Semtex, eine Konservendose, SIM-Karten: Medienberichte liefern womöglich neue Erkenntnisse zur Drohne, die nahe einer Antonow-Frachtmaschine am Flughafen Leipzig/Halle gefunden wurde.
Nach dem Fund einer Drohne mit Sprengvorrichtung am Flughafen Leipzig/Halle ermittelt nun die Bundesanwaltschaft. Das Fluggerät war in der Nacht zum Mittwoch nahe einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine entdeckt worden. Ein Mitarbeiter des Flughafens bemerkte die Drohne auf der Start- und Landebahn "Südpiste" und brachte sie nach Informationen aus Sicherheitskreisen mit einem Fußtritt zu Boden. Spezialisten der Bundespolizei entfernten anschließend den Zünder.
Die Karlsruher Behörde hat den Fall wegen seiner "besonderen Bedeutung" von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden übernommen. Sie ermittelt wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und eines gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr. Die Bundesanwaltschaft spricht von einem "schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland".
Nationaler Sicherheitsrat berät über Vorfall
Auch auf Bundesregierungsebene ist der Fall Thema: Der Nationale Sicherheitsrat hat sich nach Angaben von Regierungssprecher Stefan Kornelius in einer Telefonkonferenz mit dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle befasst. Die Beratungen fanden unter dem Vorsitz von Bundeskanzler Friedrich Merz statt.
Merz stehe wegen der Ereignisse in Leipzig in "fortwährendem Austausch" mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und weiteren Mitgliedern der Bundesregierung, sagte Kornelius. Angaben zu konkreten Ergebnissen oder Beschlüssen der Beratungen machte er nicht.
Sprengstoff soll in Konservendose verborgen gewesen sein
Nach Informationen der Bild-Zeitung soll der Sprengstoff in einer handelsüblichen Konservendose versteckt worden sein. Der ursprüngliche Inhalt der Dose sei entfernt, diese mit dem Plastiksprengstoff Semtex gefüllt und anschließend wieder verschlossen worden. In den Dosenboden sei dem Bericht zufolge ein Loch für die Montage des Zünders gebohrt worden.
Dass Semtex an der Drohne verwendet wurde, berichteten auch der SPIEGEL und andere Medien unter Berufung auf Sicherheitskreise. Nach dpa-Informationen wurden bei dem Sprengsatz Semtex und der stark explosionsgefährliche Sprengstoff PETN festgestellt. Die Ermittlungsbehörden haben sich bislang nicht öffentlich zu Details über Zusammensetzung und Menge des Sprengstoffs geäußert.
Ermittler prüfen zwei SIM-Karten
Nach Bild-Informationen verfügte die Drohne zudem über eine Abwurfvorrichtung und zwei SIM-Karten. Die Ermittler prüften, ob die Karten für die Steuerung des Fluggeräts oder für die Auslösung beziehungsweise Kontrolle der Abwurftechnik verwendet wurden.
Auch das ZDF berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise über an der Drohne verbaute 5G-Antennen. Diese könnten auf eine Mobilfunksteuerung hindeuten. Für die Ermittler ist insbesondere relevant, ob und wie das Fluggerät aus der Ferne kontrolliert wurde.
Stundenlang nahe Antonow?
Videoaufnahmen vom Flughafengelände sollen nach Angaben der Bild zeigen, dass die Drohne bereits gegen 19.30 Uhr am Standplatz 213 stand. Dem Bericht zufolge befand sie sich dort über vier Stunden lang in unmittelbarer Nähe einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine, ehe der Mitarbeiter des Flughafens sie gegen 23.42 Uhr bemerkte und zu Boden brachte.
Der SPIEGEL berichtet außerdem, an einer Tragfläche der Antonow sei ein Teil der Drohne gefunden worden. Das könnte darauf hindeuten, dass sich das Fluggerät zeitweise unmittelbar über dem Flugzeug befand oder mit der Maschine kollidierte. Eine offizielle Bestätigung dieser Details gibt es bislang nicht.
Unabhängig davon suchen die Behörden weiter nach einem mutmaßlich zweiten unbekannten Flugobjekt. Eine Frachtmaschine war nach einem abgebrochenen Landeanflug im erweiterten Bereich des Flughafens mit einem Gegenstand kollidiert. Sie landete anschließend sicher in Hannover, wo leichte Beschädigungen festgestellt wurden.
Dobrindt spricht von "neuer Gefahrenqualität"
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte den Vorfall nach einer Lagebesprechung vor Ort als "sehr ernsten, sicherheitsrelevanten Vorfall" bezeichnet. Er sprach von einer "neuen Gefahrenqualität" und einem möglichen "hybriden Anschlagsszenario". Wer hinter der Tat stehen könnte, ist weiter offen.
Dass der Fund große Aufmerksamkeit auslöst, hängt auch mit dem Ort zusammen: Die Drohne wurde an einem der wichtigsten europäischen Luftfrachtdrehkreuze entdeckt, das zugleich für strategische Schwerlast- und Militärtransporte von Bedeutung ist.