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Bad Bunny in Lissabon: Solange wir leben, lieben wir so viel wie möglich

ARCHIV (10.12.2025): Der puerto-ricanische Musiker Bad Bunny tritt bei einem Konzert seiner Tournee «DeBÍ TiRAR MáS FOToS» in Mexiko-Stadt auf.
ARCHIV (10.12.2025): Der puerto-ricanische Musiker Bad Bunny tritt während seiner Tournee „DeBÍ TiRAR MáS FOToS“ in Mexiko-Stadt auf. Copyright  AP Photo/Eduardo Verdugo
Copyright AP Photo/Eduardo Verdugo
Von Manuel Ribeiro
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Wer den Namen Benito Antonio Martínez Ocasio früher nicht kannte, kennt ihn jetzt: Bad Bunny bringt mit „DMTF“ und „El Apagón“ Puerto Ricos Geschichte und Kultur nach Portugal.

Mit der Welttournee „DeBÍ TiRAR MáS FOToS“ gab Bad Bunny sein Portugal-Debüt. Nach einem Stopp in Barcelona trat der puerto-ricanische Sänger, dreifacher Grammy- und elfmaliger Latin-Grammy-Gewinner, an zwei Abenden im Estádio da Luz vor Zehntausenden Fans auf.

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Bei den beiden Konzerten in Lissabon brachte Benito rund 30 Songs auf die Bühne, überwiegend aus seinem sechsten Album „Debí Tirar Más Fotos“. Die Platte erschien im Januar 2025 und zählt zu seinen meistausgezeichneten Werken. DTMF ist zudem das erste komplett spanischsprachige Album, das den Grammy als Album des Jahres gewann, und machte den inzwischen 32-Jährigen endgültig zum globalen Star.

Licht, Farbe und viel Liebe erfüllten das Stadion an beiden Abenden. Bad Bunny beschränkte sich nicht aufs Singen. Er schickte den rund 120.000 Fans, viele von ihnen aufwendig gestylt, auch Botschaften der Zuneigung und Hoffnung. „Solange wir leben, sollten wir so viel wie möglich lieben“, sagte Benito.

Beim zweiten Konzert zog Bad Bunny die Begrüßung in die Länge. Er und seine Salsa-Band standen minutenlang regungslos da, schauten schweigend ins Publikum und ließen die ausgelassene Menge auf sich wirken, die das Stadion in ein Meer aus Licht, Farbe und Klang verwandelte. „Heute Abend passiert es wieder. Gestern war es verrückt. Ich sage der ganzen Stadt: Die zweite Nacht ist fast immer die bessere“, sagte Benito auf Spanisch.

Bad Bunny bei der "Zeremonie" zur Eröffnung des zweiten Konzerts in Lissabon.
Bad Bunny bei der "Zeremonie" zur Eröffnung des zweiten Konzerts in Lissabon. Manuel Ribeiro/Euronews

Das Estádio da Luz verwandelte sich in eine tropische Salsa-Insel – unterstützt von ungewöhnlicher Maienhitze, die der Lissabonner Nacht ein karibisches Flair gab. Fast alle Hits des Rappers kamen dran. „LO QUE LE PASÓ A HAWAii“ fehlte zwar, dafür gab es einen Special-Auftritt mit einem Gast und eine kleine Ode an die Kultrocker Xutos & Pontapés. Doch der Reihe nach.

Auf der inoffiziellen Setlist des zweiten Abends standen außerdem Songs wie „Callaíta“, „PIToRRO DE COCO“, „WELTiTA“, „TURiSTA“ und „BAILE INoLVIDABLE“ sowie „NUEVAYoL“. Viele handeln vom puerto-ricanischen Widerstand, die 60.000 Fans sangen sie Zeile für Zeile mit – aber kennen sie auch die Geschichten und die Bedeutung dieser Lieder?

„Ich glaube, die portugiesischen Fans kennen zwar die Songs, vor allem die Reggaeton-Hits, sind aber mit der politischen Geschichte und den Ereignissen in Puerto Rico kaum vertraut. Und ich finde, jetzt ist der Moment, darüber zu sprechen“, sagte Gustavo Garcia-Lopez, ein aus Puerto Rico stammender Forscher an der Universität Coimbra, im Telefonat mit Euronews.

Euronews war beim zweiten Konzert vor Ort und fragte einige Fans.

„Ich weiß, dass er aus Puerto Rico kommt, ich kenne DTMF, ‚NUEVAYoL‘ und ‚BAILE INoLVIDABLE‘“, sagt Rosa an einem der Eingänge. „Über die Geschichte Puerto Ricos weiß ich aber sehr wenig“, fügt sie hinzu.

„Ich kenne seine Musik und mag sie sehr. Ich bin extra aus Mosambik angereist, um ihn zu sehen, er ist sehr menschlich, er tut viel für sein Land“, sagt Patrícia. „Ich weiß, dass er vor zehn Jahren noch in einem Supermarkt gearbeitet hat und jetzt bei Welttourneen große Bühnen füllt“, erzählt Carolina.

„Ich mag sein letztes Album, DTMF, sehr und weiß, dass er darin viel über die Geschichte Puerto Ricos erzählt. In seinen Videos auf YouTube zeigt er verschiedene Teile des Landes. Er spricht viel über die Widerstandskraft der Menschen in Puerto Rico und sagt, wir sollen immer an uns selbst glauben“, ergänzt Carolina vor Konzertbeginn.

Alles beginnt mit „La Mudanza“

„LA MUDANZA“ eröffnete beide Shows in Lissabon und erzählt zugleich die Lebensgeschichte von Benito Antonio Martínez Ocasio: wie er bereits als Baby mit seinen Eltern in eine andere Stadt ziehen musste. Im Song verweist Benito auf die Proteste in Vieques in den 1970er-Jahren gegen die Nutzung der Insel als US-Militärbasis und auf das sogenannte Gag Law, das das Hissen der puerto-ricanischen Flagge verbot und unter Strafe stellte.

Im Videoclip mischt Bad Bunny Schwarzweiß-Aufnahmen von Puerto-Ricanerinnen und -Puerto-Ricanern, die in Vieques gegen die US-Streitkräfte protestieren. Der Marinestützpunkt Vieques, Roosevelt Roads, wurde 2004 geschlossen und aufgegeben und ist seither vor allem ein Touristenziel. Mitte 2025 reaktivierte ihn die Regierung Trump unter dem Vorwand des Kampfs gegen den Drogenhandel; demnach soll die Basis auch bei der Festnahme des Venezolaners Nicolás Maduro eine Rolle gespielt haben. Sie gilt als einer der größten Marinestützpunkte außerhalb der USA.

Auf der „DeBÍ TiRAR MáS FOToS ToUr“ hat der puerto-ricanische Rapper auch Anspielungen auf Energiekrisen – „El Apagón“ – sowie auf Korruption und Massentourismus – „TURiSTA“ – eingebaut. Diese Entwicklungen treiben viele Menschen in die Emigration, ein Motiv, das sich auch in „NUEVAYoL“ und „DTMF“ wiederfindet.

In „El Apagón“, das erst gegen Ende des Konzerts läuft, erinnert Benito an den verheerenden Hurrikan Maria und daran, wie der Wiederaufbau in Korruption versank. Die Folge: ständige Stromausfälle auf der Insel, die Wut und Proteste auslösen.

In „TURiSTA“ thematisiert er Overtourismus, Gentrifizierung und den erzwungenen Exodus einer Diaspora, die ihre Identität nicht aufgeben will.

Die USA eroberten Puerto Rico vor über hundert Jahren

„Sie haben Puerto Rico besetzt – annektiert – durch den Vertrag von Paris von 1898, der ihnen die Kontrolle über Puerto Rico gab und Spanien zwang, einige seiner letzten Kolonien abzutreten“, erklärt Gustavo Garcia-Lopez nach dem ersten Konzertabend in Lissabon.

Neben der Besetzung Puerto Ricos übernahm Washington 1898 auch die Kontrolle über die polynesische Insel Hawai: annektiert, militarisiert, zum Touristenziel und später zum Gentrifizierungsfall gemacht. Darauf spielt der Song „LO QUE LE PASÓ A HAWAii“ an, der in Lissabon fehlte. Darin warnt Benito vor den Folgen einer möglichen Annexion und kulturellen Assimilation Puerto Ricos: dem Verschwinden der boricua-Identität, der traditionellen „lelolai“-Musik – und auch vor dem Aussterben endemischer Arten wie des Frosches sapo concho. Dieses Tier taucht in mehreren DTMF-Videoclips auf und erschien auch auf der großen Stadionleinwand, um den Unterschied des puerto-ricanischen Spanisch zu erklären.

Der Sapo-Concho-Frosch, der auch in den Videoclips des Albums DTMF auftaucht und im Stadion auf der Großleinwand zu sehen war
Der Sapo-Concho-Frosch, der auch in den Videoclips des Albums DTMF auftaucht und im Stadion auf der Großleinwand zu sehen war Manuel Ribeiro/Euronews

„Das puerto-ricanische Spanisch ist unsere Sprache. Ich würde es Spanisch boricua nennen, das ist unser Ursprung. Die Insel hieß früher bei den Indigenen Boriquen, deshalb nennen wir die Menschen aus Puerto Rico boricuas – und Benito nimmt diese Eigenheit stark in seine Auftritte auf, neben seiner ganz eigenen Identität“, erklärt der Forscher. Die Figur des concho stehe „für den Umweltkampf, diesen vom Aussterben bedrohten Frosch in Puerto Rico zu retten“, ergänzt Gustavo Garcia-Lopez. Eine der Ursachen für den Rückgang der Art sei der massive Bau von Tourismusprojekten und die damit verbundene Zerstörung von Grünflächen gewesen.

„Zunächst wurde Puerto Rico zu einem Gebiet landwirtschaftlicher Ausbeutung gemacht, später zu einem industriellen Standort. Und weil es eine Insel ist, führte die hohe Konzentration von Marinestützpunkten dazu, dass die Region zu einem geostrategischen Kontrollraum wurde. Es gab viele Militärbasen, viele Manöver und Bombenabwürfe, wie in Vieques und Culebra – mit enormer Umweltverschmutzung“, erinnert der Forscher im Gespräch mit Euronews.

„Sich an Kolonialismus zu gewöhnen heißt, langsam zu sterben“

„Sich an den Kolonialismus zu gewöhnen, ist eine Form des langsamen Sterbens“, sagt Gustavo Garcia-Lopez. „Diese koloniale Situation bedeutet zum einen Gewalt gegen Land und Menschen, zum anderen erzeugt sie Umweltbelastung.

Und selbst wenn die Fans die Songtexte im Chor mitsingen, ohne jedes Wort zu verstehen, tragen sie eine Bedeutung in sich, die direkt von Neokolonialismus, Austerität und Identität erzählt. „Puerto Rico ist die älteste Kolonie der Welt“, erinnert der Forscher gegenüber Euronews. Die Menschen in Puerto Rico seien zwar US-Bürger, „aber das ist nur eine Formalität: Sie dürfen nicht wählen und haben keinen Zugang zu grundlegenden Rechten. In den Songs von Bad Bunny steckt sehr viel antikolonialer Kampf.“

„NUEVAYoL“ gehörte zu den stärksten Momenten des Abends und markierte zugleich den Übergang von Benitos Auftritt auf der Hauptbühne zur kleineren Bühne „La Casita“.

„In den USA, vor allem in New York, gibt es eine große puerto-ricanische Gemeinde. Das Lied NUEVAYoL spiegelt das wider, es ist eine Ode an die puerto-ricanische Diaspora“, sagt der Forscher. Es verweise auf eine große jährliche Demonstration in New York, die Puerto Rican Day Parade. „Dort leben Millionen Puerto-Ricanerinnen und Puerto-Ricaner, die ihre eigene lokale Wirtschaft und Kultur aufgebaut haben – etwa die Salsa, die in New York gemeinsam mit den Kubanern entstanden ist“, erklärt Gustavo Garcia-Lopez.

„Die Puerto-Ricanerinnen und Puerto-Ricaner, die auf der Insel leben, haben keine politischen Rechte und dürfen nicht an US-Wahlen teilnehmen. Das bedeutet, dass alle Gesetze der USA, des Kongresses in Washington, über denen Puerto Ricos stehen. Und ein weiteres Beispiel für Neokolonialismus ist, dass wir in die US-Sozialversicherung und andere Fonds einzahlen, aber keinen Zugang dazu haben und nichts zurückbekommen. Also werden Arbeit und Ressourcen abgezogen, die Ungleichheit wächst. Und weil wir nicht wählen dürfen, können wir die Politik nicht verändern“, erklärt er.

In „NUEVAYoL“ verweist Bad Bunny auf die Diaspora, auf den 4. Juli, den US-Unabhängigkeitstag, und auf puerto-ricanische Bewegungen wie die Young Lords, die gegen den Stützpunkt in Vieques kämpften. Daher auch die Flagge über der Freiheitsstatue, die an jene Proteste der Young Lords erinnert, als sie die Statue mit der Puerto-Rico-Flagge besetzten.

Bevor Benito zur „La Casita“ des Estádio da Luz hinüberging, kam einer der Gitarristen mit seinem Cuatro, der puerto-ricanischen Gitarre, auf die Hauptbühne und stimmte „A minha casinha“ von Xutos & Pontapés an – und ließ das ganze Stadion einstimmig mitsingen.

Danach folgte der von Benito angekündigte Überraschungsauftritt: Der panamaische Musiker Sech betrat die Casita-Bühne, sang gemeinsam mit Bad Bunny „ignorantes“ und anschließend „Otro Trago“ solo.

DTMF kurz vor Schluss

Bad Bunny mit seiner DTMF-Tour in Lissabon.
Bad Bunny mit seiner DTMF-Tour in Lissabon. Manuel Ribeiro/Euronews

Eine Sache zieht sich durch Benitos DTMF-Performance: Er würdigt die angestammte Kultur und besonders den jíbaro, den puerto-ricanischen Kleinbauern mit Strohhut und Machete“, beschreibt der Professor.

„Das sind Menschen, die das Land bestellen, Zuckerrohr und Kaffee anbauen und alte landwirtschaftliche Praktiken pflegen, vom Land zu leben.“ Diese Bezüge finden sich auch in „PIToRRO DE COCO“. Benito greift das häufig auf und nutzt das „lelolai“ der Jíbara-Musik. Und in „CAFé CON RON“, das er in der Casita spielt, setzt er diese Referenzen ebenfalls“, erklärt er.

„Puerto Rico nach Portugal zu bringen und diese Vielfalt unseres Landes zu zeigen – vom Reggaeton über Salsa bis zur plena – für ein Publikum, das bisher wenig über Puerto Rico wusste, war großartig. Es war wunderschön, das im Konzert zu sehen“, resümiert der puerto-ricanische Professor und Forscher der Universität Coimbra.

Benito Antonio Martínez Ocasio, der einst in einem Supermarkt arbeitete, während er Songs auf SoundCloud veröffentlichte und Audiovisuelle Kommunikation studierte, wurde zu Bad Bunny. Mit 32 Jahren zählt er heute zu den populärsten Stimmen der Welt, seine Songs brechen auf Spotify regelmäßig Rekorde.

All das mischt er mit Reggaeton- und Latin-Trap-Rhythmen, mit bomba und plena. Daraus entsteht der perreo, ein Tanz- und Musikstil, der in den 1990er-Jahren zeitweise verboten war und später als Ausdruck urbanen Widerstands und der Selbstbestimmung zurückkehrte.

Der Kampf um puerto-ricanische Selbstbestimmung, der sich in seinem aktivistischen Werk spiegelt, steht im Kontrast zu seinem Schweigen über andere Konflikte in der Welt. Er bewahrt ihn auch nicht davor, bei Veranstaltungen mitzuwirken, die Milliardäre wie Jeff Bezos finanzieren, oder lukrative Verträge mit Marken wie Calvin Klein und, jüngst, Zara aus dem Inditex-Konzern zu unterzeichnen.

Am Donnerstag kehrt der Rapper nach Spanien zurück und gibt in Madrid eine Reihe von zehn Konzerten. Danach führt ihn die Tour nach Deutschland, in die Niederlande, das Vereinigte Königreich, nach Frankreich, Schweden, Polen, Italien und Belgien.

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