Javier Bardem, Ken Loach, Mark Ruffalo, Aki Kaurismäki und Yorgos Lanthimos unterstützen einen Aufruf gegen den wachsenden Einfluss von Vincent Bolloré auf das Kino. Insgesamt haben ihn fast 3.500 Filmschaffende unterzeichnet.
Das Kollektiv "Zapper Bolloré" (Bolloré ausschalten oder boykottieren) hat mitgeteilt, dass sich der spanische Schauspieler Javier Bardem, der britische Regisseur Ken Loach und der US‑Schauspieler Mark Ruffalo den Unterzeichnern eines Aufrufs angeschlossen haben, der die zunehmende Kontrolle des erzkonservativen Unternehmers Vincent Bolloré über die Filmwelt kritisiert.
In dem Text prangern die Initiatorinnen und Initiatoren den ihrer Ansicht nach „tentakelartigen und ideologischen“ Einfluss Bollorés auf die französische Filmindustrie an. Sie warnen vor einer wachsenden Konzentration von medialer und kultureller Macht in den Händen des bretonischen Milliardärs.
Zu den ersten Unterzeichnerinnen gehörten die Schauspielerinnen Adèle Haenel, Juliette Binoche und Blanche Gardin, die Schauspieler Swann Arlaud und Jean-Pascal Zadi, der Fotograf und Dokumentarfilmer Raymond Depardon sowie der Regisseur und Drehbuchautor Arthur Harari.
Unter den neuen, von „Zapper Bolloré“ hervorgehobenen Unterzeichnern ist niemand aus Frankreich. Neben bekannten Hollywood-Stars sind weitere Regisseurinnen und Regisseure: die Palästinenserin Annemarie Jacir, der Finne Aki Kaurismäki, der Grieche Yorgos Lanthimos und der Brasilianer Walter Salles.
Canal+-Chef: „billiger Druckversuch“ löst Kettenreaktion aus
Nach Angaben des Kollektivs haben inzwischen 3 460 Branchenprofis den Aufruf unterschrieben; vor der Erklärung des Canal+-Präsidenten Maxime Saada am Sonntag waren es rund sechshundert. Saada hatte angekündigt, mit den Unterzeichnern nicht mehr arbeiten zu wollen. Diese hatten „den Einfluss der extremen Rechten“ auf das Kino über Canal+ angeprangert, bei dem Vincent Bolloré als wichtigster Anteilseigner gilt.
Saadas Auftritt mitten beim Festival in Cannes hat in der Filmwelt für Aufregung gesorgt. Viele Schauspielerinnen, Schauspieler und Regisseurinnen sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr.
Am Donnerstag beklagte der Schauspieler Alain Chabat, lange eine Identifikationsfigur des Senders Canal+, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP den „coup de pression à deux balles“, also einen lächerlichen Einschüchterungsversuch des Konzernchefs.
„Es gab viele Möglichkeiten, auf diese Sache zu reagieren“, sagte der Comedian, der in Quentin Dupieux’ Film Vertige mitspielt, der in Cannes außer Konkurrenz läuft. „Aber dann noch so einen billigen Druckversuch obendrauf zu packen gegen Menschen, die eine Meinung äußern oder zumindest eine Sorge haben, ob berechtigt oder nicht ...“, führte er aus.
Der Regisseur von Astérix und Obélix: Mission Kleopatra erklärte zugleich, er könne „nachvollziehen“, dass die Canal+-Teams sich von dem Text angegriffen fühlen. Der Sender „produziert Filme, die sehr unterschiedlich sind, weil es darin echte Vielfalt gibt“, so Chabat.
Jonathan Cohen, der in Vertige, einem Animationsfilm von Quentin Dupieux, an der Seite von Alain Chabat zu sehen ist, sagte im Gespräch mit AFP, er „verstehe die berechtigte Angst“ der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner.
Cohen, der selbst als Koregisseur der auf Canal+ ausgestrahlten Comedyserie La Flamme tätig war, betont zugleich, die Teams von Canal+ um den für Filmeinkäufe zuständigen Manager Laurent Hassid und Maxime Saada „schützen“ das Programm. Canal sei „eine Art Insel, die derzeit die Vielfalt des französischen Kinos abbildet“.
Bolloré: finanzstarker Akteur hinter Verlags- und Filmbranche
Tatsächlich hat Canal+ zugesagt, 160 Millionen Euro im Jahr 2026 und 170 Millionen Euro im Jahr 2027 in den französischen Film zu investieren, nach 150 Millionen Euro im Jahr 2025, mit denen 189 französische Filme finanziert wurden. Die Summen liegen dennoch unter den 220 Millionen Euro, die der Sender in den Jahren zuvor aufbrachte.
Insgesamt liest sich die Liste der Beteiligungen von Vincent Bolloré wie ein „Who’s who“ der Kulturbranche.
Die nach ihm benannte Gruppe verwaltet ein Beteiligungsportfolio, das sich zum 31. Dezember 2025 auf 10,6 Milliarden Euro belief.
Dazu gehören unter anderem:
• 18,4 Prozent an Universal Music Group, dem Weltmarktführer im Musikgeschäft,
• 30,4 Prozent an Canal+, einem weltweit tätigen Medienkonzern,
• 30,4 Prozent an der Louis-Hachette-Gruppe, einem Schwergewicht in den Bereichen Verlagswesen, Travel Retail und Medien,
• 30,4 Prozent an Havas, einem der größten Kommunikationskonzerne der Welt,
• 29,3 Prozent an Vivendi, das ein Portfolio börsennotierter und nichtbörsennotierter Vermögenswerte in den Bereichen Inhalte, Medien und Unterhaltung verwaltet.
Verlagsbranche steht längst gegen Bolloré auf
Protestbriefe sind für den bretonischen Milliardär längst nichts Neues mehr.
Schon im April kündigten mehr als 100 Autorinnen und Autoren ihren Abschied vom Verlag Grasset an, nachdem die Entlassung von Verlagschef Olivier Nora bekannt wurde. In einem gemeinsamen Schreiben beklagten sie – wenig überraschend – den übergroßen Einfluss Vincent Bollorés und warfen ihm vor, „überall in Kultur und Medien Autoritarismus durchzusetzen“.
Der Medienmagnat hatte 2023 die Hachette-Gruppe übernommen, zu der Grasset und andere große Verlage gehören, ebenso den Bezahlfernsehsender Canal+ und den Nachrichtensender CNews, den Radiosender Europe 1 sowie Magazine wie „Elle“.
Danach forderten mehr als dreihundert Autorinnen, Autoren und andere Branchenvertreterinnen und -vertreter, angeführt von Leïla Slimani, Virginie Despentes und Emmanuel Carrère, die Einführung einer „Gewissensklausel“ im Verlagswesen.
„Es ist Zeit, eine Grenze zu ziehen. Diese Grenze hat einen Namen: die Gewissensklausel. Für Journalistinnen und Journalisten gibt es sie bereits. Sie muss ausgeweitet werden – nicht, um Unternehmen zu schwächen, sondern um ein Mindestgleichgewicht herzustellen zwischen der Freiheit zu unternehmen und der Freiheit, sich nicht in den Dienst dessen zu stellen, was man ablehnt“, erklärten die 308 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Aufrufs am 19. April 2026.
Der konservative Milliardär reagierte mit einer eigenen Kolumne in einer seiner Zeitungen. Darin kündigte er unverblümt an, für einen der renommiertesten Verlage Frankreichs neue Autorinnen und Autoren zu finden, nachdem jene gegangen sind, die seine politische Einflussnahme anprangern.
Bolloré, ein strenggläubiger Katholik, der einen Teil des Familienvermögens in ein Medienimperium investiert hat, das seinen konservativen Überzeugungen folgt, zeigte sich über den „Lärm“ im Verlag erstaunt. Er machte „eine kleine Kaste verantwortlich, die sich über alles und alle erhaben fühlt und sich gegenseitig auswählt und stützt“.
Der Ton lässt kaum auf einen konstruktiven Dialog mit der französischen Filmwelt hoffen, die – zur Erinnerung – in hohem Maß von den finanziellen Zuwendungen Vincent Bollorés abhängt.