Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Industrielle Souveränität: EU hängt in fünf Schlüsselbranchen von China ab

ARCHIV: Arbeiter verladen im Hafen Tianjin in China einen Container auf ein Frachtschiff, August 2010.
ARCHIV: Hafenarbeiter verladen im August 2010 im chinesischen Hafen Tianjin einen Container auf ein Frachtschiff. Copyright  AP Photo/Andy Wong
Copyright AP Photo/Andy Wong
Von Quirino Mealha
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Von Solarpanels über seltene Erden bis zu Industrierobotern: Chinesische Firmen sind in immer mehr europäischen Branchen Haupt- oder Alleinlieferanten. Die Angst vor einem neuen „China-Schock“ wächst.

In einigen Branchen ist Europas Abhängigkeit von Waren aus China inzwischen so fest verankert, dass es kaum noch glaubwürdige Alternativen gibt.

WERBUNG
WERBUNG

Der Druck nahm 2025 weiter zu. Washington verhängte umfassende Zölle auf chinesische Produkte, in Europa wuchs die Sorge, China könne seine Überschussproduktion zu Dumpingpreisen auf den EU-Markt umleiten.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach beim G7-Gipfel in Kanada im vergangenen Jahr von einem „neuen China-Schock“. Sie warnte, Peking überschwemme die Weltmärkte mit subventionierter Überkapazität, die die eigene Bevölkerung gar nicht aufnehmen könne.

In der vergangenen Woche rief Binnenmarktkommissar Stéphane Séjourné die Unternehmen in der EU dazu auf, ihre Zulieferer breiter aufzustellen. Die Handelskonflikte mit China verschärfen sich, Peking droht der EU immer wieder, und Brüssel arbeitet an schärferen Regeln, um die eigenen Märkte vor einer zu großen China-Abhängigkeit zu schützen.

Eurostat zufolge importierte die EU 2025 Waren aus China im Wert von 559,4 Milliarden Euro – ein Anstieg um 89 % seit 2015. Das führte zu einem Handelsdefizit von 359,8 Milliarden Euro. Allein 2025 gingen die EU-Ausfuhren nach China um 6,5 % zurück, während die Einfuhren um 6,4 % zulegten.

China ist mit großem Abstand der wichtigste Einfuhrpartner der EU und der Hauptlieferant sogenannter abhängiger Produkte. Es liefert 47 % dieser Kategorie in den Binnenmarkt und rund die Hälfte des gesamten Importwerts – etwa 206 Milliarden Euro von insgesamt 404 Milliarden Euro.

Als abhängige Produkte gelten Bauteile und Rohstoffe, die für die Herstellung eines Endprodukts nötig sind. So hängt etwa der Bedarf an Smartphone-Akkus davon ab, wie viele fertige Smartphones ein Unternehmen produzieren will.

Die USA sind der zweitwichtigste Lieferant dieser abhängigen Produkte für die EU, kommen aber auf weniger als 10 % der Kategorie und nur auf 11 % des gesamten Importwerts, wie eine aktuelle Analyse des Centre for Economic Policy Research (CEPR) zeigt.

Zusammen mit weiteren Daten zur strategischen Abhängigkeit lassen sich fünf Sektoren erkennen, in denen Europas Verwundbarkeit gegenüber China strukturell ist: Solarenergie, kritische Rohstoffe, Industrierobotik, Chemie sowie Textilien und Holzprodukte.

Euronews hat einige der Gründe für diese außergewöhnliche Abhängigkeit der EU von China in diesen Bereichen zusammengestellt.

Grüne Wende: Made in China

Unter allen Abhängigkeiten der EU von China wiegt jene, die tief in der Klimapolitik verankert ist, vermutlich am schwersten.

Nach Eurostat-Daten entfielen 2024 rund 98 % aller Solarmodulimporte in die EU auf chinesische Anbieter. Der Gesamtwert dieser Importe sank von 19,7 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 10,9 Milliarden Euro 2024 – nicht wegen geringerer Mengen, sondern weil die Preise aus China eingebrochen sind.

Die vollständigen Zahlen für die Solarimporte des vergangenen Jahres liegen noch nicht vor.

Ein Bericht des Thinktanks Loom zeigt außerdem, dass China 2025 rund 88 % der EU-Importe von Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge liefert, nach 75 % im Jahr 2019.

Die Verwundbarkeit reicht weit über fertige Produkte hinaus.

Eine Studie des Forschungsdienstes des Europäischen Parlaments kommt zu dem Ergebnis, dass die EU 98 % ihrer Magnete aus seltenen Erden aus China bezieht. Dazu gehören Materialien, die für Elektromotoren in Autos, Windkraftanlagen und militärische Systeme unverzichtbar sind.

Daten der EU-Kommission beziffern die Abhängigkeit bei Magnesium auf 97 %. Das Metall ist ein zentraler Bestandteil neuer Batteriegenerationen, die eine Alternative zur Lithium-Ionen-Technologie bieten, und wird außerdem für die Speicherung von Wasserstoff sowie für leichte Strukturen in der erneuerbaren Energieerzeugung eingesetzt.

Wegen dieser massiven Abhängigkeit von einem einzigen Land hat die EU-Kommission Magnesium auf ihre Liste kritischer Rohstoffe gesetzt, um heimische Projekte zur Förderung, Verarbeitung und zum Recycling zu beschleunigen.

Chinesische Unternehmen kontrollieren zudem mehr als 80 % der weltweiten Produktionskapazität für Solarmodule, von der Herstellung von Polysilizium bis zu fertigen Modulen, wie der Geopolitical Intelligence Services berichtet.

Kurz gesagt: Europas grüne Wende steht auf einem Fundament, das nicht in europäischer Hand liegt.

ARCHIV: Arbeiter verladen Lithium-Ionen-Batterien in einer Fabrik in Taizhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu, Juli 2018
ARCHIV: Arbeiter verladen Lithium-Ionen-Batterien in einer Fabrik in Taizhou in der ostchinesischen Provinz Jiangsu, Juli 2018 Chinatopix via AP

Industrie: Roboterboom aus China

Die Industrierobotik erzählt nicht nur von Abhängigkeit, sondern auch von einer wachsenden Verdrängung europäischer Hersteller.

Zwischen Anfang 2025 und Anfang 2026 stiegen die Importe von Industrierobotern aus China in die EU um 315 %, während die Durchschnittspreise um 29 % sanken, wie Daten der Überwachungseinheit der EU-Kommission für Importe zeigen.

Chinas Dominanz in diesem Bereich ist kein Zufall.

Die Industrieinitiative „Made in China 2025“, gestützt durch staatliche Subventionen, günstige Kredite und Steueranreize, hat den Robotiksektor des Landes stark wachsen lassen. Die Zahl der Unternehmen hat sich seit 2020 verdreifacht.

Die Überproduktion im eigenen Land drängt chinesische Hersteller auf die Exportmärkte, mit Preisen, mit denen europäische Wettbewerber kaum mithalten können.

Nach Angaben der International Federation of Robotics produziert China inzwischen mehr Industrieroboter als Deutschland, Südkorea, Japan und die USA zusammen.

Chemie, Textilien, Holz: alte Abhängigkeiten, neue Tiefe

Im Chemiesektor zeigen die Daten der Kommission, dass bestimmte Verbindungen 36-mal so häufig wie im Vorjahr aus China in die EU geliefert wurden – zu Preisen, die um bis zu 95 % niedriger lagen.

Im März 2025 führte die Kommission eine spezielle Überwachung bestimmter Chemikalien auf Ethylen- und Ammoniakbasis ein. Sie verwies auf Überkapazitäten in China und einen sprunghaften Anstieg des chinesischen Marktanteils in der EU.

Ähnlich entwickelt sich die Lage bei Textilien und Holzprodukten.

Bekleidung und Schuhe aus China machen weiterhin einen erheblichen Teil des nicht in der EU produzierten Angebots aus, auch wenn einige Produktionslinien in kostengünstigere Länder in Südostasien, etwa nach Vietnam, verlagert wurden.

China liefert nach Eurostat-Angaben etwa 30 % bis 35 % des Werts aller nicht in der EU hergestellten Einfuhren von Bekleidung und Schuhen.

Holzprodukte sind zu einem neuen Streitpunkt geworden. Die Importe von vormontiertem Parkett aus China stiegen innerhalb eines Jahres um mehr als das Zehnfache, die Preise brachen um 77 % ein. Daraufhin verhängte die Kommission im Juli 2025 Zölle zwischen 21,3 % und 36,1 %, um eine Branche mit mehr als 10.000 Beschäftigten und einem Volumen von 1,3 Milliarden Euro zu schützen.

Im August 2025 folgten Dekorpapiere: Die EU setzte hier Zölle zwischen 26,4 % und 26,9 % fest, um mehr als 2.000 Arbeitsplätze in Europa zu sichern.

In allen fünf Sektoren reagierte die Kommission bislang vor allem im Nachhinein und führte Zölle ein, nachdem Schäden bereits sichtbar waren.

Die grundlegendere Frage lautet, ob Europa noch genug industrielle Kapazität und politischen Willen hat, um echte Alternativen aufzubauen, bevor die Abhängigkeit unumkehrbar wird – und damit zu einem Hebel, den Peking nach Belieben ansetzen kann.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Einer von tausend: In diesen Ländern Europas verdienen Ultrareiche am meisten

Vor SpaceX-Börsengang: die größten Börsengänge aller Zeiten im Vergleich

Sie verdienen Millionen mit KI: Wer sind die Top-Talente, die bei den Tech-Giganten abräumen?