Der US-Handelskrieg treibt Kanada politisch und wirtschaftlich näher an Europa. In Verteidigungs-, Luftfahrt- und Industrietechnik eröffnen sich europäischen Firmen frühe Chancen.
Der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada treibt Ottawa näher an die Europäische Union heran. Für europäische Unternehmen entstehen dadurch bereits neue Chancen in der Verteidigungs-, Luft- und Raumfahrtindustrie sowie in der industriellen Technologie.
Der kanadische Premierminister Mark Carney erhielt am Mittwoch in Straßburg stehende Ovationen – ein seltenes Ereignis für einen ausländischen Regierungschef im Europäischen Parlament.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gab diesem Empfang später eine klare politische Bedeutung.
„Ich möchte mit Ihnen daran arbeiten, Kanada den Weg zu öffnen, das erste assoziierte Mitglied der EU zu werden“, sagte sie in ihrer jährlichen Rede zur Lage der Union.
Von der Leyen sprach von einer umfassenden „Allianz für die Zukunft“, die Verteidigung, Energie, Technologie, kritische Rohstoffe und die Arktis einbezieht.
Was bedeutet eine „assoziierte Mitgliedschaft“?
In den EU-Verträgen gibt es bislang keine feste Kategorie „assoziiertes Mitglied“ und kein vorgefertigtes Modell, dem Kanada einfach beitreten könnte.
Eine solche Kategorie müsste die Mitgliedstaaten erst beschließen. Danach wären komplexe rechtliche Verhandlungen nötig.
Zehn Staaten, darunter Frankreich und Italien, haben das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen CETA auch fast ein Jahrzehnt nach der Unterzeichnung noch nicht vollständig ratifiziert.
Carney betonte zudem, Kanada strebe keine Vollmitgliedschaft in der EU an. Ottawa wolle vielmehr eine „einzigartige Allianz“, die über ein klassisches Freihandelsabkommen hinausgeht.
Vorläufig ist der Vorschlag eher ein politisches Signal als ein konkreter rechtlicher Fahrplan.
Gleichzeitig zeigen jüngste Verträge, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit bereits Fahrt aufnimmt.
EU-Kanada-Handel liegt bereits vorn
Der Waren- und Dienstleistungshandel zwischen beiden Seiten ist seit 2016, dem Jahr vor dem vorläufigen Inkrafttreten von CETA, um mehr als 81 % gestiegen und erreichte 2025 laut Rat der EU knapp über 130 Milliarden Euro.
Die Ausfuhren von Waren aus der EU nach Kanada beliefen sich auf 48,9 Milliarden Euro. Dienstleistungen kamen mit weiteren 29,4 Milliarden Euro hinzu.
Deutschland lieferte im vergangenen Jahr Waren im Wert von rund 12 Milliarden Euro nach Kanada. Italien folgte mit 6,3 Milliarden Euro, Frankreich lag mit 4,4 Milliarden Euro dahinter.
Den europäischen Absatz in Kanada dominieren Maschinen, Chemikalien, Pharmazeutika und Verkehrsausrüstung.
Der Verkauf europäischer Maschinen nach Kanada erreichte im vergangenen Jahr einen Rekordwert von 9,5 Milliarden Euro. Elektrische Ausrüstung legte von 2 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf 3,3 Milliarden Euro zu, und Pkw stiegen im selben Zeitraum von 2,9 Milliarden Euro auf 4,4 Milliarden Euro.
Besonders stark zog die Luft- und Raumfahrt an: Der Absatz motorisierter Flugzeuge kletterte von 449 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 1,2 Milliarden Euro.
Europäische Rüstungsunternehmen mit guten Aussichten
Gerade im Verteidigungsbereich wird deutlich, dass Kanada über seine traditionellen US-Lieferanten hinausblickt.
Im Juli bestimmte Ottawa die deutsche TKMS AG & Co. KGaA, die im vergangenen Oktober aus Thyssenkrupp AG ausgegliedert wurde, als bevorzugten Anbieter für bis zu zwölf neue U‑Boote.
Der endgültige Vertrag ist zwar noch nicht unterschrieben, doch die Entscheidung rückt ein europäisches Unternehmen ins Zentrum eines der größten Rüstungsbeschaffungsprogramme Kanadas.
Auch der schwedische Konzern Saab macht Boden gut. Ottawa wählte das Unternehmen als bevorzugten Lieferanten für sechs GlobalEye-Überwachungsflugzeuge – vor den Angeboten von Boeing und L3Harris.
Die GlobalEye-Flugzeuge basieren auf Geschäftsjets des kanadischen Herstellers Bombardier Inc. Saab hat angeboten, einen großen Teil der Arbeiten in Kanada zu erledigen und europäische Sensoren sowie Missionssysteme mit kanadischen Flugzeugrümpfen zu kombinieren.
Die Maschinen nutzen Jets von Bombardier in Kanada. Saab stellt in Aussicht, einen Großteil der Fertigung im Land vorzunehmen und europäische Technologie mit kanadischer Produktion zu verbinden.
Im Juni wurde Kanada zudem als erstes nicht europäisches Land in die Beschaffung im Rahmen des EU‑Verteidigungsprogramms SAFE aufgenommen.
Damit erhalten kanadische Hersteller Zugang zu gemeinsamen europäischen Einkäufen. Zugleich können europäische Rüstungskonzerne ihre Lieferketten leichter so gestalten, dass kanadische Firmen Teil davon werden.
Airbus und Siemens bereits mit starker Präsenz
Die Chancen beschränken sich nicht auf militärisches Gerät. Air Canada hat eine Festbestellung über acht A350‑1000 bei Airbus aufgegeben.
Die Regierung beauftragte Airbus außerdem mit der Lieferung von vier neuen A330‑Tankflugzeugen sowie fünf Umbauten. Das gehört zu einem Programm im Wert von 3,6 Milliarden kanadischen Dollar (2,2 Milliarden Euro), dessen erstes Neubauflugzeug im Juli abhob.
Ottawa stellt weitere 1,5 Milliarden kanadische Dollar (930 Millionen Euro) bereit, um die Flotte einsatzbereit zu halten.
Der deutsche Konzern Siemens investiert 150 Millionen kanadische Dollar (97 Millionen Euro) über fünf Jahre in ein kanadisches Forschungszentrum für KI‑gestützte Batteriefertigung.
Die französischen Unternehmen Keolis, Systra und SNCF Voyageurs gehören zudem zum Konsortium Cadence, das 2025 ausgewählt wurde, um Alto zu entwickeln, die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Toronto und Québec City. Kanada hat für die Entwicklungsphase des Projekts rund 2,4 Milliarden Euro eingeplant.
Kritische Rohstoffe als nächste Chance
Kanadas Vorkommen an Nickel, Lithium, Kupfer und weiteren kritischen Rohstoffen eröffnen ein weiteres Feld für Zusammenarbeit.
Europa will seine Abhängigkeit von stark konzentrierten und politisch riskanten Lieferanten verringern.
Kanada wiederum sucht nach mehr Investitionen, Verarbeitungskapazität und Kunden jenseits der Vereinigten Staaten.
Im März unterzeichneten die Europäische Investitionsbank und die kanadische Regierung eine Absichtserklärung, um Finanzierungsmöglichkeiten für kanadische Projekte im Bereich kritischer Rohstoffe auszuloten.
Konkrete Finanzzusagen enthält die Vereinbarung bisher nicht.
Langfristig könnte sie jedoch europäische Unternehmen unterstützen, die in Bergbautechnik, Verarbeitung, Recycling und Batterieproduktion tätig sind.
Der Preis für einen tieferen Zugang nach Europa
Bis 2024 hat CETA 99 % der Zölle abgeschafft. Eine neue Allianz müsste daher mehr bieten als eine weitere Senkung der Einfuhrabgaben.
Zusätzliche Vorteile dürften vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen, Investitionen, digitalem Handel, beruflicher Mobilität und der gegenseitigen Anerkennung von Standards liegen.
Mehr Zugang könnte zugleich bedeuten, dass Kanada seine Vorschriften in den vom künftigen Abkommen erfassten Bereichen stärker an die EU angleicht.
Es ist jedoch zu früh, um davon auszugehen, dass Kanada europäische Regeln in allen Bereichen von Landwirtschaft bis Datenschutz übernimmt. Entscheidend wird sein, was „assoziierte Mitgliedschaft“ am Ende konkret bedeutet.
Angelo Katsoras, geopolitischer Analyst bei der National Bank of Canada, schrieb in einer Notiz im August, Brüssel nutze „immer stärker Vergaberegeln, Subventionen, Zölle und Anforderungen an lokale Wertschöpfung, um mehr Produktion innerhalb Europas zu fördern“.
Das könnte es kanadischen Unternehmen erschweren, auf den europäischen Markt vorzudringen.
„Den Handel über die Vereinigten Staaten hinaus auf Regionen wie die EU zu diversifizieren, dürfte schwieriger werden, als viele erwarten“, so Katsoras.
Die gleiche Logik gilt in umgekehrter Richtung. Europäische Unternehmen haben in Kanada eher Erfolg, wenn sie vor Ort investieren, statt sich ausschließlich auf Exporte zu verlassen.
Kann Europa die Vereinigten Staaten ersetzen?
Die kurze Antwort lautet: nein.
Die USA nahmen 2025 71,7 % der kanadischen Warenexporte auf. Die EU stand im Vergleich für 8,7 % von Kanadas gesamtem Warenhandel.
Kanada kann die Pipelines, Eisenbahnstrecken, Fabriken und grenzüberschreitenden Lieferketten, die auf den südlichen Nachbarn ausgerichtet sind, nicht kurzfristig ersetzen.
Wahrscheinlicher ist eine schrittweise Neuverteilung von Investitionen und staatlichen Aufträgen.
Verteidigung und Bahnverkehr können dabei den Anfang machen, weil Regierungen die Lieferanten auswählen. Kritische Rohstoffe, Batterietechnologie und Energieinfrastruktur könnten folgen, sobald Finanzierung und Lieferketten stehen.
Kanadas Hinwendung nach Europa ist daher eher keine wirtschaftliche Scheidung von den Vereinigten Staaten, sondern die Entscheidung, sich nicht länger auf einen einzigen Partner zu verlassen.
Für europäische Unternehmen werden die größten Gewinner nicht unbedingt jene sein, die am meisten exportieren. Erfolgversprechend sind vielmehr die Gruppen, die europäische Technologie in kanadische Produktion, Investitionen und Arbeitsplätze übersetzen.