Die afghanische Popikone Aryana Sayeed startet eine Europa-Tour nur für Frauen, vernetzt Landsfrauen und erhebt ihre Stimme für Frauenrechte.
Sie gehörte zu den größten Stars Afghanistans. Dann kehrten die Taliban an die Macht zurück und sie musste aus dem Land fliehen. Jetzt trägt Aryana Sayeed ihre Musik und ihre Botschaft durch Europa – mit einem entscheidenden Unterschied: Im Publikum sitzen ausschließlich Frauen.
Sayeed zählt noch immer zu den bekanntesten Gesichtern Afghanistans. Sie gewann ein riesiges Publikum als Sängerin und als entschiedene Fürsprecherin für Frauenrechte – auch durch ihre Auftritte als Jurorin bei The Voice Afghanistan und anderen großen Talentshows des Landes.
Als die Taliban 2021 erneut die Kontrolle über Afghanistan übernahmen, änderten sich ihr Leben und ihre Karriere schlagartig. Sie kann nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren und dort auftreten. Seitdem arbeitet Sayeed aus dem Exil weiter. Sie nutzt ihre Bekanntheit und ihre Organisation DEFAW (Defenders of Equality, Freedom, and Advancement for Women), um für die Frauen und Mädchen Afghanistans zu sprechen, die nach ihren Worten in „dunklen Tagen“ leben.
Fünf Jahre später bringt sie ihre Hoffnungsbotschaft mit ihrer „Ladies Only_“_ -Tour nach Europa, einer Konzertreihe ausschließlich für Frauen. Die Tour startet an diesem Freitag in Rotterdam, wo Sayeed in der Laurenskerk auftreten wird. Anschließend geht es am 5. September nach Stockholm, am 26. September nach Hamburg und am 3. Oktober nach Wiesbaden bei Frankfurt.
Vor Beginn der Konzerte hat Euronews Culture mit ihr darüber gesprochen, wie die Idee zu den Ladies-Only-Konzerten entstand, wie es Frauen und Mädchen in Afghanistan derzeit geht und welche Botschaft sie mit ihrer Musik und ihrem Engagement vermitteln will.
Wann entstand die Idee für eine Tour nur für Frauen?
Aryana Sayeed: Ich plane diese Ladies-Only-Tour seit drei oder vier Jahren. Seit die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht sind, haben sie Frauen praktisch aus fast allen Bereichen des Lebens ausgeschlossen. Mädchen dürfen nach der sechsten Klasse nicht mehr zur Schule gehen. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten. Sie dürfen nicht einmal mehr in den Park gehen. Ganz einfache Dinge des Lebens sind ihnen verboten.
Als all das passiert ist, war für mich klar: Neben meiner Karriere als Sängerin bin ich auch Aktivistin für die Rechte der Frauen in Afghanistan. Ich dachte mir, wir müssen uns gegen diese Ungerechtigkeit und gegen das stellen, was die Taliban tun. Daraus ist die Idee entstanden, ein Ladies-Only-Konzert zu organisieren, in dem wir die Stärke der Frauen zeigen. Wir stehen dort als Frauen gemeinsam auf, erheben unsere Stimme und machen auf die Ungerechtigkeiten in Afghanistan aufmerksam. Und wir setzen ein Zeichen für die Millionen Frauen im Land, die keine Stimme haben.
Viele Menschen weltweit kennen Sie durch The Voice of Afghanistan. Wie einflussreich ist Ihre Stimme in Afghanistan, und wie groß ist Ihr Bekanntheitsgrad dort?
Über sich selbst zu sprechen und zu sagen, wie groß man ist, ist nicht leicht. Aber ich weiß, dass das, was ich in den vergangenen 15 Jahren in Afghanistan gemacht habe, sehr wirkungsvoll war. Es hat die Gesellschaft spürbar verändert. Vor allem hat es vielen Frauen, die keine Hoffnung mehr hatten, neue Hoffnung gegeben.
Es hat sie darin bestärkt, anders zu denken, ihre Rechte zu kennen und für diese Rechte einzustehen. So sehr ich mich auf meine Musikkarriere konzentriert habe, so viel Energie habe ich auch in mein Engagement gesteckt, um den Frauen ohne Stimme in Afghanistan Gehör zu verschaffen.
Ich war Jurorin in verschiedenen Talentshows und habe all diese Probleme und Konflikte aus nächster Nähe erlebt. Auch vor der Rückkehr der Taliban hatten die Frauen in Afghanistan keineswegs alle ihre Rechte. Doch bevor sie wieder an die Macht kamen, entwickelte sich vieles positiv. Unsere Arbeit im Land hatte spürbare Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Seit die Taliban vor fünf Jahren wieder an die Macht gekommen sind: Fühlen Sie sich außerhalb Afghanistans freier und besser gehört – als Künstlerin und als Stimme der Hoffnung?
Auch als ich noch in Afghanistan lebte, hatte ich Konzerte im Ausland und war ständig auf Tour. In dieser Hinsicht hat sich für mich nicht viel verändert. Aber heute fühle ich mich sehr isoliert. Ich weiß, dass ich in meinem eigenen Land viel mehr tun könnte. Doch im Moment kann ich das nicht, weil ich nicht nach Afghanistan zurückkehren darf. Ich kann dort nicht körperlich präsent sein, nicht im Fernsehen auftreten, meine Botschaften nicht direkt verbreiten und nicht diese Unterstützung und Hoffnung für die afghanischen Frauen sein.
Wofür ich sehr dankbar bin: Wir konnten unsere Organisation im Ausland aufbauen. Sie heißt DEFAW, das steht für Defenders of Equality, Freedom and Advancement for Women. Über diese Organisation versuche ich, aktiv zu bleiben. Ich mache dort meine Menschenrechtsarbeit, schaffe Aufmerksamkeit, unterstütze die Frauen in Afghanistan, die keine Stimme haben, gebe Interviews auf der ganzen Welt und versuche einfach, so hilfreich zu sein, wie ich kann.
Das Gute ist: In Afghanistan gibt es weiterhin YouTube und andere Plattformen, über die Frauen mit mir in Kontakt bleiben können. Sie können mich hören und meine Videos sehen.
Stimmen wie Ihre lassen sich nicht vollständig zum Schweigen bringen, gerade weil junge Mädchen Ihre Arbeit online sehen können. Welche Botschaft haben Sie für die Mädchen, die zu Ihnen aufschauen?
Mein wichtigster Rat an sie ist, die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn ehrlich gesagt leben sie gerade in einer sehr dunklen Zeit. Über meine Organisation spreche ich jeden Monat mit rund 100 afghanischen Frauen und Mädchen in Afghanistan, über Zoom. Ich kann ihnen direkt Fragen stellen und ihre Geschichten hören. Und vieles von dem, was sie erzählen, bricht mir das Herz.
Oft können sie kaum sprechen, ohne zu weinen. Sie wurden aus Schulen und aus der Arbeitswelt gedrängt und fühlen sich hoffnungslos, als Menschen wertlos. Viele sehen keinen anderen Ausweg, als schon in sehr jungen Jahren zu heiraten, weil sie keine Zukunftsperspektive und keine andere Wahl haben.
Nehmen wir eine Frau, die keinen Ehemann hat und niemanden, der die Familie mit Einkommen, Essen und Geld versorgt. Was soll sie tun? Sie darf nicht arbeiten gehen. Für sie bleibt nur, zu Hause im Bett zu liegen. Mehr bleibt ihr nicht. Es ist sehr traurig, all diese Geschichten zu hören.
Trotz allem spüre ich aus tiefstem Herzen, dass diese dunklen Tage vorübergehen werden. Sie werden nicht für immer bleiben. So denke ich als Mensch, denn das, was den Frauen in Afghanistan auferlegt wurde, ist absurd und unmenschlich. Ich glaube nicht, dass ein solches Leben dauerhaft Bestand haben kann.
Die Menschen werden irgendwann ihre Stimme erheben. Sie werden sich ihnen entgegenstellen, und am Ende wird sich Gerechtigkeit durchsetzen. Ich weiß nicht, wann das sein wird. Vielleicht dauert es noch zwei, drei, vier oder fünf Jahre. Aber für immer kann es nicht so bleiben. Daran glaube ich nicht.
Männer werden für diesen Wandel eine zentrale Rolle spielen. Welche Botschaft haben Sie für afghanische Männer – im Land und im Exil?
Ich habe auf meinen Social-Media-Kanälen Videos veröffentlicht und afghanische Männer überall auf der Welt – besonders in Afghanistan – aufgerufen, für die Rechte ihrer Frauen, ihrer Mütter, ihrer Schwestern und der Frauen insgesamt einzustehen. Das ist meine zentrale Botschaft an sie. Ich bin überzeugt: Wenn afghanische Männer sich nicht zusammenschließen und für die Frauen kämpfen, können die Frauen allein nur sehr wenig verändern.
Damit dieser Wandel kommt und Frauen ihre vollen Rechte erhalten, müssen Männer anfangen, sie zu unterstützen. Ich sehe hier und da erste Anzeichen dafür. In Afghanistan selbst noch nicht. Aber im Ausland habe ich erlebt, wie afghanische Männer gemeinsam demonstrieren, zum Beispiel in Deutschland, in den USA und in anderen Ländern. Das ist ein gutes Zeichen.
Ich hoffe, dass es davon in Zukunft noch viel mehr geben wird.
Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?
Ich singe überwiegend Popmusik. So hat auch alles angefangen: zuerst mit R&B, dann mit Pop. Gleichzeitig habe ich viele traditionelle Lieder im Repertoire. Als ich 2011 zum ersten Mal nach Afghanistan ging, habe ich ältere Songs aus den vergangenen vierzig, fünfzig Jahren neu interpretiert, sie mit moderner Musik kombiniert und auf der Bühne präsentiert. Das Publikum hat diese Lieder geliebt.
Für mich war das ein klares Zeichen, dass die Menschen traditionelle Musik immer noch lieben. Deshalb mache ich beides: traditionelle Lieder und moderne Popstücke. Ein großer Teil meiner Songs widmet sich den Rechten der afghanischen Frauen. Diese Stücke haben, würde ich sagen, den stärksten Einfluss in der Gesellschaft. Einige davon habe ich im Europäischen Parlament, bei UNICEF und bei großen politischen Veranstaltungen aufgeführt.
Das war großartig. Diesen Teil meiner Arbeit liebe ich am meisten. Diese Lieder geben mir als Mensch das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und das erfüllt mich sehr.
Sie haben darüber gesprochen, was Musik Ihnen als Mensch bedeutet. Deshalb muss ich Sie nach künstlicher Intelligenz fragen. Ein erheblicher Teil der heute gestreamten Musik wird inzwischen von KI geschaffen oder beeinflusst. Können Sie sich vorstellen, KI in Ihrer Musik einzusetzen?
Ich finde das beängstigend. Ehrlich gesagt bin ich überhaupt kein Fan von KI. Ich mag sie nicht. Sie macht mir Angst und bereitet mir Sorgen, wohin wir uns bewegen. Ich weiß, dass sie in mancher Hinsicht sehr nützlich sein kann, vielleicht sogar fantastisch. Aber dabei geht der menschliche Anteil verloren. Heute können Programme sogar die Stimme von Sängerinnen nachbilden, meine Stimme erzeugen, meine Videos erstellen, ohne dass ich überhaupt da bin.
Und genau das macht mir Angst. Ich finde das nicht gut. Für mich muss der menschliche Ausdruck erhalten bleiben. Er lässt sich mit KI nicht vergleichen. Ich mag KI nicht, ich nutze sie nicht und ich unterstütze sie auch nicht.