Im Februar haben Deutschland und die Ukraine ein Abkommen unterzeichnet, dass ukrainische Soldaten die Ausbildung hierzulande unterstützen sollen. Vier ukrainische Drohnen-Offiziere erklären, was die deutsche Truppe braucht.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat moderne Kriegsführung von Grund auf verändert: "Innerhalb des vergangenen Jahres habe ich einen Panzer auf dem Schlachtfeld gesehen", erklärt Korporal Dmytro Zhluktenko, der im 413. Regiment für unbemannte Systeme "RAID" der ukrainischen Streitkräfte für die Auswertung von Kampferfahrungen zuständig ist.
Panzer seien an manchen Frontabschnitten "schlicht nicht mehr überlebensfähig", so Zhluktenko.
"Wenn man mit dem deutschen Militär spricht, heißt es: Man brauche diese Panzer, weil sie das Wichtigste im Krieg seien. Wir sehen das anders, denn die Kriegsführung hat sich seit 2022 so stark verändert, dass alte Ansätze nicht mehr funktionieren werden. Drohnen könne man im letzten Moment kaufen, weil sich die Technologie ständig weiterentwickelt", erklärt Zhluktenko bei einem Pressegespräch organisiert vom Deutsch-Ukrainischen Büro in Berlin.
"Ich würde sagen, es ist eine Frage des Ansatzes und der Doktrin. Einige Vorstellungen davon, wie Kriegsführung funktioniert, sind aus unserer Sicht etwas veraltet."
Hat Deutschland sich an die moderne Kriegsführung angepasst?
Innerhalb der vergangenen vier Jahre hat Russlands Krieg gegen die Ukraine eine Zeitenwende in Deutschland ausgelöst: höhere Verteidigungsausgaben mit dem Ziel, die Bundeswehr möglichst schnell materiell und personell aufzurüsten. Dazu gehört auch klassisches, schweres Gerät, wie beispielsweise Kampfpanzer. So soll die neu aufgebaute Panzerbrigade 45 in Litauen zum Beispiel 123 neue Kampfpanzer vom Typ Leopard A8 bekommen, sowie vorerst auch ein paar tausend Angriffsdrohnen.
Ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch lange nicht ausreichend, sagen vier ukrainische Drohnenoffiziere des 413. Regiments "RAID" der ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systeme. "Ich sehe zu viele Probleme bei der deutschen Armee, wenn es um Drohnen geht", betont Hauptmann Oleksandr Voitko, stellvertretender Kommandeur der Einheit.
Laut Voitko bräuchten Armeen "so viele FPV-Kamikazedrohnen wie Munition". "Munition ist sehr einfach zu produzieren. Aber man sagt ja auch nicht, dass man Munition erst im letzten Moment herstellen wird. Denn der letzte Moment ist der Augenblick, in dem man auf den Feind schießt. Außerdem weiß niemand, wann dieser letzte Moment sein wird."
Voitko fügt hinzu, dass die Bundeswehr zwar über einige Hightech-Drohnenfähigkeiten verfüge – darunter Starrflügel-Kamikazedrohnen und weitreichende Aufklärungssysteme – ihr aber das fehle, was er als "die zwei effektivsten Mittel gegen feindliche Infanterie" bezeichnete: FPV-Kamikazedrohnen und sogenannte Bomberdrohnen, die Sprengsätze abwerfen können.
Nach Angaben des stellvertretenden Kommandeurs würden "80 Prozent der russischen Infanterie in der Ukraine durch diese beiden Drohnentypen zerstört". "Soweit ich weiß, steht dieses Thema bei der deutschen Armee derzeit nicht einmal auf der Agenda – obwohl es das effektivste Mittel gegen feindliche Infanterie ist", so Voitko.
"Derzeit ist Deutschland nicht darauf vorbereitet, sich dieser Art von Kriegsführung zu stellen, die Russland in der Ukraine perfektioniert hat", fügt Zhluktenko hinzu.
"Das zweite Problem ist, dass die Bundeswehr selbst von ihren Hightech-Drohnen nicht genug besitzt. Staaten wie Russland oder andere autoritäre Regime können sehr hohe Verluste verkraften. Das sehen wir aktuell im Iran und auf dem Schlachtfeld in der Ukraine. Man braucht sehr viele Drohnen, um genügend Ziele auszuschalten und einer großen Armee wie der russischen ernsthaften Schaden zuzufügen. Selbst mit sehr guten Drohnen reicht die Qualität allein nicht aus, weil solche Armeen hohe Verlustraten akzeptieren können. Deshalb gewinnt man einen solchen Krieg nicht allein mit einigen wenigen Hightech-Systemen", so Voitko.
Ukrainische Soldaten, die deutsche Soldaten ausbilden
"Eine sehr wichtige Frage ist zudem nicht nur die Anzahl der Drohnen, sondern auch die Anzahl der ausgebildeten Piloten", erklärt Voitko. Wie viele Drohnenpiloten es aktuell in der Bundeswehr gibt, ist unklar. Genaue Zahlen werden aus Gründen der militärischen Sicherheit nicht veröffentlicht, heißt es.
Klar ist jedoch, dass die Drohnenausbildung in der Truppe deutlich vorangetrieben werden soll. Wie es aus dem Verteididungsministerium heißt, soll die Ausbildung in diesem Bereich massiv ausgebaut werden und der Umgang mit Drohnen noch in diesem Jahr Teil der Grundausbildung werden.
Die ukrainischen Offiziere glauben, dass Kyjiw auch direkt bei der Ausbildung deutscher Soldaten helfen könnte. "Ja, wir sind dazu bereit", sagt Hauptmann Markiian Yatsyniak, stellvertretender Kommandeur der Einheit, auf die Frage, ob ukrainische Ausbilder deutsche Soldaten trainieren würden. Eine Möglichkeit wäre aus seiner Sicht, zertifizierte ukrainische Ausbilder mit Fronterfahrung nach Deutschland zu entsenden.
"Der für uns offensichtlich einfachste Weg besteht darin, [die Ausbildung] auf unserem Boden anzubieten, sodass deutsche Truppen in die Ukraine kommen und wir das gesamte Spektrum an Dienstleistungen bereitstellen", erklärt Yatsyniak.
Nur kollektive Verteidigung kann Sicherheit geben
In den vergangenen Jahren wurden teile der ukrainischen Armee öfter von NATO-Soldaten trainiert. Das Blatt wendet sich in Deutschland jedoch. Im Februar 2026 unterzeichneten die Verteidigungsministerien Deutschlands und der Ukraine ein Abkommen, das eine Ausbildung deutscher Soldaten von Ukrainern ermöglicht.
Erfahrene ukrainische Kämpfer schulen nun deutsche Soldaten an Fachschulen des Heeres, beispielsweise in Munster und Ingolstadt, in der Drohnenabwehr und Fronterfahrung. "Es ist geplant, vor allem an den Truppenschulen des Heeres die Erfahrungen ukrainischer Soldatinnen und Soldaten in die Ausbildung im Heer einfließen zu lassen", sagte ein Sprecher des Heeres der Nachrichtenagentur dpa damals.
"Das Heer will in allen Belangen von den Erfahrungen der ukrainischen Streitkräfte profitieren", erklärte Heeres-Inspekteur Dr. Christian Freuding im April in der Welt am Sonntag. "Die Ausbildung muss heute natürlich Drohnenbedrohung abbilden, Drohnennutzung der eigenen Truppe muss selbstverständlich werden." Das könne man derzeit von niemandem besser lernen als von den Ukrainern. Bereits vor Ostern sollen Schulungen stattgefunden haben, wie er dem Medium gesagt hat.
"Wir haben Ukrainer bisher an der Panzertruppenschule, am dortigen Ausbildungs- und Übungsstützpunkt Unbemannte Systeme sowie an der Pionierschule. In diesen Tagen kommen sie an die Artillerieschule, und das wollen wir noch stärker in die Breite des Heeres tragen", so Freuding weiter.
Die ukrainischen Drohnen-Offiziere sind der Ansicht, dass es bei der Drohnen-Ausbildung und Weitergabe von Wissen dazu um die kollektive Sicherheit Europas und der NATO gehe. "Wir alle zusammen sind nur dann in der Lage, uns und unseren Kontinent zu verteidigen, wenn wir zusammenarbeiten", mahnt Zhluktenko. "Vorausgesetzt, ihr werdet mindestens so stark wie wir es derzeit sind."