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Barrierefrei feiern: Wie Polen Musikfestivals zugänglicher macht

Plattform für Menschen mit Behinderungen beim Orange Warsaw Festival am 30. Mai 2026 in Warschau.
Orange Warsaw Festival in Warschau: barrierefreie Plattform für Menschen mit Behinderung am 30.05.2026. Copyright  Euronews
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Von Marcelina Burzec
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Zu den weltweit barrierefreiesten Musikfestivals zählen Glastonbury in Großbritannien und Coachella in den USA. In Polen gilt das Orange Warsaw Festival als Vorreiter: 2022 wurde es als "Leader der Barrierefreiheit" ausgezeichnet.

Zu den weltweit barrierefreiesten Musikfestivals zählen das Glastonbury Festival in Großbritannien und das Coachella Valley Music and Arts Festival in den USA. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Organisation Handicare in Zusammenarbeit mit Age Co aus dem Jahr 2024.

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In Polen verweist insbesondere das Orange Warsaw Festival auf sein Engagement für Barrierefreiheit. Das Festival wurde 2022 von der Stiftung Kultura Bez Barier mit dem Preis "Lider Dostępności" (Leader der Barrierefreiheit) ausgezeichnet.

"Diese Auszeichnung war die Krönung jahrelanger Bemühungen und hat uns zusätzlich motiviert, nicht nachzulassen", sagt Wojciech Jabczyński, Sprecher von Orange Polska, im Gespräch mit Euronews. E

uronews war bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals vor Ort. Wir wollten selbst sehen, wie die verschiedenen Maßnahmen in der Praxis funktionieren, und Menschen mit Behinderungen fragen, wie sie die Bemühungen der Veranstalter bewerten.

"Ohne sie hätte ich mich nicht getraut"

Renata ist mit einem Scooter und Krücken unterwegs. Freundinnen haben sie dazu überredet, das Orange Warsaw Festival zu besuchen. Zuvor hatten sie sich informiert, ob das Festival barrierefrei ist und ob Renata sich dort problemlos bewegen könnte.

"Früher war ich skeptisch. Ohne sie hätte ich mich nicht getraut", erzählt sie. Am Tag des Konzerts von Olivia Dean feiert Renata Geburtstag. Umso mehr freut sie sich darüber, dass sie es zum Festival geschafft hat.

Renata (in der Mitte) an ihrem Scooter, gemeinsam mit zwei Freundinnen, 30.05.2026, Warschau.
Renata (in der Mitte) an ihrem Scooter, gemeinsam mit zwei Freundinnen, 30.05.2026, Warschau. Euronews

"Als ich gelesen habe, dass dies eines der bestorganisierten Festivals in Sachen Barrierefreiheit ist, dachte ich: Das probiere ich aus. Bisher bin ich begeistert, weil ich mich hier wahrgenommen fühle. Ich habe das Gefühl, dass sich jemand um mich kümmert. Manchmal ist es mir fast schon unangenehm, wie sehr alle darauf achten, dass sich Menschen mit Behinderungen wohlfühlen. Aber genau das ist großartig", sagt Renata.

Auf die Frage, ob sie sich auf anderen Festivals schon einmal ausgeschlossen gefühlt habe, nickt sie. Besonders bei den sanitären Anlagen habe es häufig Probleme gegeben. "Oft sind die Toiletten nur über Bordsteine erreichbar, ohne Rampe. Viele werden nicht ausreichend betreut und sind einfach schmutzig", erzählt sie.

Auf dem diesjährigen Orange Warsaw Festival habe sie solche Schwierigkeiten jedoch nicht erlebt.

Toilette für Menschen mit Behinderungen beim Orange Warsaw Festival, bewacht von einem Freiwilligen.
Toilette für Menschen mit Behinderungen beim Orange Warsaw Festival, bewacht von einem Freiwilligen. Euronews

"Ehrlich gesagt ist die Plattform mit Blick auf die Bühne einer der besten Plätze auf dem ganzen Festivalgelände. Sie ist gut erreichbar, man hat eine tolle Sicht und der Sound ist ebenfalls hervorragend. Selbst wenn ich allein hierherkommen würde, wüsste ich, dass ich zurechtkäme. Hier sind einfach großartige Menschen – Freiwillige, Assistentinnen und Assistenten sowie viele andere Helferinnen und Helfer", sagt Renata.

Barrierefreiheit beim Orange Warsaw Festival

Die Festivalerfahrung beginnt lange vor dem Einlass. Deshalb spielt auch der Zugang zu Informationen eine große Rolle.

„Wir achten sowohl auf barrierefreie Werkzeuge als auch auf eine verständliche Sprache. Das heißt unter anderem: Die Festival-Website durchläuft jedes Jahr ein Audit der digitalen Barrierefreiheit. Wir aktualisieren jährlich den Bereich mit allen Informationen zur Barrierefreiheit des OWF. Wir erstellen Vorab-Guides im leicht lesbaren Format sowie Audiobroschüren und Materialien in Polnischer Gebärdensprache (PJM)“, erklärt der Sprecher von Orange Polska.

„Den Besucherinnen und Besuchern stehen unterstützender Transport auf dem Festivalgelände, eine Kiss-&-Ride-Zone und Parkplätze auf dem Gelände zur Verfügung. Menschen mit Behinderungen können ihr Ticket am Punkt für prioritären Service ohne Anstehen gegen ein Festivalbändchen tauschen. Es gibt Audiodeskription für die Konzerte auf der Hauptbühne, Induktionsschleifen an zentralen Punkten, Dolmetschen in PJM für die Kommunikation sowie die Möglichkeit, Kopfhörer, Rollstühle und Empfänger für die Audiodeskription auszuleihen“, zählt er auf.

Informationen zur Audiodeskription beim Orange Warsaw Festival, 29.05.2026, Warschau.
Informationen zur Audiodeskription beim Orange Warsaw Festival, 29.05.2026, Warschau. Euronews

Neben individueller Unterstützung gibt es auch eine systemische Lösung: das Ticket der Kategorie N. Es ermöglicht den Besuch des Festivals gemeinsam mit einer Begleitperson.

Jeden Festivaltag sind rund 50 geschulte Freiwillige der Stiftung Orange auf dem Gelände unterwegs und bereit zu helfen.

"Barrierefreiheit bedeutet mehr als nur Fortbewegung"

Eines der größten Hindernisse auf vielen Festivals ist die Infrastruktur. "Solche Veranstaltungen finden häufig auf weitläufigen, unebenen Wiesenflächen statt. Für Menschen im Rollstuhl, an Krücken oder mit einem Rollator wird die selbstständige Fortbewegung dadurch deutlich erschwert", sagt Magdalena Wojciechowska von der Polska Bez Barier im Gespräch mit Euronews.

Dabei ließen sich viele Probleme mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen lösen. "Man kann befestigte Wege anlegen, Rampen und Stege bauen oder einen unterstützenden Transport bis direkt zum Eingang des Festivalgeländes anbieten", erklärt Wojciechowska.

"Unsere Aufgabe als Stiftung besteht darin, technische und organisatorische Leitlinien zu entwickeln und Veranstalter bereits in der Planungsphase zu beraten, damit Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht wird."

Orange Warsaw Festival, 29.05.2026, Warschau.
Orange Warsaw Festival, 29.05.2026, Warschau. Euronews

Sie erinnert daran, dass Barrierefreiheit weit mehr ist als nur Mobilität.

„Zum Publikum gehören auch Menschen mit sensorischen Behinderungen. Für sie wird eine volle Teilhabe an einem Musikfestival oft erst möglich, wenn es Induktionsschleifen, Audiodeskription, Live-Untertitel oder Dolmetschen in Polnische Gebärdensprache gibt. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit sind außerdem Schulungen für Hunderte Freiwillige sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sicherheitsdienste“, sagt Wojciechowska.

Neue Lösungen im Praxistest

In diesem Jahr testete das Festival zwei neue Angebote zur Barrierefreiheit: das System Auracast und vibrierende Rucksäcke.

Diese haptischen Rucksäcke, kurz: vibrierende Rucksäcke, ermöglichen es, Musik am Körper zu spüren. Das Signal aus dem Mischpult wird automatisch in Vibrationen übersetzt – der Bass in starke Schwingungen, der Rhythmus in Pulsieren, Veränderungen in der Dynamik in wechselnde Intensität. Zusätzlich sind die Rucksäcke mit Kopfhörern mit Knochenleitung ausgestattet. So reicht das Musikerlebnis vom tiefen Bass im Brustkorb bis zu hohen Tönen, die in den Schädelknochen resonieren.

An der Plattform für Menschen mit Behinderungen treffen wir Zosia. Sie trägt ein Hörgerät und testet gerade einen dieser Rucksäcke. Gleich will sie zum Konzert auf der zweiten Bühne, nimmt sich aber noch eine Minute Zeit, um uns ihre bisherigen Eindrücke zur Barrierefreiheit beim Festival zu schildern.

Blick von der Plattform für Menschen mit Behinderungen auf die Hauptbühne des Orange Warsaw Festival.
Blick von der Plattform für Menschen mit Behinderungen auf die Hauptbühne des Orange Warsaw Festival. Euronews

"Vor langer Zeit war ich einmal auf einem Festival in Krakau, aber meistens habe ich Festivals gemieden, weil ich Angst hatte, nichts zu hören, in der Menge zu verschwinden und die Party nicht genießen zu können. Jetzt ist meine Lieblingskünstlerin Olivia Dean angekündigt, also habe ich mich überwunden. Mir wurde eine Weste angeboten, die das Hören über Knochenleitung verbessert, und auf der Plattform gibt es zusätzlich eine Induktionsschleife. Das hat mich sehr positiv überrascht. Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet, als ich hierherkam. Und dank dieser Hilfen werden wir wohl noch mehr Spaß haben", sagt Zosia.

Atemgerät und weiße Sneaker

Fast jedes Jahr kommen auf dem Festival neue Angebote für Menschen mit Behinderungen hinzu. Agata Etmanowicz, Koordinatorin für Barrierefreiheit beim Orange Warsaw Festival, betont im Gespräch mit Euronews, dass viele Lösungen, die für eine bestimmte Besuchergruppe gedacht sind, letztlich der Mehrheit zugutekommen.

"Dazu gehören etwa Wege, dank derer Besitzerinnen und Besitzer weißer Sneaker sie sauber nach Hause bringen, oder die Möglichkeit, ein Atemgerät aufzuladen. Live-Untertitel könnten außerdem für viele Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland hilfreich sein", sagt sie.

"Vorab-Guides in leicht verständlicher Sprache entwickeln wir vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten und/oder neurodiverse Personen. Davon profitieren aber auch alle, die nicht aus Warschau kommen oder noch nie auf einem Festival waren und erst einmal herausfinden wollen, was wo ist, wie man hinkommt und wie alles funktioniert", erklärt Etmanowicz.

Die Organisatoren wollen zudem Live-Untertitel bei Konzerten in einer zweisprachigen Version einführen. "Davon profitiert nicht nur ein gehörloses Publikum, sondern jede Person, die verstehen möchte, worüber Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne sprechen. Menschen aus dem Ausland wissen nicht, was Pezet oder Jan-Rapowanie ins Mikrofon rufen. Polnische Besucherinnen und Besucher verstehen wiederum nicht immer, was Lewis Capaldi oder Olivia Dean sagen. Untertitel machen es außerdem leichter, die Songs mitzusingen – und das macht doch immer Spaß", sagt sie.

"Jede einzelne Lösung erreicht mehr Menschen, als man zunächst denkt, und sorgt dafür, dass das Festival insgesamt freundlicher wirkt", betont Etmanowicz.

Es bleibt noch viel zu tun

Die Koordinatorin der Barrierefreiheit beim Orange Warsaw Festival steht im Austausch mit Organisatorinnen und Organisatoren internationaler Festivals. "Es geht nie um Wettbewerb in Sachen Barrierefreiheit, sondern immer um Neugier und Inspiration. Oft schulen wir andere Teams und nutzen dabei die OWF-Erfahrungen, um sie zu ermutigen, die Barrierefreiheit ihrer Festivals zu verbessern."

Ein gutes und geografisch nahes Beispiel ist für sie das Festival Colours of Ostrava in Tschechien.

"Das OWF bietet viele Lösungen, die es bei Colours nicht gibt. Colours wiederum hat Angebote, die uns noch fehlen. Ein Punkt, auf den wir besonders neidisch sind, ist künstlerische Gebärdensprachdolmetschung – bislang nur bei ausgewählten Konzerten – und von KI generierte Untertitel. Daran arbeiten wir", sagt Agata Etmanowicz.

Sie erklärt, warum das so anspruchsvoll ist: "Damit künstlerische Gebärdensprache wirklich gut wird, sollte jedes Stück von einem Duo aus einer gehörlosen Person und einer hörenden Person – einem Dolmetscher oder einer Dolmetscherin – vorbereitet werden. Für jedes Lied braucht es Vorbereitung: Es wird jeder Ton, jeder Rhythmus und jeder Text übersetzt."

Für Etmanowicz gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen "für alle" und "unter Ausschluss einiger".

"Wir tun alles, was wir können, damit niemand vom Festivalerlebnis ausgeschlossen wird. Hinter all unseren Maßnahmen steht ein einfacher Gedanke: Wenn dir das Line-up gefällt und du kommen möchtest, tun wir alles, damit du dich sicher und wohl fühlst und Spaß hast – zu deinen eigenen Bedingungen", sagt sie.

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