Der Streit über Israels Teilnahme und den Krieg im Gazastreifen prägt die Vorbereitung auf den ESC. Vor den Halbfinals: Wer tritt wann auf, was ist zu erwarten?
Die Halbfinals und das große Finale des 70. Eurovision Song Contest finden in dieser Woche vom zwölften bis zum sechzehnten Mai 2026 in der österreichischen Hauptstadt Wien statt.
Der weltweit größte Musikwettbewerb gilt wegen seiner Dimension, seines enormen Aufwands und seiner großen Ambitionen vielen als „Olympische Spiele der Popmusik“. Dazu kommt seine Fähigkeit, Menschen beim Feiern oder gemeinsamem Mitfiebern zusammenzubringen.
Sein verbindender Charakter, die leidenschaftliche Fan-Kultur und die stilistisch vielfältigen Acts sorgen regelmäßig für schräge Entdeckungen und internationale Hits. Von den oft spektakulären Bühnenshows ganz zu schweigen.
In diesem Jahr droht jedoch die möglicherweise umstrittenste Ausgabe der Geschichte: Fünf Länder – Irland, Spanien, die Niederlande, Slowenien und Island – boykottieren Eurovision wegen der Teilnahme Israels.
Besonders ins Gewicht fällt das Fehlen Spaniens, denn das Land gehört zu den „Big Five“, die wegen ihrer finanziellen Beiträge zum Wettbewerb automatisch einen Platz im großen Finale haben.
Die Spannungen nahmen weiter zu, nachdem Vorwürfe laut wurden, eine israelische Regierungsbehörde habe eine bezahlte Online-Werbekampagne gestartet, um mehr Stimmen für den eigenen Beitrag zu gewinnen. Die veranstaltende Europäische Rundfunkunion reagierte, senkte die maximale Stimmenzahl pro Person von 20 auf zehn und untersagte Drittparteien, darunter Regierungen, eine aktive Wahlwerbung.
Trotzdem sind Tausende Fans aus mehr als 70 Ländern zu den Halbfinals nach Wien gereist, weitere werden im Laufe der Woche erwartet. Mit 95.000 verkauften Tickets für neun Shows erlebt Eurovision die größte Live-Kulisse seit mehreren Jahren.
Pop, Politik und Kontroversen
Der Eurovision Song Contest ist jedes Jahr heiß erwartet. Keines der Länder, die den Wettbewerb boykottieren, wird die Shows allerdings übertragen. Slowenien zeigt stattdessen die Doku-Reihe „Voices of Palestine“.
Auch Belgien, Finnland und Schweden hatten mit einem Boykott wegen der israelschen Teilnahme gedroht, wollen den Wettbewerb nach aktuellem Stand aber senden.
Ein offener Brief, den prominente Musikgrößen wie Massive Attack, Paloma Faith und Kneecap unterstützt haben, wirft der Europäischen Rundfunkunion zudem vor, die Krise im Gazastreifen reinzuwaschen.
Für Aufregung sorgen auch einige Acts selbst, etwa Rumäniens Teilnehmerin Alexandra Căpitănescu. Ihr Song Choke Me steht in der Kritik, weil er angeblich gewaltsames Würgen beim Sex verherrliche.
Die Sängerin betont hingegen, das Lied habe nichts mit Sexualität zu tun, sondern handele davon, „die Kontrolle über Ängste und Emotionen zurückzugewinnen, die einen förmlich ersticken“.
Eurovision-Halbfinals: So sind Sie dabei
Wer Musik, Spaß und Spektakel bequem von zu Hause verfolgen will, findet hier unseren Überblick, was ihn in den Eurovision-Halbfinals erwartet.
Es gibt zwei Live-Halbfinals, am Dienstag, dem zwölften Mai, und am Donnerstag, dem vierzehnten Mai.
Im ersten treten 17 Länder an, im zweiten 18. Die jeweils besten zehn qualifizieren sich für das große Finale am Samstag, dem sechzehnten Mai.
Neben der Ausstrahlung bei den teilnehmenden Sendern lässt sich der Wettbewerb in den meisten Regionen auch kostenlos bei YouTube streamen.
Menschen in den teilnehmenden Ländern können per SMS oder Telefon abstimmen, indem sie den Anweisungen auf dem Bildschirm folgen, oder über [www.esc.vote](http://www.esc.vote %28Quelle auf Englisch%29). Über diese Seite dürfen auch Zuschauerinnen und Zuschauer aus nicht teilnehmenden Ländern voten.
Pro Person sind maximal zehn Stimmen möglich, die entweder komplett an ein Land gehen oder auf bis zu zehn verschiedene Länder verteilt werden können. Für das eigene Land abstimmen dürfen sie weiterhin nicht.
Die Halbfinals bieten zudem verschiedene Eröffnungs- und Pausen-Acts, darunter einen siebzigköpfigen Chor, der „L’amour Est Bleu“ würdigt, sowie einen speziellen Film zum 70-jährigen Jubiläum des Wettbewerbs.
Wer ist dabei, wer nicht
Im ersten Halbfinale kämpfen Moldau, Estland, Schweden, Israel, Kroatien, Deutschland, Griechenland, Belgien, Portugal, Litauen, Georgien, San Marino, Italien, Polen, Finnland, Serbien und Montenegro um ein Ticket für das große Finale.
Im zweiten Halbfinale treten Bulgarien, Österreich, Aserbaidschan, Lettland, Rumänien, Dänemark, Luxemburg, Australien, Tschechien, die Ukraine, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Armenien, Albanien, die Schweiz, Malta, Zypern und Norwegen an.
Bulgarien, Rumänien und Moldau sind in diesem Jahr neu im Teilnehmerfeld.
Generalproben, Juryshows und Family Shows
Nach der Eröffnungszeremonie am Sonntagabend findet die offizielle Generalprobe für das erste Halbfinale am Montag, dem elften Mai, zwischen 15.45 Uhr und 18.30 Uhr statt.
Die zweite Generalprobe ist von 21.00 bis 23.15 Uhr angesetzt. Dabei handelt es sich um die Juryshow des ersten Halbfinals – die wichtigste Probe, bei der die nationalen Jurys alle Auftritte sehen und ihre Wertungen abgeben. Sie ist für das Ergebnis ebenso entscheidend wie die Live-Sendung, denn die Juryshow bestimmt fünfzig Prozent der Wertung.
Die Family Show für das erste Halbfinale steigt am Dienstag, dem zwölften Mai, vor der Live-Übertragung. Sie ist öffentlich zugänglich und läuft nahezu identisch zur TV-Show – inklusive Moderation und Pausen-Acts –, allerdings mit einer fingierten Abstimmung, um einen letzten technischen Check zu ermöglichen.
Die Juryshow für das zweite Halbfinale findet am Mittwoch, dem dreizehnten Mai, statt, die Family Show ist für den vierzehnten Mai geplant.
Wer gilt als Favorit?
Für das erste Halbfinale liegt laut Eurovisionworld (Quelle auf Englisch) Finnlands Beitrag „Liekinheitin“ von Linda Lampenius x Pete Parkkonen bei den Buchmachern vorn, gefolgt von Griechenlands „Ferto“ von Akylas.
Schwedens „My System“ von Felicia gilt als dritter Favorit, danach folgen Israels „Michelle“ von Noam Bettan und der moldauische Beitrag „Viva, Moldova“ von Satoshi.
Auch Kroatien, Serbien, Litauen, Montenegro und Polen haben es unter die Top Ten der Buchmacher für das erste Halbfinale geschafft.
Im zweiten Halbfinale ist Australiens „Eclipse“ von Delta Goodrem derzeit Favorit auf einen Platz im großen Finale, gefolgt von Dänemarks „Før Vi Går Hjem“ von Søren Torpegaard Lund und der ukrainischen Nummer „Ridnym“ von LELÉKA.
Rumäniens „Choke Me“ von Alexandra Căpitănescu wird als dritter Favorit gehandelt, danach kommen Zyperns „Jalla“ von Antigoni und Bulgariens „Bangaranga“ von Dara.
Auch Malta, Norwegen, Tschechien, Albanien und die Schweiz haben nach Ansicht der Buchmacher gute Chancen, sich Finalplätze zu sichern.