Eine genveränderte Schweineniere hat einen Mann rekordverdächtige neun Monate von der Dialyse ferngehalten. Erstmals dient ein Tierorgan als „Brücke“ zu einer menschlichen Niere.
Eine genetisch veränderte Schweineniere hat einen 66-jährigen Mann mit Nierenversagen in einer bisher einzigartigen Überbrückungstransplantation neun Monate lang ohne Dialyse gehalten. Das weckt Hoffnung in einer Welt, in der deutlich mehr Menschen auf ein Spenderorgan warten, als Organe verfügbar sind.
Laut einem neuen Bericht in The Lancet könnten Nierentransplantationen vom Schwein eine Option für Patientinnen und Patienten sein, die sehr lange auf eine menschliche Niere warten müssen.
Der Patient, ein 66-Jähriger mit Nierenversagen infolge eines Typ-2-Diabetes, lebte seit zwei Jahren mit Hämodialyse. Dieses Verfahren filtert mit einer Maschine Abfallstoffe, überschüssige Flüssigkeit und Giftstoffe aus dem Blut, wenn die Nieren versagen. Im Januar 2025 erhielt er die Schweineniere.
Für ihn stand kein lebender Spender zur Verfügung. Er war für eine Nierentransplantation von einem verstorbenen Spender gelistet, mit einer erwarteten Wartezeit von mehr als fünf Jahren.
Der sogenannte Kidney Transplant Decision Tool, ein Programm, das Behandlungsoptionen und Wartezeiten abwägt, schätzte seine Chance auf das benötigte Organ auf ungefähr 9 Prozent. Das Risiko, zu sterben oder von der Warteliste gestrichen zu werden, lag bei mehr als 40 Prozent.
Die Schweineniere trug 69 genomische Veränderungen, um Verträglichkeit und Sicherheit zu verbessern. Sie versorgte den Patienten 271 Tage lang erfolgreich und ohne Dialyse.
Schweineniere überbrückt Weg zum menschlichen Spender
Nach Angaben der Forschenden nahm das transplantierte Organ sofort seine Arbeit auf. Neun Monate nach der Transplantation entfernten Ärztinnen und Ärzte die Niere wieder. Der Patient entwickelte keine Antikörper gegen menschliches Gewebe, die ihm eine spätere Transplantation einer menschlichen Niere fast unmöglich gemacht hätten. Es traten auch keine Infektionen auf, die vom Tier hätten stammen können.
Als die Funktion der Schweineniere nachließ, entnahmen die Mediziner das Organ. Der Patient erhielt anschließend erfolgreich eine Niere eines verstorbenen Spenders und zeigte stabile Organfunktion.
Er bekam die menschliche Niere früher als erwartet, weil Ärztinnen und Ärzte ein Spenderorgan mit der höchstmöglichen Gewebeverträglichkeit fanden.
Dieses Maß an Übereinstimmung sei, so die Forschenden, „ungewöhnlich und weitgehend unvorhersehbar“ und verschaffe unter den üblichen Regeln zur Organvergabe eine deutlich höhere Priorität.
Organmangel: Schweineorgane als Brücke
Genetisch veränderte Organe vom Schwein gelten seit Längerem als möglicher Ausweg aus dem Organmangel. Die erste Nierentransplantation vom Schwein in einen lebenden Menschen im Jahr 2024 endete jedoch nach 52 Tagen, als der Patient an nicht damit verbundenen Herzproblemen starb. Zuvor hatte kein Versuch einer sogenannten Xenotransplantation – einer Arten-übergreifenden Transplantation – ein Überleben über mehr als zwei Monate dokumentiert.
„Dieser Fall zeigt sowohl die Chancen als auch die noch bestehenden Herausforderungen der klinischen Nieren-Xenotransplantation“, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Nach Einschätzung des Teams deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Tierorgane als Überbrückung dienen könnten, bis Patientinnen und Patienten ein menschliches Spenderorgan erhalten.
„Der Organmangel ist derzeit die größte Krise in der Transplantationsmedizin“, sagte Studienleiter Leonardo Riella vom Verbund Mass General Brigham.
„Unsere Vision ist, dass Xenotransplantationen helfen, diese Lücke zu schließen – zunächst als Übergangslösung, um Menschen von der Dialyse zu befreien, während sie auf eine menschliche Spenderniere warten, und langfristig, wenn sich Sicherheit und Dauerhaftigkeit bestätigen, auch als dauerhafte Therapie.“
Die Forschenden betonen jedoch, dass es sich um einen einzelnen Patienten ohne Vergleichsgruppe handelt. Das Ergebnis spiegele eine sehr sorgfältige Patientenauswahl und eine hochspezialisierte, intensive Betreuung wider, die nicht überall zur Verfügung steht.