Steht Natalie Portman tatsächlich im Zentrum von Rachel Cusks neuem Roman – oder ist der Wirbel nur cleveres, inszeniertes Literaturmarketing?
Einer der meistdiskutierten literarischen Neuerscheinungen dieser Woche – manche sagen sogar dieses Jahres – ist „Life of M“, der neue Roman der viel gelobten und preisgekrönten britischen Autorin Rachel Cusk.
Cusk ist bekannt für Romane wie „The Lucky Ones“, die Outline-Trilogie („Outline“, „Transit“ und „Kudos“), „Second Place“ sowie das mit dem Goldsmiths Prize ausgezeichnete Buch „Parade“. Ihr Name galt bislang nicht als Kandidat für skandaltauglichen Klatsch oder Schlagzeilen.
Doch nun ist es so weit: Alle reden über „Life of M“. Die zentrale Frage lautet: Steckt hinter der Figur M eine fiktionalisierte Version von Natalie Portman?
Der Verlag Farrar, Straus and Giroux preist den Roman als „flammende Untersuchung von Ruhm, Macht, Schönheit und Wahrheit“ an. Literaturkritiker rätseln, ob es sich um ein nur dünn verschleiertes, wenig schmeichelhaftes Porträt der Oscar-Preisträgerin handelt.
„Life of M“ erzählt von einer namenlosen Schriftstellerin, die eine berühmte Schauspielerin namens M als Inspiration für ihr nächstes Projekt nutzen will. Sie zeichnet das Leben des Stars nach und beschreibt „eines der bekanntesten Gesichter unserer Zeit“ als distanziert und selbstgerecht – eine Frau, die sich nahbar gibt, um den inneren Blender zu verbergen.
Ein literarischer Seitenhieb?
Berichten zufolge ja, denn die Parallelen zwischen M und Portman sind zu deutlich und zu zahlreich, um sie zu übersehen.
Aufgelistet hat sie zuerst die Kritikerin Valerie Stivers beim Magazin Unherd (Quelle auf Englisch). Sie schrieb, Portman „wirke seit Langem eher wie jemand, der sich als klug vermarkten will, als wie jemand, der tatsächlich klug ist – und ihre Entscheidung, ihre Freundin Rachel Cusk ein Buch über sie schreiben zu lassen, scheine das zu bestätigen“.
Während neue Rezensionen zu „Life of M“ erscheinen, tragen Leserinnen und Leser weiter zur Debatte bei und führen zahlreiche Überschneidungen auf. Bereits auf Seite drei schildert M ihre Erfahrungen als Kinderstar in einem Film, der „ihre Kindheit schlagartig beendete“.
Viele sehen darin einen Hinweis auf Léon: The Professional. Portman war damals elf Jahre alt, als sie die Rolle bekam, und 13 bei den Dreharbeiten.
M berichtet außerdem, ihre Eltern hätten verlangt, bestimmte Szenen aus dem Drehbuch zu streichen, und sie sei nach der Veröffentlichung des Films in der Schule gemobbt worden.
Beide Details hat Portman früher öffentlich erzählt.
Früh im Buch taucht zudem der Verweis auf Ms „Hauptrolle in einem Film über ein junges Mädchen auf, das für die Hauptrolle in einem Ballett ausgewählt wird“.
Viele denken sofort an Black Swan, den Film, in dem Portman eine verstörte Ballerina spielt und dafür einen Oscar erhält.
Die Liste der Parallelen ließe sich fortsetzen. Gerüchten zufolge ist Portman über ihre Darstellung wenig erfreut. Menschen aus ihrem Umfeld zeigen sich empört und betonen, Portman habe mit M nichts gemein.
„Natalie ist ein sehr privater Mensch, deshalb ist sie nach Paris gezogen. Rachels Buch ‚Life of M‘ hat sie wirklich wütend gemacht“, sagte eine anonyme „Insiderin“ dem Daily Mail (Quelle auf Englisch) und ergänzte: „Sie hält das für einen echten Tiefschlag und ist entsetzt über das Gerücht, sie sei irgendwie in das Buch eingebunden gewesen – was sie ganz sicher nicht war. Die Figur hat mit ihr nichts zu tun, Natalie ist alles andere als eine Diva, sie ist eine stille Leseratte.“
Trotzdem bestimmen die Spekulationen die Berichterstattung zum Erscheinen des Romans – nicht zuletzt, weil die Handlung in einer namenlosen Stadt spielt, die stark an Paris erinnert, und sowohl Cusk als auch Portman in der französischen Hauptstadt leben. Portman hat Cusk zudem öffentlich unterstützt, indem sie deren Werke für ihren Online-Buchclub auswählte. Sie lud die Autorin 2022 zu einem Gespräch ein, und in einem GQ-Interview von 2023 sagte Portman, sie sei „völlig beeindruckt“ gewesen, Cusk zu treffen.
Vom Seitenhieb zum Verratsvorwurf?
Cusk und ihr Team äußern sich kaum. Die Autorin sagte der New York Times (Quelle auf Englisch) lediglich, sie erlebe den Boulevard-Rummel als „sehr belastend“.
„Der Roman, den ich geschrieben habe, wird dadurch fast in einen Gerichtssaal gezerrt, in einen Streit um Fakten“, sagte sie. „Wenn man einmal anfängt, an diesem Faden zu ziehen, löst sich alles auf. Das Buch erklärt sich selbst und verteidigt sich ziemlich umfassend.“
Handelt es sich also um den Literaturskandal des Jahres? Oder eher um einen deprimierenden, wenn auch wirkungsvollen Marketingtrick, der klatschgetriebene Spekulation auslöst, um die Verkaufszahlen nach oben zu treiben?
Wie auch immer: „Life of M“ gilt als die große Meta-Erzählung des Herbstes. Bitter ist, dass der „skandalöse“ Wirbel manchen die Lektüre erschweren dürfte. Viele werden zu Recht beklagen, dass das ewige „Basieren die Figuren auf Portman oder nicht?“ vom eigentlichen Buch ablenkt. Im schlimmsten Fall überlagert der Hype „Life of M“ so sehr, dass einige das Buch nur wegen des Dramas und des Klatschs kaufen – und nicht wegen Cusks Sprache.
Angesichts ihres Könnens wäre genau das der eigentliche Skandal.
Rachel Cusks „Life of M“ ist bei Farrar, Straus and Giroux erschienen und ab sofort erhältlich.