Nach acht Jahren meldet sich Paweł Pawlikowski mit einem Film zurück: Sandra Hüller und Hanns Zischler spielen Erika und Thomas Mann auf einem Roadtrip durch Deutschland im Kalten Krieg.
„Ojczyzna“ („Fatherland“) feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 79. Filmfestspiele von Cannes. Dort gewann der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski nach dem Jahr 2018 mit „Cold War“ zum zweiten Mal den Preis für die beste Regie. Sein neuer Film ist ein weiterer monochromer Blick in die Geschichte und folgt einem Duo, das von den Strudeln der Zeit mitgerissen wird.
Im Mittelpunkt stehen diesmal jedoch kein Liebespaar, sondern ein Vater, der deutsche Literaturnobelpreisträger Thomas Mann („Tod in Venedig“, „Doktor Faustus“), und seine Tochter Erika.
Thomas (Hanns Zischler) kehrt nur vier Jahre nach Kriegsende in seine Heimat Deutschland zurück. Er war 1933 in die USA emigriert; nun kommt der gefeierte nationale Schatz zurück, um innerhalb weniger Tage gleich zwei Auszeichnungen entgegenzunehmen.
Die erste erhält er in Westdeutschland unter amerikanischer Besatzung. Die zweite wartet in Ostdeutschland, das unter sowjetischer Kontrolle steht. Beide Seiten wollen Mann für sich beanspruchen: Die Westdeutschen hoffen, dass die gefeierte Kultfigur sich klar zum Kapitalismus bekennt, die Ostdeutschen verweisen darauf, dass Goethe, Manns große Inspiration, den marxistischen Werten zugestimmt hätte.
Erika (Sandra Hüller) zögert, ihren Vater an den Ort zu begleiten, den sie einst Heimat nannte. Ähnlich geht es ihrem desillusionierten Bruder Klaus (August Diehl), der in Frankreich lebt und dessen Roman „Mephisto“ wegen seiner antinazistischen Haltung verboten wurde.
„Nie wieder Deutschland – hässliches Land, hässliche Menschen, mit einer Sprache, die für Lügen geschaffen wurde“, sagt er seiner Schwester am Telefon.
Thomas besteht trotzdem auf der Reise, auch wenn ein Besuch in Weimar seine amerikanische Staatsbürgerschaft gefährden könnte. Erika willigt widerwillig ein, ihren Vater zu begleiten. Sie fungiert als Assistentin, Übersetzerin, Redenkorrektorin, Friseurin und Fahrerin. Als Ausgleich hofft sie, Klaus wiederzusehen – falls er auftaucht ...
Auf ihrem Roadtrip durch das geteilte Deutschland brechen alte familiäre Risse auf. Vater und Tochter erleben die Kriegsnarben eines Landes, das es in dieser Form nicht mehr gibt.
In vielerlei Hinsicht ist „Fatherland“ der dritte Teil einer lockeren Trilogie, die mit dem Oscar-prämierten „Ida“ (2013) und „Cold War“ begann. Auch dieser stilistische Schwesterfilm setzt auf hart kontrastierende Schwarz-Weiß-Bilder, das Academy-Format und ein europäisches Setting, das vom Trauma des Zweiten Weltkriegs geprägt ist.
Trotz der vertrauten Motive gelingt Pawlikowski mit seiner Rückkehr ein Meisterstück in Atmosphäre und Subtilität. Zugleich erkundet er einfühlsam Themen wie Trauer, ideologisch motivierte kulturelle Vereinnahmung und die Frage nach Zugehörigkeit.
„Lass uns nach Hause fahren“, sagt Erika unterwegs zu ihrem Vater.
„Wo soll das sein?“, antwortet er. Damit macht er deutlich, dass „Fatherland“ von zwei verlorenen Seelen erzählt, deren Heimat für immer verschwunden ist und deren Erbe nun zwei Staaten für sich beanspruchen wollen.
Über die straff erzählten 82 Minuten hinweg formt Pawlikowski „Fatherland“ auch zu einer eindringlichen Geistergeschichte, in der seine Figuren von Abwesenheit verfolgt werden – historischer ebenso wie persönlicher. Sein Stammkameramann Łukasz Żal verleiht den Themen mit sorgfältig komponierten Standbildern und klaustrophobischen langen Einstellungen eine gespenstische Schönheit.
Hüller macht Erika zum pulsierenden Zentrum von „Fatherland“ und fügt ihrer Filmografie eine weitere tief berührende Leistung hinzu. Erika Mann ist schon als Kriegsberichterstatterin, Schauspielerin und Schriftstellerin eine faszinierende Figur; Hüller stattet sie zudem mit greifbarer Traurigkeit und unterdrücktem Schmerz aus. Ob sie ihren Hass hinunterschluckt oder kurz die Kontrolle verliert, als sie ihrem Ex-Mann und Nazi-Sympathisanten Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff) begegnet – jede Regung in ihrem Gesicht, jede Bewegung ist präzise gesetzt. Wie sie Cannes ohne eine Palme verlassen konnte, bleibt ein Rätsel.
Als Erika am Ende mit ihrem Vater in den Ruinen einer zerfallenden Kirche sitzt, in der ein einsamer Organist Bach spielt, liefern Hüller und Zischler eine der erschütterndsten Szenen dieses Kinojahres.
Inmitten von Schönheit und Verfall brechen schließlich die verdrängten Gefühle hervor, und beide Figuren erkennen ihr Gewicht an. Es ist ein einfacher, eleganter Moment, den Pawlikowski mit der nötigen Zartheit inszeniert – eine emotionale Entladung, in der alles im Schweigen gesagt wird.
Ein anderes Werk muss schon außergewöhnlich fesselnd sein, um „Fatherland“ in den Rückblicken auf die besten Filme des Kinojahres 2026 zu übertreffen.
„Fatherland“ läuft jetzt in den polnischen Kinos und startet ab September gestaffelt im restlichen Europa.