Die kanadische Analysefirma BCA Research nutzt ihre strengen Marktmodelle nun, um den Sieger der Fußball-WM 2026 vorauszusagen, die am Donnerstag in Mexiko-Stadt beginnt.
Normalerweise bewertet man Marktanalystinnen und ‑analysten danach, wie gut sie Zinsentscheidungen vorhersagen oder Kursbewegungen einschätzen. Doch wenn an diesem Donnerstag das größte Fußballturnier der Welt, die FIFA‑Weltmeisterschaft 2026, startet, richtet ein renommiertes Investmenthaus seine Modelle auf einen ganz anderen „Vermögenswert“: den Fußball.
BCA Research, ein in Montreal ansässiges Analysehaus, legt bereits die dritte Ausgabe dessen vor, was es „die wichtigste aller unwichtigen Prognosen“ nennt. Grundlage ist ein eigenes, zweistufiges Statistikmodell, das den Ausgang des Turniers berechnen soll.
Das Urteil des Modells: Frankreich stemmt den Pokal nach einem Finalsieg gegen Portugal. England und Spanien scheitern demnach im Halbfinale.
Prognosemodell mit Erfolgsbilanz
Anders als die allgegenwärtigen Wohnzimmer-Expertisen vor großen Turnieren stützt sich BCA auf dieselbe analytische Disziplin wie bei Staatsanleihen und Aktienmärkten.
Das Experiment läuft seit 2018. Damals sagte das Modell den WM‑Titel für Frankreich korrekt voraus. Vier Jahre später lag es auch mit Argentinien als Weltmeister 2022 im Elfmeterschießen richtig – keine Selbstverständlichkeit angesichts des Chaos bei diesem Turnier.
Für 2026 arbeitet das Modell in zwei Stufen. Zuerst fließen Daten aus fünf früheren Weltmeisterschaften ein. Berücksichtigt werden unter anderem durchschnittliche Spielerbewertungen, Tempowerte der Angriffsreihen sowie ein „Heimvorteils‑Dummy“, der jeder Gastgebernation pro Spiel einen Zuschlag von 24 % auf die Siegchance gibt.
In der zweiten Stufe greift ein eigenes Modell, das auf K.-o.-Spiele seit 2006 kalibriert ist. Dort wiegen die eingespielte Zusammenarbeit auf Klubebene und die Erfahrung der Stürmer, gemessen an absolvierten Partien statt am Alter, am schwersten.
Außerdem baut BCA einen „Fluch-des-Titelverteidigers‑Dummy“ ein. Er reduziert Argentiniens Siegwahrscheinlichkeit pro Spiel um 20 % und bildet damit die historische Tendenz ab, dass Titelverteidiger häufig hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Nach BCA‑Analyse fielen Spanien 2014 und Deutschland 2018 genau diesem Muster zum Opfer.
Das Modell trifft im K.-o.-Teil häufiger ins Schwarze als in der Gruppenphase. Grund ist vor allem die Unberechenbarkeit von Teams, die ihre ersten zwei Spiele gewinnen, damit praktisch weiter sind und im letzten Gruppenspiel Stammkräfte schonen.
Im Gespräch mit Euronews verwies Jérémie Peloso, Chefstratege bei BCA, auf den Sieg Tunesiens gegen Frankreich im letzten Gruppenspiel der WM 2022.
„Frankreich war bereits qualifiziert, und der Trainer entschied, einige Schlüsselspieler auf der Bank zu lassen“, sagte er.
Solche Entscheidungen erschweren laut Peloso Prognosen in der Gruppenphase, weil plötzlich andere Faktoren als die reine Mannschaftsstärke den Ausschlag geben.
Frankreich setzt sich im engen Finale durch
Das Modell sieht Frankreich als klaren Topfavoriten des Turniers. Auch die nackten Zahlen stützen diese Einschätzung.
Laut der Plattform Transfermarkt stellt Frankreich den wertvollsten Kader dieser WM. Der Gesamtmarktwert liegt bei 1,476 Milliarden Euro – mehr als dem Dreifachen des Durchschnitts der 48 teilnehmenden Nationen.
Allein Kylian Mbappé wird auf 200 Millionen Euro taxiert und steht damit für über 13 % dieses Gesamtwerts.
Nach Einschätzung von BCA verfügt die Équipe von Didier Deschamps über so viel Tiefe, dass sie fast zwei konkurrenzfähige Startelfs stellen könnte. Im Halbfinale soll Frankreich Spanien hauchdünn schlagen. Die Franzosen erhalten eine Weiterkommenswahrscheinlichkeit von 52,5 %, was auf ein völlig offenes Duell hindeutet.
Peloso erklärte Euronews: „Die Quoten wirken fast wie ein Münzwurf. Das zeigt auch, dass beide Teams zu den Favoriten zählen und aktuell auf den Plätzen eins und zwei der FIFA‑Weltrangliste stehen.“
„Der Unterschied liegt in der Qualität der französischen Angreifer im Vergleich zu Spanien. In der K.-o.-Phase haben wir festgestellt, dass Erfahrung und Klasse der Stürmer meist den Ausschlag geben“, so Peloso.
Im anderen Halbfinale setzt sich Portugal gegen England durch, mit einer geschätzten Wahrscheinlichkeit von 55,2 %. Laut Modell kippten die Chancen zugunsten Portugals, weil Englands Trainer Thomas Tuchel auf Cole Palmer, Phil Foden und Harry Maguire verzichtet.
Das von BCA prognostizierte Finale hätte für beide Nationen große Bedeutung.
Für Frankreich würde ein Triumph bedeuten, dass Deschamps erst als zweiter Trainer der Geschichte die WM zweimal gewinnt – nach Italiens Vittorio Pozzo.
Für Portugal und Cristiano Ronaldo, inzwischen 41 Jahre alt und wohl zum letzten Mal bei einem großen Turnier dabei, wäre ein Sieg das noch fehlende Schlusskapitel einer der bemerkenswertesten Karrieren des Fußballs.
Prognosemärkte weichen teils ab
BCA Research hat seine Titelwahrscheinlichkeiten auch mit dem Prognosemarkt Polymarket verglichen. Das eigene Modell liegt grob auf Linie mit dem Marktkonsens, weicht in einigen Punkten aber ab.
Auffällig: BCA gibt Portugal eine Chance von 16,4 % auf den Titel, Polymarket nur 10 %. Dort gilt Portugal damit nur als viertwahrscheinlichster Weltmeister.
Auf Polymarket liegen Frankreich und Spanien mit jeweils 16 % gleichauf an der Spitze. England rangierte am Dienstag mit 11 % auf Platz drei.
Die drei Gastgeber USA, Mexiko und Kanada kommen bei BCA zudem etwas besser weg als es die aktuellen Polymarket‑Quoten vermuten lassen.
Auf Kalshi, einem weiteren Prognosemarkt, führt zum jetzigen Zeitpunkt dagegen Spanien mit einer Titelchance von 16,5 %. Frankreich folgt mit 16,3 %, Portugal liegt mit 10,3 % auf Rang drei.
Für alle anderen startet das Turnier am Donnerstag in Mexiko‑Stadt. Die Zahlen sind jedenfalls berechnet.
Hinweis: Diese Informationen stellen keine Anlageberatung dar. Prüfen Sie stets zusätzlich selbst, ob eine Geldanlage zu Ihrer persönlichen Situation passt.