Die EU-Kommission stellt die Initiative „One journey, one ticket“ vor. Sie soll Zugreisen über Grenzen hinweg vereinfachen.
Das am 13. Mai angekündigte neue Passagierpaket wird von der EU als wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einem einheitlichen, digitalen und rechtlich abgesicherten Bahnnetz gepriesen. Es soll das länderübergreifende Reisen per Bahn erleichtern.
Das neue Ticket erlaubt Reisenden, mehrere Reiseabschnitte unterscheidlicher Betreiber zu einer einzigen Buchung zu bündeln. So entstehen mehr Transparenz und einheitliche Fahrgastrechte für die gesamte Reise. Kommt es zu Verspätungen, greifen klare Regeln: Die Bahnunternehmen müssen umleiten, Hilfe leisten, Unterkünfte organisieren und Entschädigung zahlen.
Bei Verspätungen von 60 bis 120 Minuten sollen die Fahrkosten in Höhe von 25 Prozent erstattet werden. Wer mehr als zwei Stunden verspätet am Ziel ankommt, soll mit 50 Prozent entschädigt werden.
Ticket-Albtraum auf der Schiene
Das europäische Bahnticketsystem schafft es bis heute oftmals nicht, eine grenzüberschreitende Reise von Punkt A nach Punkt B in einem einzigen Buchungsvorgang anzubieten.
Auf den wichtigsten Transitkorridoren zeigt die Datenauswertung: Jede fünfte internationale Zugfahrt lässt sich bei den großen Anbietern nicht als durchgehendes Ticket buchen. Über lange Strecken ist die Lage noch schlechter: Mehr als die Hälfte aller Fahrten über mehr als 900 Kilometer lässt sich nicht von Anfang bis Ende in einem Vorgang kaufen.
Der wachsende Frust Bahnreisender hat das Thema bis auf die höchsten politischen Ebenen gebracht. Eine Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr dem Jahr 2025 ergab, dass 25 Prozent der Europäerinnen und Europäer Schwierigkeiten haben, Tickets für Reisen mit mehreren Zügen zu kombinieren. Knapp 45 Prozent verzichten ganz darauf, weil sie der Buchungsprozess über mehrere Apps abschreckt. Wer eine klimafreundliche Bahnreise quer durch den Kontinent plant, braucht im Schnitt siebzig Prozent mehr Zeit als für die Buchung eines Linienflugs.
Die grüne EU-Abgeordnete Lena Schilling verweist auf grenzüberschreitende Verbindungen, die zwar physisch vorhanden sind, aber in bestimmten Suchportalen nicht einseh- und buchbar.
„Wenn man etwa von Paris nach Barcelona oder anderswohin fahren will, findet man im französischen Buchungssystem ein Ticket. Wer als Spanierin oder Spanier dasselbe Ticket in der eigenen App sucht, sieht diese Verbindung aber nicht. Es ist derselbe Zug, dieselbe Verbindung, doch nur eine App zeigt sie an, weil es ein Direktzug ist – und auf der spanischen Seite taucht sie nicht auf.“
Monopole und abgehängte Regionen
Starke nationale Bahngesellschaften sichern ihre Marktanteile, indem sie den Zugang zu ihren Ticketdaten einschränken. Unabhängige Plattformen dürfen oft nicht das vollständige Angebot anzeigen oder verkaufen. In diesem geschlossenen System haben kleinere Bahn-Start-ups und Drittanbieter kaum Chancen. Monopole bremsen so den Wettbewerb und verhindern günstigere, transparentere Angebote für Fahrgäste.
Nach Schillings Einschätzung fürchten viele Betreiber, die Kontrolle über ihre Kundinnen und Kunden sowie über Preisstrategien zu verlieren: „Sie müssen ihre Verbindungen nicht nur untereinander teilen, sondern auch mit unabhängigen Anbietern wie Trainline. Davor haben sie Angst, weil sie Kundschaft verlieren könnten“, so die EU-Abgeordnete der Grünen.
Diese digitale Blockade ist ein weiteres großes Hindernis auf dem Weg zu einem einheitlichen, eng vernetzten Binnenmarkt. Sie schneidet ganze Regionen ab, weil nationale Systeme nicht zusammenpassen. Der Luftverkehr verbindet Europas Städte nahtlos. Das zersplitterte Bahnnetz vertieft dagegen die Spaltung zwischen Zentren und Randlagen. Bewohner vieler Grenzregionen und ländlicher Gebiete fühlen sich auf Nachfrage von den wirtschaftlichen Zentren abgekoppelt.
„Züge, gute Taktungen und echte Verbindungen sind enorm wichtig für eine stabile Europäische Union“, sagt Schilling.
Neues Paket als Teil einer Reihe von Reformen
Das Passagierpaket knüpft an ein ganzes Bündel langfristiger Regeln zur Liberalisierung und Vernetzung des europäischen Eisenbahnsystems an.
Mit dem Fokus auf durchgehende Tickets geht es weiter als die vier früheren Eisenbahnpakete der Kommission aus den Jahren 2001 bis 2016. Diese drehten sich vor allem um Marktöffnung, Wettbewerb und Sicherheit, griffen aber die Realität von Reisen mit mehreren Anbietern beim Ticketing kaum auf.
Die Richtlinie über einen einheitlichen europäischen Eisenbahnraum aus dem Jahr 2012 schuf einen gemeinsamen Rechtsrahmen. Seither können Eisenbahnunternehmen EU-weit Verbindungen anbieten. Für Bürgerinnen und Bürger erleichtert das heute den grenzüberschreitenden Verkehr und den Kauf von durchgehenden Tickets.
Mehrteilige Bahnreisen funktionieren nur, wenn die nationalen Verkehrssysteme miteinander verknüpft sind. Die Richtlinie über intelligente Verkehrssysteme (ITS) von 2010 verbesserte die Interoperabilität, indem sie den Ausbau von Leit- und Informationssystemen in den Mitgliedstaaten beschleunigte.
Das neue Paket kann die Fahrgastrechte in der gesamten EU stärken. Es baut auf der Verordnung über Fahrgastrechte im Eisenbahnverkehr aus dem Jahr 2021 auf. Diese legte europaweit Mindeststandards fest: das Recht auf Umleitung oder Erstattung bei Verspätungen von mehr als sechzig Minuten, klar verständliche Informationen zu Ticketpreisen, Fahrplänen und Störungen sowie einfache Beschwerdewege.
Vorteile für Fahrgäste
Das Paket soll ein Kernproblem lösen: Bisher lassen sich viele grenzüberschreitende oder von mehreren Anbietern betriebene Bahnreisen nicht in einem Schritt buchen, weil Tickets auf verschiedene Plattformen verteilt sind.
Künftig können Reisende Tickets verschiedener Anbieter zu einem einzigen Fahrschein für eine Reise mit mehreren Etappen bündeln. Das vereinfacht die Buchung. Nutzerinnen und Nutzer vergleichen Angebote und schließen den Kauf auf einer einzigen Website ab, statt mehrere Apps öffnen zu müssen.
Die Suche über verschiedene Portale hinweg wird ebenfalls einfacher. Bahngesellschaften müssen Drittanbietern künftig erlauben, ihre Tickets zu verkaufen. Größere Anbieter sind außerdem verpflichtet, auf ihren eigenen Ticket-Websites alle Bahnangebote im Land anzuzeigen, nicht nur die eigenen.
Betreiber müssen Reiseoptionen neutral und transparent darstellen. Kundinnen und Kunden sollen selbst entscheiden können, welche Verbindung sie wählen. In den Standardeinstellungen der Plattformen muss ein Filter für Treibhausgasemissionen enthalten sein, damit sich Reisen nach ihrem CO₂-Fußabdruck sortieren lassen.
Reisende sollen bei Störungen umfassend abgesichert sein. Neben Entschädigungen für Verspätungen muss die verantwortliche Bahngesellschaft die Fahrgäste ohne Aufpreis bis zum Ziel umleiten. Vorgesehen sind zudem Unterstützung wie Mahlzeiten und Getränke sowie eine Unterkunft, wenn eine Übernachtung nötig wird.
Beim Thema Fahrgastrechte fordert Schilling präzise Vorgaben zu Anschlusszügen:
„Wir brauchen klare Regeln, wie viel Umstiegszeit zwischen zwei Zügen einkalkuliert werden muss. Sonst verpasst man schnell den Anschluss – und was passiert dann?“ .
Folgen für Unternehmen und Infrastruktur
Nach Angaben der EU-Kommission fördert offene Datenweitergabe den Wettbewerb. Der Rahmen soll kleineren, oft günstigen Start-ups die Sichtbarkeit verschaffen, die sie brauchen, um Monopole herauszufordern und Ticketpreise zu senken. Für Betreiber entsteht ein standardisiertes Datennetz, das Verwaltung vereinfacht und neue Kundschaft im grenzüberschreitenden Verkehr erschließt.
Auch die Infrastruktur insgesamt profitiert. Das Paket soll Mitgliedstaaten dazu bringen, Strecken zu modernisieren, nationale Signalsysteme zu synchronisieren und Engpässe an den Grenzen abzubauen.
Doch der Verband der europäischen Eisenbahn- und Infrastrukturunternehmen (CER) warnt bereits. Er sieht in den verpflichtenden Vertriebsvereinbarungen einen beispiellosen Eingriff der Regulierung.
Nach Ansicht des CER nimmt die Pflicht für große Staatsbahnen, Konkurrenzprodukte zu verkaufen, den Unternehmen unternehmerische Freiheit und schwächt den Anreiz, in eigene, oft teure Ticketing-Systeme zu investieren.
CER-Generaldirektor Alberto Mazzola warnt zudem, dass der Vorschlag die Macht weg von Bahnbetreibern hin zu digitalen Zwischenhändlern verschieben könnte – also zu Drittanbieter-Apps, die so Marktgewicht gewinnen.
„Die dominante Plattform wird den Marktbedingungen ihren Stempel aufdrücken“, sagt Mazzola.
Der Verband befürchtet, dass starke Plattformen mittelfristig höhere Provisionen verlangen könnten. Das würde die Kosten für Bahnbetreiber und am Ende auch für Fahrgäste erhöhen.
Außerdem betont der CER, dass Ticketing nur ein Nebenschauplatz sei im Vergleich zu den Lücken in der physischen Infrastruktur Europas.
„Zuerst kommt die Infrastruktur, dann kommen die Züge, dann die Tickets. Man beginnt nicht mit den Tickets“, sagt Mazzola.
Schienenausbau hinkt hinterher
Europa hat über Jahrzehnte vor allem Straßen ausgebaut, während Teile des Schienennetzes geschrumpft sind. Nach Ansicht des CER sollte die Politik vor allem die Kapazität des Netzes erhöhen und den Ausbau grenzüberschreitender Hochgeschwindigkeitsstrecken beschleunigen.
„Die Menschen wollen einen guten Preis und eine kurze Reisezeit. Um Fahrzeiten zu verkürzen, braucht es Hochgeschwindigkeitszüge“, so Mazzola.
Ein einheitliches Ticketsystem bleibt Symbolpolitik, wenn es an realen Schienenverbindungen fehlt. Ein Einzelticket hilft wenig, wenn Staus auf der Schiene oder inkompatible Signaltechnik – etwa unterschiedliche nationale Varianten des European Rail Traffic Management System (ERTMS) – den grenzüberschreitenden Verkehr ausbremsen.
Der Erfolg der neuen Regeln hängt daher entscheidend davon ab, wie schnell die physische Integration vorankommt. Die Kommission knüpft dies an Finanzprogramme ab 2026, die sicherstellen sollen, dass die Infrastruktur das Versprechen eines nahtlosen Reisens auch einlösen kann.
So soll es weitergehen
Die EU-Kommission legt ihre Vorschläge nun Parlament und Rat zur Prüfung und Verabschiedung vor. Die Mitgliedstaaten müssen zugleich den ITS-Einsatz (Intelligent Transport Systems) beschleunigen, damit das vereinfachte Buchungssystem reibungslos starten kann.
Zum Paket gehören außerdem zwei weitere Vorhaben, die die Mitgesetzgeber noch billigen müssen: die Verordnung über multimodale digitale Mobilitätsdienste (Multimodal Digital Mobility Services, MDMS) und die Verordnung über eine einheitliche digitale Buchungs- und Ticketing-Regelung (Single Digital Booking and Ticketing Regulation, SDBTR).
Die MDMS-Initiative soll Transparenz schaffen und fairen Wettbewerb im Ticketmarkt der EU fördern. Die SDBTR wiederum soll die Verfügbarkeit von Bahntickets auf digitalen Plattformen erhöhen.