Sie ist bis zu 900 Jahre alt, fast zehn Meter dick – und an ihrem Stamm hängt noch heute ein altes Halseisen. Die Prangerlinde im sachsen-anhaltischen Großpörthen ist ein außergewöhnliches Natur- und Geschichtsdenkmal.
Im kleinen Ort Großpörthen, rund fünf Kilometer südöstlich von Zeitz in Sachsen-Anhalt, steht ein Baum, der über Jahrhunderte hinweg Geschichte erlebt hat. Die mächtige Winterlinde neben der Dorfkirche wird auf 700 bis 900 Jahre geschätzt. Ihr Stamm hat einen Umfang von rund 9,85 Metern, ihre Höhe beträgt etwa zwölf Meter. Damit gilt sie wahrscheinlich als die dickste bekannte Winterlinde Deutschlands.
Doch nicht nur ihr Alter macht die Linde besonders. Ihren Namen verdankt sie ihrer mutmaßlichen Funktion als Gerichts- und Prangerbaum. An ihrem Stamm ist noch heute ein verrostetes Halseisen zu sehen. Es erinnert an eine Zeit, in der öffentliche Bestrafungen zum Rechtsalltag gehörten.
Mittelalter: Mit Halseisen zur Strafe angekettet
Ein Halseisen war ein Metallring, der um den Hals einer verurteilten Person gelegt und verschlossen wurde. Die öffentliche Prangerstrafe mit Halseisen ist im deutschsprachigen Raum spätestens seit dem 14. Jahrhundert belegt.
Besonders verbreitet war diese Form der sogenannten Schand- oder Ehrenstrafe im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Sie bestand jedoch noch mehrere Jahrhunderte fort und ist in deutschen Rechtsquellen bis weit ins 18. Jahrhundert hinein belegt. Die Strafe zielte dabei vor allem auf die öffentliche Bloßstellung und somit die Zerstörung der Reputation des Betroffenen ab und wurde je nach Ort und Urteil mit körperlichen Strafen verbunden.
Teilweise wurden die Betroffenen mit Schildern versehen, auf denen ihr Vergehen genannt wurde.
Die Prangerstrafe wurde historisch für sehr unterschiedliche Vergehen eingesetzt. Quellen nennen unter anderem kleinere Diebstähle, Beleidigungen, Verleumdung, Ruhestörung, Verstöße gegen Sittennormen oder Betrug bei Maßen und Gewichten.
Gerichtslinde fast 1.000 Jahre alt
Das genaue Alter der Linde lässt sich nicht bestimmen. Bei Bäumen dieses Alters ist eine exakte Datierung schwierig, unter anderem weil sich der Stamm im Laufe der Jahrhunderte verändert. Die ungewöhnliche Hanglage der Winterlinde hat zu starken Verdickungen und Überwallungen im Stamm- und Wurzelbereich geführt. Fachleute der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft schätzen das Alter auf 700 bis 900 Jahre.
Der Baum hat zudem schwere Schäden überstanden. Ein größerer Stammteil soll um die Mitte des 20. Jahrhunderts abgebrochen sein. Trotzdem hat sich die Linde erholt und gilt als vital.
Der inzwischen zweitälteste Baum Deutschlands steht in Upstedt in Niedersachsen. Den Spitzenplatz hat ihm kürzlich eine rund 1.100 Jahre alte Eibe auf einer Alm im Allgäu abgenommen. Auch bei der Upstedter Linde handelt es sich um eine Linde – genauer gesagt um eine Sommerlinde, die als weniger robust gilt. Der historische Platz in der Mitte des Dorfes, auf dem sie steht, diente bereits im frühen zweiten Jahrtausend als Versammlungsort, im 13. Jahrhundert wurde die Linde zum Gerichtsbaum.
Hinweise darauf, dass dieser Baum, wie die Winterlinde in Großpörthen, auch als Pranger genutzt wurde, gibt es jedoch nicht.