Die EU-Krypto-Regeln nach MiCA gelten ab dem ersten Juli vollständig. Doch bis Mai hatten sich weniger als jede fünfte der über 1.200 registrierten Kryptofirmen die nötige Lizenz für europäische Kundschaft gesichert.
Für die Kryptobranche in Europa läuft die Zeit bis zu einer ihrer wichtigsten Fristen ab.
Ab Anfang Juli endet die Übergangsphase der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA). Unternehmen ohne Zulassung dürfen dann keine europäischen Kundinnen und Kunden mehr bedienen – oder müssen ihr Geschäft ganz einstellen.
MiCA ist das erste umfassende EU-Gesetz für die Kryptobranche. Es bringt Börsen, Broker und Anbieter digitaler Wallets unter eine formale Aufsicht, wie sie für Banken und andere Finanzhäuser seit Langem gilt.
Die Verordnung ersetzt den bisherigen Flickenteppich nationaler Vorschriften durch ein gemeinsames Regelwerk für alle 27 Mitgliedstaaten. Wer in einem EU-Land eine Lizenz erhält, bekommt einen „Pass“, um im gesamten Binnenmarkt tätig zu sein. Im Gegenzug gelten Vorgaben dazu, wie viel Eigenkapital ein Unternehmen hält, wie es geführt wird, wie Kundengelder geschützt werden und wie Geldwäsche verhindert wird.
„Entstehen wird ein echter Binnenmarkt, der den alten Flickenteppich von 27 nationalen Regimen ablöst“, sagte Yamal Kalaf, Mitgründer von MiCAR Whitepapers Europe, einem Beratungsunternehmen für MiCA-Zulassungen, gegenüber Euronews.
Seit die Kernregeln Ende 2024 in Kraft traten, durften bestehende Anbieter zunächst weiter unter ihren alten nationalen Registrierungen arbeiten. Diese Übergangsregel läuft nun aber aus.
Kryptofirmen brauchen EU-Lizenzen: viele hinken hinterher
Das Ausmaß der bevorstehenden Marktbereinigung ist bemerkenswert.
Nach Angaben der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA, die im April eine Verlängerung ausschloss, hatten bis Mai erst rund 210 Unternehmen eine Vollzulassung erhalten – von mehr als 1.200, die zuvor über nationale Kryptoregistrierungen in der EU verfügten.
Das entspricht einer Umstellungsquote von deutlich unter einem Fünftel. Die große Mehrheit der bisherigen Anbieter steht damit kurz vor Ablauf der Frist ohne Lizenz da.
Im Gespräch mit Euronews erklärte Roshan Dharia, Chef des auf notleidende Investments spezialisierten Unternehmens Echo Base: „Die niedrige Umstellungsquote zeigt, dass ein signifikanter Teil des Marktes zu dem Schluss gekommen ist, dass Erwerb und Erhalt einer MiCA-Lizenz im aktuellen Geschäftsmodell wirtschaftlich nicht darstellbar sind.“
Nationale Aufseher warnen, dass Unternehmen ohne neue Lizenz nach Ablauf der Frist mit Maßnahmen rechnen müssen. Die französische Marktaufsicht weist zudem darauf hin, dass ein Weiterbetrieb ohne Genehmigung strafrechtliche Folgen haben kann.
ESMA fordert nicht lizenzierte Anbieter auf, geordnete Abwicklungen vorzubereiten. Kundenvermögen sollen auf zugelassene Plattformen oder Wallets zur Eigenverwahrung übertragen werden. Kundinnen und Kunden sollen frühzeitig informiert werden, damit sie ihre Gelder sicher verschieben können.
„Nach dem ersten Juli sehen wir einen kleineren, stärker institutionellen Markt mit echtem Passporting. Das ist kein Rückzug des Marktes, sondern sein Erwachsenwerden“, sagte Miguel Zapatero, Chefjurist beim Infrastrukturanbieter Crossmint, Euronews.
Crossmint stellt Infrastruktur für Kryptoanwendungen bereit; über seine lizenzierten Schnittstellen können Entwickler Wallets, Verwahr- und Bezahllösungen aufbauen.
Kryptomarkt ordnet sich um lizenzierte Infrastruktur neu
Viele bekannte Anbieter haben die Hürde bereits genommen.
Coinbase erhielt seine Zulassung in Irland, Kraken in Irland und Luxemburg. Die Banking-App Revolut bekam ihre Lizenz Ende vergangenen Jahres von der Aufsicht in Zypern und darf damit Kryptoangebote in der gesamten EU machen.
Für diese Unternehmen versprechen die neuen Regeln Vorteile: Wenn unlizensierte Konkurrenten sich zurückziehen, übernehmen die Verbleibenden deren Kundschaft.
„MiCA bedeutet einen echten Wandel der regulatorischen Identität, keine bloße Registrierungspflicht“, sagte Gal Arad Cohen, Partner der Kanzlei S. Horowitz & Co, Euronews.
Das bislang prominenteste Opfer könnte Binance sein, die weltweit größte Kryptobörse.
Reuters berichtete unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen zunächst, Binance werde die Erlaubnis verlieren, EU-Kundinnen und -Kunden zu bedienen, weil der Lizenzantrag bei der griechischen Marktaufsicht, der Hellenic Capital Market Commission, kurz vor der Ablehnung stehe.
Ohne Genehmigung in einem Mitgliedstaat kann die Börse ab Juli nicht mehr im europäischen Binnenmarkt aktiv sein.
Im Gespräch mit Euronews verwies Patrick Mollard, Chef des Blockchain-Zahlungsdienstleisters Fipto, auf den Fall Binance: „Größe verschafft keine Abkürzung zur Lizenz – genau darum geht es.“
Am Mittwochnachmittag teilte Binance offiziell mit, den Antrag bei der griechischen Behörde zurückgezogen zu haben. Zuvor hatte das Unternehmen erklärt, man arbeite seit 18 Monaten konstruktiv mit den Aufsehern zusammen und sei überzeugt, die MiCA-Anforderungen zu erfüllen.
„Europa bleibt ein wichtiger Markt für Binance. Unser Bekenntnis zu einem klaren, fairen und harmonisierten MiCA-Rahmen bleibt unverändert. Unsere Ziele in Europa sind dieselben, und wir sind zuversichtlich, in den kommenden Monaten eine Lizenz zu erhalten“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens.
„In der Zwischenzeit werden wir vor dem ersten Juli die notwendigen Schritte unternehmen, um die geltenden Vorgaben einzuhalten. Das bedeutet, dass einige Nutzerinnen und Nutzer betroffen sein können. Wir werden sie direkt informieren und die nächsten Schritte klar erläutern“, schloss Binance.
Der Vorgang soll auch eine politische Dimension bekommen haben.
Das französische Kryptomagazin The Big Whale berichtete unter Berufung auf nicht genannte Quellen, EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe sich gegen eine MiCA-Lizenz für Binance in Griechenland gestellt.
Euronews konnte diese Darstellung nicht unabhängig bestätigen. Weder die EZB noch die griechische Regierung haben die Vorwürfe bislang öffentlich kommentiert.
The Big Whale meldete zudem, Binance prüfe nach dem Rückschlag in Griechenland nun einen MiCA-Antrag in Frankreich. Weder das Unternehmen noch die französischen Aufseher haben das bisher öffentlich bestätigt.
Binance reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage von Euronews und hat bislang nicht öffentlich gemacht, in welchem EU-Staat das Unternehmen eine Zulassung anstrebt.
Kleinere Kryptofirmen vor Marktbereinigung
Neben den großen Namen dürfte die Frist vor allem kleinere Krypto-Apps und Broker zu lizenzierten Verwahrstellen drängen. Viele werden statt eigener MiCA-konformer Systeme darauf setzen, dass zugelassene Anbieter die Kundengelder halten.
„Wir werden Konsolidierung und die Verlagerung von Kundschaft erleben, weil nicht alle derzeit aktiven Unternehmen die Frist einhalten werden“, erklärte Floortje Nagelkerke, Partnerin der Kanzlei Norton Rose Fulbright, Euronews.
Analysten erwarten einen kleineren, stärker konzentrierten europäischen Markt mit weniger Anbietern, höheren Zugangshürden und einem klaren Vorteil für lizenzierte Unternehmen – aber auch mit besseren Schutzmechanismen für Verbraucherinnen und Verbraucher.
„Menschen, die nach dem ersten Juli in der EU Krypto halten, werden dies im Durchschnitt auf sichereren Schienen tun“, fasste Miguel Zapatero von Crossmint zusammen.