Was passiert nach dem erfolgreichen Kunstdiebstahl? Wegen strengerer Regeln für den Kunsthandel beginnen viele Raubwerke eine rätselhafte Odyssee.
Vom schnellen Diebstahl von drei Gemälden aus einem Museum in Parma bis zur Wiederentdeckung eines 2.500 Jahre alten Goldhelms, der im vergangenen Jahr aus einem niederländischen Museum verschwand: In den jüngsten Nachrichten häufen sich Berichte über ausgeraubte Museen und Diebe mit einer Schwäche für Meisterwerke.
Im jüngsten Bericht „Assessing Crimes Against Cultural Property (Quelle auf Englisch)“ von Interpol heißt es, dass Europa ein Schwerpunkt für Kunst- und Kulturgutraub (Quelle auf Englisch) ist; Ende 2021 waren in der Region mehr als 18.000 Objekte als gestohlen gemeldet. Doch was passiert nach dem schnellen, wenig eleganten Auftritt mit eingeschlagenen Vitrinen, heruntergerissenen Bildern und der überstürzten Flucht aus dem Museum? Was machen Kunstdiebe mit ihrer Beute?
Besonders bei klar identifizierbaren Werken wie Gemälden, die man nicht einfach wie einen Goldhelm einschmelzen oder wie geraubten Schmuck in Einzelteile zerlegen kann, ist der Verkauf von gestohlenem Kulturgut äußerst riskant und verspricht wenig bis gar keinen Gewinn.
Die Regeln für den legalen Kunstmarkt haben sich im Laufe der Zeit deutlich verändert. Laut einem in De Gruyter Brill veröffentlichten Fachaufsatz (Quelle auf Englisch) prüfen die meisten Käufer heute die Provenienz – also die Besitzgeschichte – eines Werks, bevor sie es erwerben.
Diebe können einem Käufer kein „good title“, also kein rechtmäßiges Eigentum, verschaffen; dieses Recht bleibt beim ursprünglichen Besitzer. Darauf weist (Quelle auf Englisch) Dr. Anja Shortland, Professorin für Politische Ökonomie am Department of Political Economy des King's College London, in The Conversation hin.
Öffentlich zugängliche Register gestohlener Werke, etwa die öffentliche Datenbank "Stolen Works of Art" (Quelle auf Englisch) von Interpol, die auf Meldungen der Staaten hin regelmäßig aktualisiert wird, machen es zudem leicht zu prüfen, ob ein Kunstwerk illegal erworben wurde. Wer ein Werk angeboten bekommt, das ihm verdächtig vorkommt, kann Informationen an die zuständigen Behörden weitergeben – oft locken dafür sogar Geldprämien.
Angesichts strenger Gesetze für den Handel mit Kunst und leicht zugänglicher internationaler Datenbanken sind die meisten Käufer nicht bereit, Raubkunst zu erwerben. Viele gestohlene Werke stoßen deshalb auf dem legalen Markt schnell an eine Sackgasse.
Trotzdem werden Kunstwerke weiterhin häufig gestohlen, und manche tauchen jahrelang nicht wieder auf. Warum also kommt es immer wieder zu solchen Taten?
„Kunstdiebstahl ist in der Regel ein Gelegenheitsverbrechen“, erklärt (Quelle auf Englisch) Leila Amineddoleh, Adjunct Professor of Law an der Fordham University. Werke werden selten direkt aus Ausstellungen entwendet, sondern meist aus den Depots von Museen und Galerien oder während des Transports.
Diese Bereiche sind oft deutlich weniger streng überwacht. Wenn Werke aus dem Depot gestohlen werden, fällt der Verlust mitunter erst bei der nächsten Inventur auf. Das gibt den Dieben genug Zeit, die Beute noch auf dem legalen Markt zu verkaufen, bevor der Rest der Welt überhaupt weiß, dass sie verschwunden ist.
Moderne illegale Umgehungsstrategien, etwa gefälschte Provenienznachweise, erleichtern den Verkauf solcher Beutestücke zusätzlich.
Mitunter dienen gestohlene Werke auch als Druckmittel: Michelangelo Merisi da Caravaggios "Geburt Christi mit den Heiligen Franziskus und Laurentius" soll 1969 aus einer Kirche in Sizilien gestohlen worden sein und einer kriminellen Organisation als Pfand gedient haben, um die katholische Kirche zu Verhandlungen zu bewegen, berichtet The Guardian (Quelle auf Englisch).
Häufig werden gestohlene Kunstwerke und Artefakte jedoch auf dem illegalen Markt weiterverkauft. Die Entwicklung von Online-Plattformen und sozialen Netzwerken spielt dabei eine wichtige Rolle für den Handel mit geraubten Kulturgütern, erklärt die UNESCO (Quelle auf Englisch).
Die Plünderung von Kulturgütern nimmt in Konfliktsituationen weiter zu. Solche Lagen wirkten wie "Katalysatoren für den systematischen Diebstahl von Antiken, begangen von verarmten Bewohnern oder organisierten kriminellen Gruppen", heißt es bei der UNESCO (Quelle auf Englisch).
Für ganz normale Menschen bedeutet Kunstdiebstahl – vor allem, wenn er öffentliche Museen und Galerien trifft – einen Verlust an kultureller Bereicherung.
Fachleute schätzen die Wiederauffindungsquote gestohlener Kunst auf weniger als zehn Prozent, manche gehen sogar von nur zwei bis drei Prozent aus, wie eine Auswertung von Statistiken zum Kunstdiebstahl (Quelle auf Englisch) durch Smart Locks Guide zeigt. Das heißt: Ist ein Werk einmal gestohlen, bekommt die Öffentlichkeit es womöglich nie wieder zu Gesicht.
In der heutigen Lage mit zahlreichen und weit verbreiteten Konflikten ist Kulturgut stark gefährdet. Der Diebstahl von Kunstwerken und Artefakten – sie sind Behälter von Schönheit und handwerklichem Können, aber auch von Geschichte und Erinnerung – bedroht das Erbe lokaler Gemeinschaften.