Der Grammy-prämierte Produzent und Unternehmer Swizz Beatz erklärt Euronews Culture, wie Technologie Kreativität verändert, warum Originalität zählt und was ihn immer wieder in den Nahen Osten zieht.
Swizz, auf deinem Web-Summit-Panel ging es gerade darum, wie Kultur und Technologie aufeinandertreffen. Deine Live-Performance-Plattform Verzuz im Netz ist dafür das beste Beispiel. Was begeistert dich am meisten daran, wie Technologie das kreative Spielfeld im Moment verändert?
Swizz Beatz: Ich finde am aufregendsten, wie Menschen heute andere Menschen erreichen können. Als ich angefangen habe, musste man alles noch persönlich übergeben, selbst Plattenverkauf war komplett analog. Heute kann jemand hier in Katar eine Idee haben und in derselben Sekunde wissen Leute in New York davon. Diese Geschwindigkeit, mit der Technologie reist, ist wichtig, denn sie gibt vielen Menschen überhaupt erst eine Stimme.
Hier sind viele junge Gründerinnen und Gründer. Welchen Rat gibst du ihnen – egal ob sie Künstler sind oder am nächsten großen KI-Projekt arbeiten?
Swizz Beatz: Mein Rat an alle jungen Künstlerinnen und Künstler hier und weltweit: Habt Geduld. Ich weiß, es fühlt sich an wie ein Goldrausch. Aber wenn du Qualität, Originalität und etwas wirklich Eigenes hast, kommen die Leute immer wieder genau darauf zurück. Viele springen auf jeden Hype auf, alles muss schnell gehen. Das verbrennt sich sehr schnell. Wer dagegen ruhig bleibt, lernt, beobachtet und die anderen erstmal rennen lässt, hat am Ende meist die besten Chancen auf eine lange Karriere. Ich war einer von ihnen. So gehe ich auch hier im Nahen Osten vor, seit zweitausendsechs. Ich habe hier wichtige Projekte gemacht. Vor allem aber war ich Schüler. Das ist das Beste überhaupt: Schüler zu sein, Katar zu verstehen, Saudi-Arabien, Bahrain, Abu Dhabi und all diese Orte. Jede dieser Regionen hat etwas anderes zu bieten. Komm nicht nur wegen des Glamours her. Viele denken: Ich gehe hin und werde schnell reich. Nein, es dauert auch hier zehntausend Stunden, so wie überall, bis etwas wirklich erfolgreich ist.
Was genau an dieser Region zieht dich immer wieder zurück?
Swizz Beatz: Ich bin schon sehr lange Fan dieser Region. Mein Großvater ist neunzehnhundertachtundsiebzig nach Mekka gepilgert. Ich erinnere mich an die Fotos von ihm – er war Imam. Er ist vor Kurzem gestorben, aber er hatte ein großartiges Leben. Er hat unter anderem Muhammad Ali gemanagt. Zu Hause lief ständig arabische Musik, und ich war immer fasziniert von dieser Kultur. Ich weiß, dass irgendwo in mir etwas Arabisches steckt. Ich heiße Kasseem, ich bin Abu Nasser, mein zweiter Name ist Daoud. Wir sind eine muslimische Familie, das war also ganz natürlich. Aber als ich dann hier war, waren es die Menschen. Viele haben sich damals über mich lustig gemacht, weil ich so früh in den Nahen Osten gekommen bin. Sie sagten: Fahr da nicht hin, dies, das. Und ich dachte mir nur: Ich spüre hier etwas in den Menschen, das ich nicht in Worte fassen kann. Genau das hat mich gepackt – die Menschen.
Du arbeitest jetzt mit Qatar Airways zusammen. Warum ist das Projekt Creative 100 für dich so wichtig?
Swizz Beatz: Bei allem, was ich tue, geht es um die Menschen – von Künstlern, für Künstler, mit den Menschen. Creative 100 zusammen mit Qatar Airways baut ein Ökosystem auf, eine Community. Das, was wir machen, soll ja anderen helfen. Stell dir vor, wir können jedes Jahr 100 Menschen unterstützen oder 100 Talente ins Rampenlicht holen. Creative 100 feiert all die Architekten von Kreativität in jeder Form, nicht nur in der Musik.
Mit Projekten wie Creative 100 und Art Basel Qatar – wie prägt die Region aus deiner Sicht die globale Kreativszene?
Swizz Beatz: Ich finde, die Region eröffnet der weltweiten Kreativszene Chancen, an denen viele andere Orte längst aufgehört haben. Anderswo wird Kunst kaum noch gefördert, viele Programme wurden gestrichen. Hier passiert das Gegenteil: Man investiert in Kreativität, in kreative Menschen. Es entstehen Zentren für Bildung, für Technologie, für all diese Bereiche.
Gibt Technologie Kreativen heute mehr Macht – oder bringt sie vor allem neue Herausforderungen, die es früher nicht gab?
Swizz Beatz: Beides. Technologie soll herausfordern. Aber wenn du sie einmal verstanden hast, läuft es. Ich weiß noch, wie ich meine erste MPC bekommen habe. Das Handbuch war so dick, ich habe es nie gelesen. Ich habe mir meinen eigenen Weg durch das System gesucht und meine eigene Art entwickelt, Beats zu bauen. Diese frühe Auseinandersetzung mit Technik hat mich geprägt – und sie hat meinen Sound besonders gemacht.
Und deine Art zu produzieren ist extrem besonders. Größen wie Jay-Z haben das schon entdeckt, als du noch sehr jung warst – und später viele andere Rapper auch. Was hat an deiner Ausdauer, deinem Können und diesem Gesamtpaket dafür gesorgt, dass du aus der Masse herausgestochen bist?
Swizz Beatz: Am Anfang hatte ich einfach Spaß. Ich wusste gar nicht, dass man mit Musik Geld verdienen kann. Für mich war das kein Business, sondern ein Lifestyle. Ich habe einfach Musik gemacht. Für Leute wie Jay und die anderen war ich interessant, weil ich meine Beats ohne Samples gebaut habe. Und das ist auch meine Botschaft an alle Kreativen: Das Beste, was du sein kannst, ist originell. Ohne Samples konnte ich Songs praktisch am nächsten Tag releasen. Die meisten haben gesampelt und mussten erst die Rechte klären. Außerdem habe ich für die meisten Tracks die Hooks selbst geschrieben. Mein Beat kam also ohne Sample, aber mit fertigem Refrain. Wenn du ein vielbeschäftigter Artist warst und zu mir kamst, hatte ich schon zehn Konzepte für dich. Du musstest sie nur noch ausfüllen. Diese Strategie habe ich mir damals überlegt – und sie funktioniert.