In Großbritannien wächst die durchschnittliche Körpergröße, seit der Pandemie noch stärker. Forschende sehen einen Zusammenhang mit mehr kindlicher Fettleibigkeit. Das Vereinigte Königreich hat unter Europas größten Volkswirtschaften die höchste Adipositasquote.
Die durchschnittliche Körpergröße von Kindern in Großbritannien ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten gestiegen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die Gründe für diesen Trend bereiten jedoch Sorge. Der Größenzuwachs hängt nicht mit einer besseren Kindergesundheit zusammen. Nach Einschätzung der Forschenden geht er vielmehr Hand in Hand mit zunehmender Fettleibigkeit bei ärmeren Kindern und wachsenden sozioökonomischen Ungleichheiten.
Nimmt die Adipositasrate bei Kindern und Jugendlichen im Vereinigten Königreich zu? Welche Länder verzeichnen in Europa die höchste Häufigkeit von Adipositas bei Fünf- bis Neunzehnjährigen?
Forschende der University of Oxford und des University College London haben festgestellt, dass Kinder in England, Schottland und Wales größer werden. Die Studie (Quelle auf Englisch) von Andrew Moscrop und Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht im Journal of Epidemiology & Community Health, stellt fest, dass diese Ergebnisse jüngsten Medienberichten im Vereinigten Königreich widersprechen.
Die Studie zeigt: Die altersstandardisierte Durchschnittsgröße elfjähriger Jungen in England stieg im Schuljahr 2009/10 von 145 Zentimetern auf 145,7 Zentimeter im Schuljahr 2019/20. Während der COVID-19-Pandemie legte sie im Schuljahr 2020/21 deutlich auf 146,5 Zentimeter zu, bevor sie 2023/24 leicht auf 146,4 Zentimeter zurückging.
Bei Mädchen derselben Altersgruppe liegt die Durchschnittsgröße etwas höher, der Trend verläuft aber sehr ähnlich. Sie stieg von 145,8 Zentimetern im Schuljahr 2009/10 auf 146,6 Zentimeter 2019/20. In der Pandemie erreichte sie 148 Zentimeter und lag 2023/24 bei 147,5 Zentimetern.
Mit einer generell besseren Gesundheit von Kindern haben diese Zuwächse jedoch nichts zu tun. Der Anstieg der Durchschnittsgröße hängt laut Studie vielmehr mit wachsender Fettleibigkeit bei ärmeren Kindern und zunehmenden sozialen Ungleichheiten zusammen.
Die Forschenden betonen, dass Schulschließungen und häusliche Einschränkungen während der COVID-19-Pandemie die Möglichkeiten für körperliche Aktivität stark verringerten. Zugleich verschlechterte sich die Ernährung vieler Kinder in Großbritannien, besonders in sozial benachteiligten Familien.
Die Folge: In ärmeren Gegenden nimmt die Fettleibigkeit bei Kindern zu. Kinder in diesen Vierteln werden im Schnitt zwar größer, doch die Forschenden sehen darin einen Zusammenhang mit den steigenden Adipositasraten.
So stieg etwa die durchschnittliche Körpergröße elfjähriger Jungen in den am stärksten benachteiligten Regionen Englands zwischen 2009/10 und 2023/24 um 1,7 Zentimeter. Im selben Zeitraum wuchs der Anteil übergewichtiger oder fettleibiger Kinder dort von 37,7 auf 43,3 Prozent.
Ungleichheiten bei Körpergröße gehen zurück
Die Studie zeigt zudem, dass sich die Größenunterschiede verringern – und bei Mädchen zeitweise sogar umkehren. Bei Jungen schrumpft der Abstand in der Körpergröße zwischen den am stärksten und den am wenigsten benachteiligten Dezilen in diesem Zeitraum. Kinder aus den wohlhabendsten Gebieten bleiben im Schnitt jedoch weiterhin größer.
Bei Mädchen ist die Veränderung besonders deutlich. Der Unterschied zwischen armen und wohlhabenden Gegenden war bei ihnen zwar schon immer kleiner als bei Jungen. Während der Pandemie verschwand diese Lücke jedoch vollständig – zeitweise waren Mädchen aus den ärmsten Gegenden im Schnitt sogar größer als jene aus den reichsten.
Was bedeutet Deprivations-Dezil?
„Deprivation“ beschreibt unerfüllte Bedürfnisse von Menschen. Die Forschenden nutzten den Index of Multiple Deprivation, ein offizielles Maß der Regierung, das Faktoren wie Einkommen, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit, Kriminalität und Wohnsituation zu einem einzigen Wert für kleine Gebiete zusammenführt. Teilt man diese Werte in zehn gleich große Gruppen – Dezile –, lassen sich die ärmsten und die reichsten zehn Prozent der Nachbarschaften miteinander vergleichen.
Moscrop spricht im Blog der University of Oxford vereinfachend von „ärmeren“ und „reicheren“ Gegenden.
„Kinder in ärmeren Gegenden sind mehr ungesunden Imbissangeboten und weniger gesunden Lebensmittelquellen ausgesetzt“, sagt er.
Adipositas bei Kindern wird zum größeren Problem
Daten der WHO zeigen, dass Fettleibigkeit bei Kindern in Europa seit Jahren kontinuierlich zunimmt.
Die Häufigkeit von Adipositas bei Fünf- bis Neunzehnjährigen in der WHO-Region Europa – sie umfasst rund 50 Länder, darunter Russland, die Türkei und mehrere zentralasiatische Staaten – hat sich von 3,8 Prozent im Jahr 1990 auf 8 Prozent im Jahr 2022 verdoppelt.
Im Vereinigten Königreich fiel der Anstieg noch stärker aus: von 4,5 auf 11,3 Prozent im selben Zeitraum.
Im Jahr 2022 verzeichnete das Land damit die höchste Rate unter den fünf größten Volkswirtschaften Europas – vor Spanien mit 10,5 Prozent, Italien mit 9,6 Prozent und Deutschland mit 8,5 Prozent. Frankreich hatte mit lediglich 4,1 Prozent die niedrigste Quote dieser fünf Länder.
Unter den knapp 40 europäischen Ländern in den WHO-Daten wies Ungarn 2022 mit 14,8 Prozent die höchste Kinder-Adipositasrate auf, gefolgt von Zypern mit 14,1 Prozent und Finnland mit 12,7 Prozent.