Die Behörden warnen vor Granatenexplosionen, die Veranstalter sprechen von Kriminalisierung. Illegale Raves in Frankreich sollen künftig härter bestraft werden, mit bis zu sechs Monaten Haft.
Seit dem ersten Mai strömen rund 20 000 Menschen aus ganz Europa nach Cornusse bei Bourges im Département Cher. Dort feiern sie mehrere Tage lang ein Rave-Festival. Das Gelände ist ein Schießplatz, auf dem bis vor Kurzem die Haubitze Caesar getestet wurde; die Behörden stufen ihn als gefährlich ein.
Die Regionalbehörden verweisen auf „pyrotechnische“ Risiken durch mögliche Blindgänger, vor allem im gesperrten Waldstück.
Nach Angaben der Lokalmedien stehen bereits rund 2 000 Fahrzeuge auf dem Areal. Die Veranstalter rechnen am Wochenende mit bis zu 30 000 Besucherinnen und Besuchern.
Die Party lief auch am Samstag weiter. Eine Räumung ist bislang nicht angekündigt, obwohl bis zu 600 Gendarmen im Einsatz sind.
„Das ganze Wochenende über, Tag und Nacht, überwachen die Sicherheitskräfte das Gelände der illegalen Versammlung und sichern die Zufahrten“, teilte die Präfektur mit. Kontrollen würden „systematisch durchgeführt, um Verstöße festzustellen und Bußgelder zu verhängen“.
Nach einer vorläufigen Bilanz stellten die Einsatzkräfte seit Freitag, 17 Uhr, 32 Ordnungswidrigkeitenbescheide aus, vor allem wegen Drogenbesitzes; vier Personen kamen in Polizeigewahrsam. Zwölf Menschen mussten vom Rettungsdienst versorgt werden. Die Behörden melden zudem Schäden an Militärgebäuden und Graffiti-Schmierereien.
Schilder weisen zwar auf ein Militärgelände hin, physische Absperrungen gibt es jedoch nicht. Eine Départementsstraße, derzeit in beide Richtungen gesperrt, führt mitten hindurch. Die Behörden rufen Autofahrerinnen und Autofahrer zu besonderer Vorsicht auf: „In der Gegend sind viele Fußgänger unterwegs.“
Der Präfekt des Départements Cher, Philippe Le Moing Surzur, will am Samstag mit Landwirten und der Rüstungsbehörde Direction générale de l’armement zusammenkommen.
Teknival als Protestaktion
Es ist nicht das erste Teknival in der Region Centre-Val de Loire. Der Präfekt von Cher hatte mit einem solchen Szenario gerechnet.
Für das verlängerte Wochenende hatte er bereits ein Verbot von Raves und der „Verbringung von Beschallungsanlagen“ erlassen. Nachdem das Festival dennoch startete, erlaubte die Präfektur der Gendarmerie, Drohnen über dem Gelände einzusetzen und Luftaufnahmen zu machen.
Die Organisatorinnen und Organisatoren kritisierten in einer Mitteilung eine „epidemische Vermehrung von Verboten“. Sie veröffentlichten zudem eine parodistische Verwaltungsvorschrift, in der es heißt, „alle festlichen Zusammenkünfte wie Raves, Free Partys und Teknivals sind im Département Cher erlaubt und notwendig“.
Im Inhalt dieses „Dekrets“ begründen sie auch die Standortwahl. Das Schießgelände bezeichnen sie darin als „tödliches Labor und Basis für Waffentests aller Art im Auftrag der französischen Armee und privater Akteure“.
Da Bourges, die Département-Hauptstadt, zur Europäischen Kulturhauptstadt 2028 gekürt wurde, forderten die Veranstalter sogar Frédéric Hocquard, den Generalbeauftragten des Projekts, auf, die Free Party in das Kulturprogramm aufzunehmen.
Insgesamt prangert der anonyme Text einen „politischen Angriff auf tanzende Körper“ an und fordert, jede Gesetzgebung aufzugeben, die „Feierräume kriminalisiert“.
Im Visier steht vor allem ein Gesetzentwurf der Horizons-Abgeordneten Laetitia Saint-Paul zur „Kriminalisierung der Organisation von Rave-Partys“. Er sieht bis zu sechs Monate Haft und 30 000 Euro Geldstrafe für alle vor, die zur Organisation einer nicht angemeldeten oder verbotenen Musikveranstaltung „beitragen“.
Die Initiative soll die Lärmbelastung für Anwohnerinnen und Anwohner verringern, die häufig in der Landwirtschaft arbeiten.
Die Abgeordneten der Nationalversammlung nahmen den Text am neunten April in erster Lesung an. Nun liegt er im Senat, steht dort aber bisher nicht auf der Tagesordnung.
Auch der Gesetzentwurf „Ripost“, den der Ministerrat Ende März beschlossen hat, richtet sich nicht nur gegen Raves. Er nimmt auch urbane Motorrad-Rodeos ins Visier, bei denen Teilnehmende und Fußgängerinnen und Fußgänger schwere Unfälle riskieren, sowie den Einsatz von Feuerwerksmörsern.
„Was ist zugänglicher als eine Free Party?“
Jean (Name geändert), DJ und Veranstalter aus der Region Lyon, sagt Euronews, die Verschärfung des Strafrechts gegen Raves bereite ihm große Sorgen. Er verweist auf die „unklaren“ gesetzlichen Formulierungen und die Einführung von Haftstrafen. „Wir reden unter den Veranstaltern viel darüber, das ist sehr problematisch.“
„Der Staat will eine ganze Gegenkultur verschwinden lassen“, meint er.
In Frankreich kosten Festivaltickets inzwischen oft rund 50 Euro, Tagespässe können über 100 Euro liegen. Jean sieht deshalb auch eine soziale Frage: „Die meisten Leute, die Free Partys besuchen, können sich andere Veranstaltungsorte gar nicht mehr leisten.“
Er kritisiert einen „repressiven“ Ansatz, der Veranstalterinnen und Veranstalter seiner Ansicht nach in „gefährliche Grauzonen“ drängt, damit die Polizei zurückhaltender eingreift. Der Staat könnte diese Kollektive seiner Meinung nach vielmehr unterstützen und „ihnen helfen, einen klaren Rahmen zu schaffen“.
Der 30-Jährige stellt das Vorgehen der Behörden grundsätzlich infrage. Er wundert sich, dass elektronische Musik aus Frankreich im Dezember 2025 zum immateriellen Kulturerbe des Landes erklärt wurde, die Regierung zugleich aber „den Veranstaltern von Free Partys und Raves und sogar den Teilnehmenden Haftstrafen androht“.