Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Deutscher Pass immer begehrter bei israelischen und amerikanischen Juden

Immer mehr israelische Staatsangehörige erhalten einen deutschen Pass.
Immer mehr israelische Staatsangehörige erhalten einen deutschen Pass. Copyright  Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved
Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Ein deutscher Pass als Schutz in unsicheren Zeiten: Immer mehr israelische und amerikanische Juden und Nachkommen von NS-Verfolgten stellen einen Antrag. Dahinter stehen Angst, Pragmatismus und ein womöglich neues Verhältnis zu Deutschland.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Es war das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und das Ende des nationalsozialistischen Terrors. 81 Jahre später lässt sich eine Entwicklung beobachten, die auf den ersten Blick paradox erscheint: Immer mehr Nachkommen von Holocaust-Überlebenden beantragen heute die deutsche Staatsbürgerschaft. Juden aus Israel, aus den USA, aus der ganzen Welt. Viele stellten zwar schon zuvor Anträge, doch seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 haben sich die Motive jedoch nochmals verschoben. Zugleich gibt es immer wieder bürokratische Hürden.

WERBUNG
WERBUNG

Eliyahu Raful kennt diesen Weg aus eigener Erfahrung. Der 37-jährige Israeli aus der Stadt Bnei Brak bei Tel Aviv zog im Oktober 2020 nach Berlin, machte seinen Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit geltend und gründete schließlich Chafetz Chayim, eine Organisation, die Nachkommen jüdischer NS-Verfolgter bei der Antragstellung unterstützt. Die Nachfrage nach seiner Arbeit ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.

Ein deutlicher Anstieg in wenigen Jahren

Die Zahlen sind deutlich. Laut Bundesministerium des Innern wurden 2021 insgesamt 2.485 israelische Staatsangehörige in Deutschland eingebürgert. Im Jahr 2024 waren es bereits 4.275 – wie eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage von Euronews mitteilte. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung stieg die Zahl der Einbürgerungen israelischer Staatsangehöriger allein in Berlin 2024 auf 202 Fälle, rund dreimal so viele wie einige Jahre zuvor.

Hinter diesen Zahlen stehen zwei Rechtsgrundlagen. Nach Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes haben Personen einen Anspruch auf Einbürgerung, denen die deutsche Staatsbürgerschaft zwischen 1933 und 1945 aktiv entzogen wurde. Das gilt auch für ihre Nachkommen.

Ergänzend gilt seit 2021 Paragraf 15 des Staatsangehörigkeitsgesetzes. Er erfasst auch jene, die die Staatsbürgerschaft nie besessen haben, weil sie als Verfolgte des NS-Regimes keine erwerben konnten. Wie das Bundesverwaltungsamt erläutert, sind diese Ansprüche weder zeitlich befristet noch auf bestimmte Generationen beschränkt.

Dabei zeigt sich ein Wandel: Wurden anfangs vor allem Einbürgerungen nach dem klassischen Artikel 116 Absatz 2 GG beantragt, hat die neuere Regelung nach Paragraf 15 StAG sie inzwischen überholt – 2024 entfielen darauf 2.185 der Fälle, so das Innenministerium.

Eliyahu Raful lebt in Berlin und unterstützt Nachkommen jüdischer NS-Verfolgter auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft.
Eliyahu Raful lebt in Berlin und unterstützt Nachkommen jüdischer NS-Verfolgter auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft. Chafetz Chayim

Zwischen Rechtsanspruch und Behördenrealität

Eliyahu Raful kennt den Unterschied zwischen rechtlichem Anspruch und behördlicher Wirklichkeit aus eigener Erfahrung. Als er 2020 seinen Antrag in Berlin stellte, wurde er abgewiesen mit den Worten: "Wie wollen Sie eine deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, wenn Sie gar kein Deutsch sprechen?" Dabei ist für Nachkommen von NS-Verfolgten kein Sprachnachweis erforderlich. Erst nachdem er nach Dresden gezogen war, kam Bewegung in sein Verfahren. Im August 2023 erhielt er seinen deutschen Pass.

Heute ist er Gründer von Chafetz Chayim – Citizenship Restoration Services. Der Name lässt sich sinngemäß mit ‘der das Leben begehrt’ übersetzen. Das Team verbindet internationale Berater mit deutschen Rechts- und Archivexperten. "Wir helfen mit allem, von der historischen Recherche bis zum letzten Behördengang", sagt Raful. Die Hauptstadt sei für ihn dabei kein zufälliger Standort: "Berlin ist ein Ort, der einen zwingt, Dinge immer wieder neu zu definieren. Für mich gilt das besonders für jüdisches Leben: Gerade weil jüdische Gegenwart hier historisch gesehen nicht selbstverständlich, fast paradox ist, stellt sich immer wieder die Frage, was es bedeutet, an diesem Ort jüdisch zu sein.”

Nach dem 7. Oktober: der Trend verändert sich

Rafuls Klientel hat sich seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 grundlegend verändert. Früher wandten sich vor allem säkulare, mobile Israelis an ihn. Seit dem 7. Oktober erreicht der Trend auch Gruppen, bei denen er das nie erwartet hätte. "Ich habe Klienten aus Mea Shearim", sagt er über das ultraorthodoxe Viertel Jerusalems. "In Zeiten der Unsicherheit werden Menschen weniger ideologisch und praktischer."

Das Bundesinnenministerium bestätigt diesen Eindruck: Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und die nachfolgenden Ereignisse im Nahen Osten hätten zu einem weiteren Anstieg der Antragszahlen beigetragen, so eine Sprecherin auf Anfrage.

Ultraorthodoxe jüdische Männer im Jerusalemer Viertel Mea Shearim.
Ultraorthodoxe jüdische Männer im Jerusalemer Viertel Mea Shearim. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

Eliyahu Raful beobachtet zudem einen generationsbedingten Wandel. Für ältere Generationen sei die Erinnerung an den Holocaust noch unmittelbar gewesen. Für jüngere Antragsteller werde Deutschland heute weniger durch direkte Erinnerung wahrgenommen als durch die Frage künftiger Sicherheit und Zugehörigkeit. "Weil ich selbst zwischen verschiedenen kulturellen und religiösen Welten gewechselt habe, verstehe ich, dass Zugehörigkeit selten einfach ist. Für viele Antragsteller ist die Staatsbürgerschaft nicht nur ein Dokument, sondern auch ein Weg, Stabilität und eine mögliche Zukunft zu schaffen."

Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, sieht darin ein bedeutsames Signal: "Ich halte es für einen enormen Vertrauensbeweis, dass sich Juden aus Israel und den USA in Deutschland, dem ehemaligen Land der Täter, ein Leben und eine Zukunft vorstellen können." Mit Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes hätten die Mütter und Väter des Grundgesetzes dafür eine eindeutige rechtliche Grundlage geschaffen – "und darüber bin ich sehr froh", so Klein.

Vertrauen statt Vergebung?

Was treibt Menschen dazu, ausgerechnet in dem Land Stabilität zu suchen, aus dem ihre Familien einst fliehen mussten? Raful wählt seine Worte sorgfältig: “Ich würde die symbolische Bedeutung nicht in Begriffen der Vergebung beschreiben. Aus meiner Sicht geht es eher um Vertrauen: das Vertrauen, dass das heutige Deutschland aus seiner Geschichte etwas Wesentliches gelernt hat und dass sein rechtlicher und demokratischer Rahmen Sicherheit und eine Zukunft bieten kann.”

Felix Klein mahnt zugleich: "Es bewegt mich sehr, dass Nachkommen von Holocaust-Überlebenden ausgerechnet in Deutschland Schutz suchen." Das Vertrauen von Jüdinnen und Juden in den deutschen Staat sei jedoch "kein Selbstläufer, sondern muss jeden Tag neu verdient werden". Klein nennt drei Voraussetzungen: konsequenter Schutz jüdischer und israelischer Einrichtungen, entschlossene Strafverfolgung antisemitischer Taten und eine Gesellschaft, die Antisemitismus nicht relativiere – "egal, ob er von rechts, links, islamistisch oder im Gewand vermeintlicher Israelkritik auftritt".

Ein Polizist patrouilliert vor der "Neuen Synagoge“ in der Berliner Innenstadt.
Ein Polizist patrouilliert vor der "Neuen Synagoge“ in der Berliner Innenstadt. Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved

Transparenz als das eigentliche Problem

Das eigentliche behördliche Hindernis ist für Raful nicht die Beschaffung historischer Dokumente – in vielen Fällen lassen sich Nachweise aus Archiven wie den Arolsen Archives beschaffen. Es ist vielmehr die fehlende Transparenz im Verfahren.

Das Bundesverwaltungsamt betone zwar, dass jeder Antrag im Einzelfall geprüft werde – das sei selbstverständlich notwendig, sagt Raful. Aus der Perspektive von jemandem, der viele Verfahren begleite, sei die Reihenfolge der Bearbeitung aber oft schwer nachvollziehbar. Das eigentliche Problem sei weniger die Wartezeit an sich als die fehlende Vorhersehbarkeit. "Ich habe Fälle, die ich vor fast drei Jahren eingereicht habe und von denen ich noch nichts gehört habe. Gleichzeitig erhalte ich Rückfragen zu Fällen, die ich erst vor einem Jahr eingereicht habe."

Zum Stichtag 1. April 2026 lagen beim Bundesverwaltungsamt laut Innenministerium 17.689 Anträge nach Artikel 116 Absatz 2 GG noch unentschieden vor. Das Ministerium verweist auf die stark gestiegenen Antragszahlen als Ursache und betont, dass "erhebliche Anstrengungen" unternommen würden, um Rückstände abzubauen. Eliyahu Raful formuliert es so: "Wenn Deutschland die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft als Teil seiner historischen Verantwortung begreift, sollte der Prozess diese Verantwortung auch widerspiegeln – durch mehr Klarheit, Geschwindigkeit und Zugänglichkeit."

Auch aus den USA: Der deutsche Pass als Notfallplan

Der Trend beschränkt sich nicht auf Israel. Beim deutschen Generalkonsulat in New York stieg die Zahl der Wiedergutmachungsanträge von 734 im Jahr 2022 auf 1.771 im Jahr 2025, wie die Tagesschau berichtete. Seit Sommer 2024 müssen US-Amerikaner keine Genehmigung mehr einholen, um bei der deutschen Einbürgerung ihren amerikanischen Pass zu behalten – das hat die Zugänglichkeit deutlich erhöht.

Die Motive unterscheiden sich in vielen Fällen von denen israelischer Antragsteller: Es ist weniger die unmittelbare Kriegsangst als ein wachsendes Unbehagen über die politische Entwicklung. Eliyahu Raful beobachtet: Bei jüdischen Antragstellern aus den USA mische sich das konkrete Sicherheitsbedürfnis mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem Europa, das als das offenere System wahrgenommen werde. "Die Menschen suchen nicht nur etwas mit sentimentalem Wert. Sie suchen nach Stabilität, Sicherheit und rechtlicher Stärke." Wie viele der Antragsteller tatsächlich nach Deutschland ziehen wollen, lässt sich dabei jedoch kaum messen.

Am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, stehen die steigenden Einbürgerungszahlen für mehr als eine statistische Entwicklung. Sie erzählen von Menschen, deren Familien Deutschland einst verlassen mussten und die heute im ehemaligen Land der Täter rechtliche Sicherheit, Stabilität und manchmal auch eine neue Zukunft suchen.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Hantavirus-Ausbruch: Sind deutsche Krankenhäuser gewappnet?

Trump setzt EU Frist bis zum 4. Juli - sonst drohen "viel höhere" Zölle

Theologe über gestrandeten Wal Timmy: "Etwas Zeichenhaftes ist passiert"