der Bundeswehr traditionell etwas kritischer gegenüberstehen, dann beobachten wir selbst dort Erstaunliches: Unter den Befragten mit einer Wahlpräferenz für der Linken sieht eine absolute Mehrheit Russland als Bedrohung und plädiert für höhere Verteidigungsausgaben. Und auch bei den Linken ist die Meinung zur Bundeswehr im Durchschnitt mehrheitlich positiv.
Ich will damit sagen: Auch Menschen mit einer linken politischen Haltung haben überwiegend eine positive Meinung zur Bundeswehr. Im Vergleich zu anderen Gruppen bestehen dort vielleicht noch her Vorbehalte gegenüber der Zeitenwende und der Vorstellung, die Bundeswehr als ganz normalen Teil der Gesellschaft zu betrachten. Aber die Mehrheit linksgerichteter Menschen plädiert eben nicht grundsätzlich gegen die Bundeswehr oder gegen die Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit.
Euronews: Die Zustimmung der Deutschen ist hoch, wenn es um Landes- und Bündnisverteidigung geht. Haben Sie auch Fragen zur Brigade in Litauen gestellt?
Dr. Graf: Nein, dezidiert zur Brigade in Litauen haben wir nicht gefragt. Die Brigade befindet sich ja noch im Aufbau. Wir haben aber selbstverständlich sehr konkrete Aussagen zu Deutschlands militärischem Engagement an der NATO-Ostflanke abgefragt. Dazu gehören auch Einsätze, die bereits sit vilen Jahren laufen – etwa die Enhanced Forward Presence (eFP) in Litauen, die später in der Litauen-Brigade aufgehen soll.
Eine Aussage lautete etwa: "Deutschland sollte sein militärisches Engagement zur Sicherung der NATO-Ostflanke verstärken." 47 Prozent stimmen dem zu, 26 Prozent sagen "teils, teils" und nur 23 Prozent lehnen das ab. Wir haben also insgesamt eine eher positive Haltung dazu und kratzen an der absoluten Mehrheit. Ähnlich sieht es bei der Aussage aus: "Deutschland sollte die baltischen Staaten militärisch unterstützen, damit diese sich gegen Russland wehren können."
Das ist schon eine recht scharfe Formulierung, weil sie auf einen möglichen militärischen Konflikt mit Russland hindeutet. Trotzdem haben wir hier 50 Prozent Zustimmung, 24 Prozent Unentschlossene und nur 22 Prozent klare Ablehnung.
Ein ähnliches Meinungsbild zeigt sich auch bei konkreten Bundeswehr-Einsätzen wie Baltic Air Policing oder eFP Litauen. Das betrifft nur das Baltikum. Wenn es zum Beispiel um die zeitweise Luftraumüberwachung in Polen ging, lagen die Zustimmungswerte auch schon über 50 Prozent.
Das unmittelbare Nachbarland Polen ist für viele Menschen geografisch und politisch einfacher einzuordnen als die baltischen Staaten, die für viele Menschen immer noch ein weitgehend weißer Fleck auf der persönlichen Weltkarte sind. Generell ist zu beobachten: Je näher die Einsätze der Bundeswehr an der Heimat sind, desto größer ist auch die Zustimmung. Und so verwundert es nicht, dass der öffentliche Zuspruch zum Einsatz Baltic Sentry in der Ostsee mit 66 Prozent am allergrößten ist.
Afghanistan und Mali waren dagegen immer weit weg und die Einsatzziele klangen für viele Bürgerinnen und Bürger eher konstruiert. Es hieß, Deutschland sei in Mali, um Sicherheitskräfte auszubilden, damit die Gewalt eingedämmt werden könne, was wiederum zu weniger Migration führe. Solche Erklärungen haben sich vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht erschlossen. Seit 2022 ist die Lage anders. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine schockiert viele Menschen.
Die Auswirkungen des Krieges werden erfahrbar durch über eine Million Flüchtlinge und stark gestiegene Lebenshaltungskosten in Deutschland. Hinzu kommt die steigende Anzahl hybrider Angriffe auf Deutschland wie Cyberangriffe, Anschläge auf zivile Infrastruktur, Sabotage, Spionage, Desinformationskampagnen, was ebenfalls viele Bürgerinnen und Bürger besorgt. Und als wäre das alles nicht genug, schwindet unter Trump auch noch das Vertrauen in die USA als NATO-Bündnispartner. Aus dieser gefährlichen und komplexen Lage erwächst der Wunsch nach einer Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit.