Träumen Sie scheinbar ohne Sinn? Forschende haben mehr als 3700 Traumberichte ausgewertet und kommen den Auslösern unserer nächtlichen Bilder näher.
In Frankreich glauben manche Menschen, dass Käse kurz vor dem Schlafengehen wilde Träume auslöst. Die Wissenschaft sieht das anders: Inhalt und Atmosphäre unserer Träume entstehen offenbar aus einer Mischung aus Persönlichkeit und gelebten Erfahrungen – nicht aus Camembert oder Gouda.
Warum wirken Träume manchmal zufällig und chaotisch, dann wieder eindringlich und seltsam stimmig? Eine neue Studie legt nahe: Dahinter steckt mehr als bloßer Zufall.
Forschende der IMT School for Advanced Studies Lucca in Italien stellen die Vorstellung infrage, Träume seien bloße Nebenprodukte geistiger Prozesse. Die in Communications Psychology (Quelle auf Englisch) veröffentlichte Studie beschreibt sie als System, das von Kognition, Emotionen und Kontext geprägt wird.
Das Team analysierte mehr als 3.700 Berichte über Träume und Wach-Erlebnisse von 287 Teilnehmenden im Alter von 18 bis 70 Jahren.
Über einen zweiwöchigen Zeitraum hielten Freiwillige ihre Erlebnisse fest. Parallel dazu sammelte das Team detaillierte Angaben zu Schlafqualität, Denkstil, Persönlichkeit und psychologischen Merkmalen.
Anschließend nutzten die Forschenden fortgeschrittene Verfahren der Sprachverarbeitung (Natural Language Processing, NLP, eine Form künstlicher Intelligenz), um auszuwerten, wie die Teilnehmenden ihren Alltag und ihre Träume beschrieben.
Träume sind nicht zufällig
Die Ergebnisse zeigen: Träume sind alles andere als zufällig. Sie folgen klaren Mustern. Sie spiegeln eine Mischung aus inneren Eigenschaften und äußeren Einflüssen. Menschen, die tagsüber häufig zwischen nicht zusammenhängenden Gedanken hin- und herspringen, berichteten oft von Träumen, die zerstreut wirkten und sich rasch veränderten. Wer Träumen grundsätzlich Bedeutung zuschreibt, erlebt sie meist lebendiger und intensiver.
Auch äußere Ereignisse spielten eine Rolle. In der COVID‑19‑Pandemie wurden Träume intensiver und kreisten häufig um Einschränkung und Eingesperrtsein, so die Studie. Mit der Rückkehr zu einem normaleren Alltag verschwanden diese Muster wieder. Das deutet darauf hin, dass sich Träume zusammen mit unserem seelischen Zustand verändern.
Alltag im Traum, aber anders
Träume scheinen den Alltag nicht einfach abzuspielen, sondern zu verwandeln. Gewohnte Schauplätze wie Arbeitsplätze, Krankenhäuser oder Schulen tauchen selten als exakte Kopien auf. Stattdessen ordnet das Gehirn sie zu ungewohnten, oft surrealen Szenen neu und vermischt unterschiedliche Kontexte und Blickwinkel.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Träume nicht nur ein Spiegel vergangener Erfahrungen sind, sondern ein dynamischer Prozess, der von unserer Persönlichkeit und unseren Lebensumständen geprägt wird", sagt Valentina Elce, Hauptautorin der Studie.
Die Untersuchung macht auch deutlich, wie KI die Traumforschung voranbringen kann. NLP‑Modelle werten Traumberichte mit einer Genauigkeit aus, die der Beurteilung durch Menschen nahekommt. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten, Bewusstsein, Gedächtnis und psychische Gesundheit in großem Umfang und nach einheitlichen Kriterien zu untersuchen.
Träume werden, so die zeitgenössische Wissenschaft, offenbar von messbaren Kräften geformt – im Inneren des Gehirns und durch Einflüsse von außen.