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Euroviews. Deutschlands teures Gesundheitssystem: Was wir von Europa lernen können

Ralf Hermes, Vorstand der IKK – Die Innovationskasse
Ralf Hermes, Vorstand der IKK – Die Innovationskasse Copyright  (c) IKK
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Von Ralf Hermes, Vorstand der IKK – Die Innovationskasse
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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

Deutschland hat eines der "teuersten Gesundheitssysteme weltweit", aber nicht eines der effektivsten, sagt Ralf Hermes, Vorstand der IKK in einem Meinungsbeitrag für Euronews. Beispiele aus Europa zeigten, wie man es besser machen könnte. Dabei gehe es nicht um mehr Geld sondern um neue Strukturen.

Wer sich die Gesundheitssysteme unserer europäischen Nachbarn anschaut, stellt schnell fest, dass es den einen richtigen Weg nicht gibt. Manche Länder setzen stärker auf staatliche Steuerung, andere auf beitragsfinanzierte Versicherungen. Aber dort, wo Versorgung gut funktioniert, sind die Zuständigkeiten meistens klarer als bei uns. Patienten wissen, an wen sie sich zuerst wenden müssen. Ärzte verfügen über die notwendigen Informationen. Und digitale Anwendungen sind keine Modellprojekte, sondern Alltag.

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Mit über zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts leistet sich Deutschland eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit. Es ist reich an Personal, Betten und Medizintechnik. Trotzdem warten Versicherte auf Termine, Befunde werden doppelt erhoben und Patienten müssen sich häufig selbst darum kümmern, dass Informationen von einer Praxis zur nächsten gelangen. Das erleben wir als Krankenkasse immer wieder. Menschen werden vom Hausarzt zum Facharzt, von dort in die Klinik und später vielleicht noch in eine Pflegeeinrichtung geschickt. Jeder kümmert sich um seinen Teil. Aber zu selten trägt jemand die Verantwortung für den gesamten Behandlungsweg.

Geld fehlt nicht überall. Es wird nicht immer sinnvoll eingesetzt

Ein Beispiel sind vermeidbare Krankenhausaufnahmen. In Deutschland sind es rund 810 je 100.000 Einwohner. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 473. Das kann uns nicht zufriedenstellen. Wenn Patienten in einer Klinik landen, obwohl eine frühere oder besser abgestimmte ambulante Behandlung ausgereicht hätte, ist das für die Betroffenen belastend und für die Versichertengemeinschaft teuer. Ein Blick nach Europa zeigt mir, dass es anders gehen kann.

Estland hat sein Gesundheitswesen über Jahre konsequent digital vernetzt. Gesundheitsdaten und elektronische Verordnungen stehen dort wesentlich systematischer zur Verfügung, und relevante medizinische Informationen können über Versorgungsgrenzen hinweg genutzt werden. Das reduziert Reibungsverluste und erleichtert eine Versorgung. Denn nicht der Patient selbst wird zum Übermittler seiner medizinischen Informationen.

Natürlich können wir diese Systeme nicht einfach kopieren. Deutschland hat andere Strukturen und eine andere Geschichte. Aber wir sollten auch nicht so tun, als hätten wir aus den Erfahrungen unserer Nachbarn nichts zu lernen.

Die Finanzreform reicht nicht

Die von der damaligen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken auf den Weg gebrachte GKV-Finanzreform war angesichts einer drohenden Lücke von knapp 19 Milliarden Euro notwendig. Ohne kurzfristige Stabilisierung wäre der Druck auf Beiträge und Leistungen noch größer geworden.

Trotzdem bleibt sie eine finanzielle Notmaßnahme. Sie kauft Zeit, mehr zunächst nicht. Ich halte es für einen Fehler, die Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung immer wieder mit höheren Beiträgen, zusätzlichen Steuerzuschüssen oder neuen Sparvorgaben zuzudecken. Solange Patienten ungeführt durch das System laufen und ambulante Versorgung, Krankenhaus und Pflege zu wenig miteinander verbunden sind, entstehen die nächsten Finanzierungslücken fast zwangsläufig.

Wir müssen deshalb grundsätzlicher werden. Als IKK – Die Innovationskasse haben wir gemeinsam mit dem Institut für Mikrodaten-Analyse ein Drei-Säulen-Modell entwickelt. Es beantwortet eine aus meiner Sicht längst überfällige Frage: Welche Leistungen muss die Gemeinschaft verlässlich absichern, was gehört zur normalen Alltagsversorgung und wo beginnt die persönliche Wahlfreiheit?

Erste Säule: Große Risiken gemeinsam absichern

Stationäre Behandlungen, Pflege, Notfallstrukturen und hochkomplexe medizinische Leistungen gehören in eine verlässliche solidarische Absicherung. Wer schwer erkrankt oder pflegebedürftig wird, darf nicht davon abhängig sein, was er sich zusätzlich leisten kann. Das muss dann allerdings auch ehrlich finanziert werden. Wenn der Staat der gesetzlichen Krankenversicherung gesamtgesellschaftliche Aufgaben überträgt, muss er dafür ausreichende Steuermittel bereitstellen. Es ist nicht akzeptabel, solche Leistungen dauerhaft über die Beiträge der Versicherten und Arbeitgeber mitzufinanzieren. Auch die Pflege gehört für mich in diesen Bereich. Pflegebedürftigkeit ist kein privates Sonderrisiko. Sie kann jede Familie treffen.

Zweite Säule: Kosten der Alltagsversorgung sichtbar machen

Hausarztbesuche, Arzneimittel, Vorsorge und die übrige ambulante Versorgung bilden den medizinischen Alltag. Dieser Bereich sollte einfacher organisiert und nachvollziehbarer finanziert werden. Unser Modell sieht dafür eine einheitliche Gesundheitspauschale von etwa 150 Euro im Monat vor. Wer diesen Betrag nicht oder nicht vollständig tragen kann, erhält einen steuerfinanzierten Sozialausgleich. Das ist solidarisch, verschleiert aber nicht länger, was die laufende Versorgung kostet. Über eine solche Pauschale kann und muss man diskutieren. Entscheidend ist der Grundgedanke: Wir brauchen mehr Transparenz und weniger politische Trickserei bei der Finanzierung.

Dritte Säule: Mehr Freiheit bei zusätzlichen Leistungen

Nicht jede denkbare Leistung muss Teil der solidarisch finanzierten Grundversorgung sein. Besondere Komfortangebote, höherwertige Lösungen beim Zahnersatz oder zusätzliche Serviceleistungen können freiwillig abgesichert werden. Hier darf es Wettbewerb geben, auch in Zusammenarbeit mit privaten Anbietern. Die Grenze muss klar bleibe. Medizinisch notwendige Behandlungen dürfen weder vom Einkommen noch von einem Zusatzvertrag abhängen. Wer krank ist, muss die erforderliche Hilfe bekommen. Wer darüber hinaus zusätzliche Leistungen wünscht, soll sie frei wählen können.

Innovation muss bei den Versicherten ankommen

Eine neue Gesundheitsordnung darf sich nicht in Finanzierungsmodellen erschöpfen. Sie muss auch Raum für medizinische Innovation schaffen und dafür sorgen, dass wissenschaftlicher Fortschritt schneller bei den Patientinnen und Patienten ankommt. Genau hier können und sollten Krankenkassen künftig mehr leisten, als Rechnungen zu prüfen und Beiträge einzuziehen. Medizinische Innovationen müssen in Deutschland schneller verfügbar werden. Dafür brauchen wir kürzere Entscheidungswege und mehr Mut, Verantwortung dorthin zu geben, wo Versorgung konkret gestaltet wird.

Deshalb fordern wir die Abschaffung des Gemeinsamen Bundesausschusses in seiner heutigen Form und deutlich mehr Freiheit für die Krankenkassen, auf Grundlage wissenschaftlicher Evidenz selbst über innovative Versorgungsangebote zu entscheiden. Qualität und Patientensicherheit bleiben dabei unverzichtbar. Aber sie dürfen nicht als Argument für Strukturen dienen, die Fortschritt unnötig verzögern.

Auch Krankenkassen müssen sich bewegen

Eine Reform ist nicht glaubwürdig, wenn alle Beteiligten Veränderungen immer nur von den jeweils anderen verlangen. Wer effizientere Strukturen und mehr Verantwortung fordert, muss deshalb auch bereit sein, die eigenen Strukturen infrage zu stellen. Das gilt ausdrücklich auch für uns Krankenkassen. Deutschland braucht aus meiner Sicht keine annähernd 100 gesetzlichen Krankenkassen. Diese Position ist für mich als Vorstand einer bundesweit geöffneten Krankenkasse alles andere als bequem. Eine deutliche Verringerung der Kassenzahl könnte schließlich auch uns selbst betreffen. Gerade deshalb halte ich diese Diskussion für notwendig.

Ich kann nicht auf der einen Seite effizientere Strukturen im Gesundheitswesen fordern und auf der anderen Seite die eigene Organisation davon ausnehmen. Wenn wir ein leistungsfähigeres System wollen, müssen wir bereit sein, auch dort Strukturen zu verändern, wo es uns selbst betrifft. Es darf nicht darum gehen, Vorstandsposten oder Verwaltungsapparate zu sichern.

Aufgaben und Finanzierungswege neu ordnen

ist, was den Versicherten nutzt. Weniger Krankenkassen könnten Kompetenzen bündeln, Verwaltungskosten senken und die Verhandlungsposition gegenüber Kliniken, Pharmaunternehmen und anderen Leistungserbringern stärken. Die Zahl allein sagt allerdings wenig aus. Aus knapp 100 Kassen fünf schwerfällige Großorganisationen zu machen, wäre noch keine Reform. Deshalb erwarte ich vom neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann mehr als neue Sparlisten. Er sollte den Mut haben, die Aufgaben und Finanzierungswege im Gesundheitswesen neu zu ordnen.

Dazu gehören die Rolle des Staates, die Steuerung der Patienten, die Verantwortung der Leistungserbringer – und eben auch die Struktur der Krankenkassen. Die Reform von Nina Warken hat der gesetzlichen Krankenversicherung womöglich etwas Luft verschafft. Bei der nächsten Finanzlücke aber wieder nur über höhere Beiträge zu reden, kommt für mich einer Kapitulation gleich. Es würde diejenigen bestärken, die meinen, dass unser Gesundheitssystem nicht mehr reformiert werden kann. Wir leiden in allen Bereichen unter zu vielen Einzelinteressen und zu wenig Verantwortung für das Ganze und damit das Gemeinwohl.

Verkrustete Strukturen, auch die eigenen, konsequent reformieren

Der Blick auf internationale Vorreiter zeigt mir, dass erfolgreiche Gesundheitssysteme nicht vom Himmel fallen, sondern durch den Mut zur Veränderung entstehen. Wenn wir die Versorgung zukunftssicher machen wollen, dürfen wir uns nicht länger im Systemerhalt erschöpfen. Wir müssen bereit sein, verkrustete Strukturen, auch die eigenen, konsequent zu reformieren und zugleich Innovationen schneller in die Versorgung zu bringen. Europa bietet dafür keinen fertigen Bauplan, aber viele überzeugende Beispiele. Deutschland sollte daraus seinen eigenen Weg entwickeln, mit klaren Verantwortlichkeiten, einer stärkeren ambulanten Versorgung und Krankenkassen, die nicht nur verwalten, sondern medizinischen Fortschritt für ihre Versicherten nutzbar machen.

Ralf Hermes ist hauptamtlicher Alleinvorstand der IKK – Die Innovationskasse. Er ist seit mehr als 40 Jahren im Gesundheitswesen tätig und berät auch Politik und Wirtschaft. Die IKK – Die Innovationskasse mit Sitz in Lübeck ist eine bundesweit geöffnete deutsche Krankenkasse mit rund 270.000 Mitgliedern.

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