Die Reform bringt digitale Überweisungen, einen nationalen Krankenversicherungsfonds und ein staatlich finanziertes Garantiesystem für Behandlungen. Laut Behörden soll das Verfahren effizienter werden, mehr Menschen erreichen und inoffizielle Zahlungen eindämmen.
Usbekistan führt ab 2026 eine landesweite staatliche Krankenversicherung ein. Sie ist Teil einer umfassenden Reform der Gesundheitsfinanzierung und der medizinischen Versorgung im Land.
Die Reform schafft einen zentralen staatlichen Käufer medizinischer Leistungen, digitale Überweisungssysteme und ein garantiertes Basispaket an grundlegender Gesundheitsversorgung, das aus dem Staatshaushalt finanziert wird.
„Die staatliche Krankenversicherung ist ein System der sozialen Absicherung, das den Zugang zu qualitativ guter medizinischer Versorgung garantieren soll“, sagt Zokhid Ermatov, Geschäftsleiter des Staatlichen Krankenversicherungsfonds.
Vom Pilotprojekt zur landesweiten Reform
Über die Einführung einer staatlichen Krankenversicherung diskutiert Usbekistan seit 2017. Die Umsetzung eines solchen Systems brauchte jedoch mehrere Jahre Vorbereitung.
Der Staatliche Krankenversicherungsfonds wurde im Dezember 2020 offiziell gegründet. Seit 2021 laufen Pilotprogramme in der Region Syrdarya. Dort testete die Regierung neue Finanzierungsmodelle, Regulierungen und digitale Gesundheitssysteme.
Im November 2025 billigte das Ministerkabinett neue Regeln für die Versorgung in öffentlichen und privaten Kliniken, deren Leistungen aus dem Staatshaushalt bezahlt werden. Die Vorschriften sollen am 1. Januar 2026 in Kraft treten.
„Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr: ‚Warum jetzt?‘, sondern: ‚Ist das System bereit?‘“, so Ermatov. „Die Antwort fällt zunehmend positiv aus.“
Die Erfahrungen aus den Pilotregionen und die schnelle Digitalisierung des Gesundheitswesens haben laut Ermatov die Grundlage für den landesweiten Start gelegt. Dazu zählen elektronische Patientenakten, digitale Überweisungssysteme und Instrumente für die Finanzkontrolle.
Ein Gesundheitssystem rund um Hausärzte
Im Mittelpunkt des neuen Modells steht eine gestärkte hausärztliche Versorgung.
Patientinnen und Patienten wenden sich zuerst an ihre zuständige Familienklinik. Dort beraten Hausärztinnen und Hausärzte, verordnen Untersuchungen und entscheiden, ob eine fachärztliche Behandlung nötig ist. Wenn ja, erhalten die Betroffenen eine elektronische Überweisung zu Fachärzten oder Krankenhäusern.
Notfälle und dringende Behandlungen bleiben ohne Überweisung zugänglich.
Neu ist auch das Finanzierungsprinzip: Das Geld folgt dem Patienten. Leistungserbringer erhalten ihr Geld vom Staatlichen Krankenversicherungsfonds entsprechend den tatsächlich erbrachten Leistungen.
Je nach Versorgungsstufe gelten unterschiedliche Finanzierungsmechanismen. Die hausärztliche Versorgung wird über Kopfpauschalen bezahlt, die Krankenhäuser über fallbezogene Vergütung. Das soll Effizienz fördern und Behandlungsergebnisse verbessern.
Digitale Überweisungen und freie Klinikwahl
Ein zentrales Element der Reform ist ein vollständig digitalisiertes Überweisungssystem.
Wer planbare Krankenhausbehandlung benötigt, erhält eine elektronische Überweisung mit QR-Code. Über das staatliche Portal my.gov.uz oder eine Handy-App können Patientinnen und Patienten ein Krankenhaus aus einer Liste von Einrichtungen auswählen, die einen Vertrag mit dem Staatlichen Krankenversicherungsfonds haben.
Die Überweisung gilt 60 Tage. Innerhalb von 30 Tagen müssen sich Patientinnen und Patienten für eine Klinik entscheiden.
Alle Überweisungen, Wartelisten und stationären Aufnahmen laufen über ein einheitliches elektronisches Gesundheitsinformationssystem. Spezielle medizinische Kommissionen prüfen die Anträge auf Krankenhausbehandlung und entscheiden, ob die Therapie in einer regionalen Einrichtung oder in einem nationalen Zentrum stattfinden soll.
Die Behörden betonen, das System solle Transparenz erhöhen, inoffizielle Zahlungen eindämmen und die Verteilung der knappen Gesundheitsressourcen verbessern.
Welche Leistungen sind abgedeckt?
Die nationale Versicherung garantiert ein Basispaket an Gesundheitsleistungen, finanziert aus dem Staatshaushalt.
Auf der primären Versorgungsebene umfasst dies Hausarztkonsultationen, Labor- und Diagnostikleistungen, ambulante Behandlungen, Vorsorge- und Screeningprogramme sowie bestimmte erstattungsfähige Arzneimittel und medizinische Verbrauchsmaterialien.
Auch stationäre Behandlungen, die im garantierten Leistungspaket enthalten sind, werden übernommen, ebenso einige Rehabilitationsleistungen.
Einrichtungen, die im Rahmen des Systems arbeiten, dürfen für Diagnostik, Behandlung, Medikamente oder Hilfsmittel aus dem genehmigten Leistungskatalog keine zusätzlichen Gebühren verlangen.
Finanzierung über den Staatshaushalt
Im aktuellen Modell zahlen Bürgerinnen und Bürger keine direkten Versicherungsbeiträge.
Die Finanzierung erfolgt überwiegend über den Staatshaushalt, gespeist aus allgemeinen Steuern von Privatpersonen und Unternehmen.
Nach Angaben von Regierungsvertretern spiegelt dieser Ansatz die sozial ausgerichtete Gesundheitspolitik Usbekistans wider. Gleichzeitig soll er verhindern, dass finanzielle Hürden den Zugang zur medizinischen Versorgung blockieren.
Die Reform soll die Finanzierung des Gesundheitssektors zugleich transparenter und langfristig tragfähig machen und Haushalte vor hohen Behandlungskosten schützen.
Schutz für besonders verletzliche Gruppen
Für sozial besonders schutzbedürftige Gruppen sind besondere Regelungen vorgesehen.
Kinder mit Behinderungen, Waisen, Menschen mit schweren Behinderungen, Rentnerinnen und Rentner, schwangere Frauen, arbeitslose Bürger sowie anerkannte einkommensschwache Familien erhalten vorrangigen Zugang zu staatlich finanzierten Behandlungen.
Für Familien, die im nationalen Register einkommensschwacher Haushalte geführt werden, übernimmt der Staatliche Krankenversicherungsfonds die Behandlungskosten. In manchen Fällen kommen zusätzliche Sozialfonds hinzu.
Als zentraler nationaler Käufer verteilt der Staatliche Krankenversicherungsfonds die Mittel künftig nach dem Gesundheitsbedarf der Bevölkerung in den Regionen. Nach Einschätzung der Behörden soll dies die medizinische Versorgung auf dem Land stärken und regionale Ungleichheiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung verringern.
Internationale Perspektive
Internationale Organisationen sehen in der Reform Usbekistans Teil eines weltweiten Trends hin zu allgemeinem Krankenversicherungsschutz.
Nach Einschätzung von Jessika Yin, Gesundheitspolitikberaterin der Weltgesundheitsorganisation in Usbekistan, macht das Land kontinuierliche Fortschritte bei der Modernisierung seines Finanzierungsmodells im Gesundheitswesen.
„Usbekistan hat zentrale Elemente eines Modells der staatlichen Krankenversicherung getestet und begonnen, die Rolle des nationalen Käufers, des Staatlichen Krankenversicherungsfonds, zu stärken“, sagt sie.
Die WHO unterstützt Usbekistans Entscheidung für ein System, das sich auf allgemeine Steuerfinanzierung und eine Abdeckung der gesamten Bevölkerung stützt. Internationale Erfahrungen zeigen, dass dies besonders in Ländern mit großen informellen Arbeitsmärkten gut funktioniert.
Solche Modelle können den finanziellen Schutz für Patientinnen und Patienten verbessern und machen die Finanzierung des Gesundheitswesens berechenbarer.
Auf dem Weg zur allgemeinen Gesundheitsversorgung
Fachleute verweisen auf mehrere Faktoren, die über den Erfolg der Reform entscheiden werden: anhaltender politischer Wille, ein tragfähiges Finanzierungsmodell und leistungsfähige Institutionen.
Digitale Systeme, das landesweite Zusammenführen der Mittel und der strategische Einkauf medizinischer Leistungen sollen Transparenz und Effizienz im gesamten Gesundheitssektor erhöhen.
Gelingt die Umsetzung, könnte die Reform der Krankenversicherung einen wichtigen Schritt hin zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung für alle markieren. Ziel ist, dass Menschen die medizinische Hilfe erhalten, die sie brauchen, ohne in finanzielle Not zu geraten.