Russische Frauen bekommen Kinder im Ausland für eine zweite Staatsbürgerschaft – wie reagieren die Länder auf diesen neuen globalen Migrationstrend?
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 und der damit verbundenen Auswanderungswelle ist ein Phänomen deutlich sichtbarer geworden: der sogenannte Geburtstourismus. Tausende Russinnen möchten die Zukunft ihrer Kinder nicht mit dem Land verbinden, das den Krieg begonnen hat.
Aus Sorge vor einer weiteren Isolation Russlands suchen sie deshalb nach Möglichkeiten, ihre Kinder im Ausland zur Welt zu bringen. Dabei geht es nicht nur um eine gute medizinische Versorgung. Viele hoffen auch auf eine zweite Staatsangehörigkeit für ihr Kind. Diese könnte später der gesamten Familie Möglichkeiten für eine Auswanderung, Ausbildung, Arbeit oder freies Reisen eröffnen.
Besonders gefragt sind Länder, in denen das Prinzip jus soli, also das "Recht des Bodens", gilt. Dort erhalten Kinder, die im Land geboren werden, die Staatsangehörigkeit – unabhängig vom Aufenthaltsstatus ihrer Eltern. Der starke Anstieg solcher Reisen bringt inzwischen jedoch mehrere Länder dazu, ihre Regeln zu überdenken.
Argentinien: Traum vom neuen Pass endet in strengeren Regeln
Nach 2022 wurde Argentinien für viele Russinnen zum beliebtesten Ziel für Geburtstourismus. Das Land bot eine besondere Kombination: die visafreie Einreise für russische Staatsbürger, vergleichsweise günstige medizinische Versorgung, die automatische Staatsbürgerschaft für in Argentinien geborene Kinder und die Möglichkeit, später auch argentinische Dokumente zu bekommen.
Für viele Familien ging es dabei um mehr als nur einen neuen Pass für das Baby. Ein in Argentinien geborenes Kind ist automatisch argentinischer Staatsbürger und hat damit die gesetzlich garantierten Rechte. Dazu gehören unter anderem der Zugang zu staatlichen Leistungen und Kinderhilfen. Auch für die Eltern ergeben sich Möglichkeiten. Sie können einen dauerhaften Aufenthalt beantragen und später die Staatsbürgerschaft anstreben. Mit einem entsprechenden Aufenthaltsstatus dürfen sie in Argentinien leben und arbeiten, ein Unternehmen gründen und viele Rechte von Daueraufenthaltsberechtigten nutzen.
Auch der Familiennachzug für weitere Angehörige ist möglich. Ein weiterer Vorteil ist der argentinische Pass. Er ermöglicht visafreies Reisen in viele Länder. Gleichzeitig müssen russische Staatsbürger ihre russische Staatsangehörigkeit dafür nicht aufgeben. Auch einen verpflichtenden Wehrdienst gibt es in Argentinien nicht. Genau mit diesem Gesamtpaket warben Agenturen für Geburtstourismus.
Sie boten nicht nur Hilfe bei der Geburt an, sondern praktisch eine komplette Auswanderungslösung für die Familie – von der Beschaffung der Dokumente über den Aufenthaltsstatus bis hin zur späteren Einbürgerung.
Nach Angaben der argentinischen Behörden reisten allein 2022 rund 10.500 schwangere Russinnen ins Land. Viele kamen kurz vor der Geburt und verließen Argentinien wieder, sobald die Papiere für ihr Kind vorlagen. Die Behörden schätzen, dass etwa 7.000 von ihnen das Land fast sofort wieder verließen. Nach Angaben des Wall Street Journal lebten Mitte 2024 rund 75.000 Russen, die seit Beginn des Krieges eingereist waren, in Argentinien.
Mehrere Viertel von Buenos Aires gelten inzwischen als „Kleinrussland“. Die argentinischen Behörden begannen schließlich, offen von einem Missbrauch des Migrationssystems zu sprechen. Im Fokus standen vor allem Agenturen, die russischen Kundinnen Komplettpakete anboten – von der Organisation der Geburt über die Beschaffung der Dokumente bis zur späteren Staatsbürgerschaft. In der Werbung wurde eine Geburt in Argentinien oft als schneller Weg zu einem zweiten Pass und damit auch zu einer möglichen Auswanderung der gesamten Familie dargestellt.
Seit dem Amtsantritt von Präsident Javier Milei sind die Regeln deutlich strenger. Eltern eines in Argentinien geborenen Kindes können dessen Staatsbürgerschaft nicht mehr einfach als Abkürzung zur eigenen Einbürgerung nutzen. Dafür sind nun mindestens zwei Jahre legaler Aufenthalt erforderlich.
Auch beim Zugang zur kostenlosen medizinischen Versorgung gibt es Einschränkungen für Ausländer ohne entsprechenden Status. Zudem gelten für Einreisende zusätzliche Vorgaben. Das zeigt sich auch bei den Zahlen: 2023 stellten Russen noch mehr als 7.000 Anträge auf eine Aufenthaltserlaubnis in Argentinien.
Mitte 2025 waren es weniger als 2.000.
Brasilien wird neues Hauptziel
Je schwieriger der Weg über Argentinien wurde, desto stärker rückte Brasilien für russische Familien in den Fokus. Besonders seit 2026 soll der sogenannte Geburtstourismus dorthin deutlich zugenommen haben. Deutsche Welle berichtet, dass der Zustrom nach Brasilien nach den strengeren Regeln in Argentinien deutlich gestiegen ist. Ein wichtiger Grund ist der brasilianische Pass.
Er ermöglicht visafreies Reisen in 161 Länder, darunter die Schengen-Staaten und Großbritannien. Auch ein US-Visum ist damit leichter zu bekommen und kann bis zu zehn Jahre gültig sein. Ein Kind, das in Brasilien geboren wird, erhält automatisch die brasilianische Staatsbürgerschaft und eine Geburtsurkunde. Über das Konsulat kann zusätzlich die Staatsangehörigkeit der Eltern eingetragen werden. Das Kind kann damit zwei Pässe besitzen.
Auch für ältere Geschwister gibt es eine Besonderheit: Sie können bereits nach dem ersten Jahr ihres Aufenthalts in Brasilien über ein vereinfachtes Verfahren die brasilianische Staatsbürgerschaft beantragen. Für die Eltern und Großeltern des Kindes gibt es ebenfalls Möglichkeiten, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Die Eltern können in der Regel nach einem Jahr Aufenthalt die Einbürgerung beantragen, wenn sie auch Portugiesischkenntnisse nachweisen.
Für Großeltern gilt eine Aufenthaltszeit von vier Jahren. Für viele russische Familien ist Brasilien deshalb inzwischen mehr als nur ein Ort für die Geburt eines Kindes. Das Land wird zunehmend Teil einer langfristigen Auswanderungsstrategie. Das zeigt sich auch an den Zahlen, veröffentlicht von der Deutschen Welle: 2024 erhielten 477 Russen die brasilianische Staatsbürgerschaft. 2025 waren es bereits 613. Mehr als die Hälfte der neuen Staatsbürger waren Frauen.
Chile, USA, Kanada: diese Geburtsziele ziehen Russinnen an
Neben Argentinien und Brasilien schauen sich russische Familien auch andere Länder an, in denen die Geburt eines Kindes zusätzliche Möglichkeiten für eine spätere Auswanderung bieten kann. Entscheidend sind dabei nicht nur die Chancen auf einen Pass. Auch die medizinische Versorgung, die Kosten, die Dauer der Behördenverfahren und die Möglichkeit, später den Aufenthalt der gesamten Familie zu legalisieren, spielen eine Rolle.
In dieser Gruppe nimmt Chile eine besondere Stellung ein. Das Land gilt seit Langem als eines der attraktiveren Ziele für Geburtstourismus in Lateinamerika. Kinder, die in Chile geboren werden, können die chilenische Staatsbürgerschaft erhalten. Auch für die Eltern gibt es Möglichkeiten, den eigenen Aufenthalt einfacher zu legalisieren. Der chilenische Pass gehört zu den stärkeren Pässen in der Region und ermöglicht visafreies Reisen in viele Länder.
Ein weiterer Vorteil ist das Gesundheitssystem. Private Kliniken in Santiago und anderen Großstädten bieten eine moderne medizinische Ausstattung und eine hochwertige Versorgung. Gleichzeitig sind Schwangerschaftsvorsorge und Geburt meist deutlich günstiger als in den USA. Für viele Familien ist genau diese Kombination interessant: gute medizinische Versorgung, politische Stabilität und niedrigere Kosten als in den USA.
Weiter hoch im Kurs stehen auch die USA, vermutlich das bekannteste Ziel für Geburtstourismus. Nach dem 14. Zusatzartikel zur US-Verfassung erhält jedes in den Vereinigten Staaten geborene Kind automatisch die US-Staatsbürgerschaft – unabhängig vom Aufenthaltsstatus der Eltern. Allerdings sind die Kosten deutlich höher als in vielen lateinamerikanischen Ländern. Für Geburt, Unterkunft, Versicherung und rechtliche Unterstützung können schnell mehrere Zehntausend Dollar anfallen. Zudem gehen die US-Behörden inzwischen verstärkt gegen organisierten Geburtstourismus vor. Das US-Außenministerium hat dafür im August 2026 eine eigene Taskforce angekündigt.
Besonders im Fokus stehen Fälle, in denen Ausländer ein Touristenvisum gezielt nutzen, um in den USA ein Kind zur Welt zu bringen. Auch das Weiße Haus hat Maßnahmen gegen Geburtstourismus angekündigt. Ein ähnliches Prinzip gilt in Kanada. Auch dort erhalten Kinder durch ihre Geburt auf kanadischem Staatsgebiet grundsätzlich automatisch die Staatsbürgerschaft. Für viele Familien sind die Sicherheit, das Gesundheitssystem und die soziale Absicherung wichtige Gründe, sich für Kanada zu entscheiden. Allerdings können auch hier hohe Kosten entstehen. Zudem sind die Wartezeiten für bestimmte Behandlungen teilweise länger als in privaten Kliniken in Lateinamerika.
Zu den weniger offensichtlichen, aber ebenfalls gefragten Zielen gehört Mexiko. Kinder, die dort geboren werden, erhalten die mexikanische Staatsangehörigkeit. Die Nähe zu den USA macht das Land zusätzlich interessant für Familien, die ihrem Kind einen zweiten Pass ermöglichen möchten, ohne so viel auszugeben wie in den Vereinigten Staaten. In vielen privaten Kliniken sind die Kosten deutlich niedriger als in Nordamerika. Für wohlhabendere Familien bleibt auch die Schweiz interessant. Anders als in vielen Ländern Amerikas gibt es dort keine Staatsbürgerschaft allein aufgrund der Geburt.
Die Schweiz ist jedoch für ihre hochwertige medizinische Versorgung bekannt. Hier geht es beim Geburtstourismus deshalb weniger um einen zweiten Pass, sondern vor allem um eine besonders gute medizinische Betreuung.
Wie Staaten gegen "Geburtstourismus" vorgehen
Viele Länder hatten schon früher mit einem Zustrom von Ausländerinnen zu tun, die gezielt einreisten, damit ihre Kinder dort die Staatsbürgerschaft bekommen.
Abschaffung der automatischen Staatsbürgerschaft
Die radikalste Lösung ist, das bedingungslose Bürgerrecht durch die Geburt im Land abzuschaffen. Diesen Weg gingen unter anderem Irland, Australien und Neuseeland. In Irland erhält ein Kind seit einer Verfassungsänderung nach dem Referendum von 2004 nicht mehr allein durch die Geburt im Land automatisch die Staatsbürgerschaft. In den meisten Fällen muss heute mindestens ein Elternteil irischer Staatsbürger sein oder bestimmte Aufenthaltsvoraussetzungen erfüllen. Auch Großbritannien, Australien und Neuseeland haben das automatische Geburtsbürgerrecht bereits eingeschränkt.
Weniger Vorteile für die Eltern
Vor diesem Hintergrund wirkt das argentinische Modell vergleichsweise mild. Die Kinder behalten ihre Staatsbürgerschaft durch die Geburt. Für die Eltern ist es aber deutlich schwieriger geworden, daraus schnell eigene Aufenthalts- oder Einbürgerungsrechte abzuleiten. Genau diese Änderung hat den Weg über Argentinien für viele Familien deutlich weniger attraktiv gemacht.
Visabeschränkungen
Die USA haben das durch die Verfassung garantierte Geburtsbürgerrecht beibehalten, aber begonnen, mit anderen Mitteln gegen Geburtstourismus vorzugehen.
Seit 2020 dürfen US-Konsularbeamte Touristenvisa verweigern, wenn sie den Eindruck haben, dass der Hauptzweck der Reise die Geburt eines Kindes zur Erlangung der Staatsbürgerschaft ist. In den vergangenen Jahren haben die Behörden außerdem ihren Druck auf Vermittlungsfirmen erhöht und hundertfach Visa widerrufen, wenn ein Zusammenhang mit solchen Angeboten besteht.
Kontrollen an Grenzen und in Kliniken
Ein prägnantes Beispiel bietet Hongkong, das einen massiven Zustrom schwangerer Frauen aus Festlandchina erlebte. Die Behörden führten Pflichtreservierungen in Geburtskliniken ein, legten Quoten für Ausländerinnen fest und verschärften die Grenzkontrollen. Die Zahl solcher Fälle ging dadurch drastisch zurück.
Debatte in Kanada
Kanada hält bislang am bedingungslosen Geburtsbürgerrecht fest, doch die politische Debatte über Begrenzungen des Geburtstourismus wird intensiver. Laut kanadischen Studien gab es im Finanzjahr 2024/2025 mehr als 5.400 Geburten von Nicht-Residentinnen. Vor diesem Hintergrund fordern Politiker immer häufiger eine Reform der Regeln.
Krieg als Motor neuer Migration
Die Geschichte des russischen Geburtstourismus zeigt, wie der Krieg gegen die Ukraine die Migrationsstrategien tausender Familien verändert hat. Für viele Russinnen ist die Geburt im Ausland kein rein medizinischer Entscheid mehr, sondern ein Weg, dem Kind einen anderen rechtlichen Status und zusätzliche Zukunftschancen zu sichern.
Gleichzeitig macht die Erfahrung Argentiniens, Irlands, Australiens, Neuseelands, der USA und Hongkongs ein Muster sichtbar: Sobald Geburtstourismus zum Massenphänomen wird, beginnen Staaten, Schlupflöcher zu schließen. Die einen schaffen das automatische Bürgerrecht bei Geburt ab, andere führen strengere Visaregeln ein, wieder andere nehmen Eltern Migrationsprivilegien oder gehen konsequent gegen spezialisierte Vermittlerfirmen vor.
Argentinien ist bereits das erste große Beispiel in Lateinamerika, in dem die Behörden ihre Regeln nach einem massiven Zustrom schwangerer Russinnen angepasst haben. Sollte der Zustrom nach Brasilien im aktuellen Tempo weitergehen, könnte gerade dieses Land als nächstes gezwungen sein, eine ähnliche Lösung zu suchen.