Die spanische Regierung ruft erstmals wegen Waldbränden den Notstand von nationalem Interesse aus. In Madrid und Ávila wurden mehr als 63.000 Menschen evakuiert, eine Person festgenommen. Löschflugzeuge aus Griechenland und Italien sind auf dem Weg.
Spanien erlebt einen der härtesten Tage dieser Brandsaison. Mit zwei großen aktiven Brandfronten im Südwesten der Region Madrid und einem weiteren in Ávila greift Innenminister Fernando Grande-Marlaska zu einem Schritt, den es in der jüngeren Landesgeschichte noch nicht gab: Er ruft die Notlage von nationalem Interesse, die operative Stufe 3 für die Brände, aus.
Bislang hatten die Behörden dieses Instrument nur ein einziges Mal genutzt, nämlich beim landesweiten Stromausfall. Von nun an koordiniert die Zentralregierung alle verfügbaren Mittel von Staat, Regionen und Kommunen.
Die Entscheidung wurde gefällt, nachdem die Präsidentin der Autonomen Gemeinschaft Madrid, Isabel Díaz Ayuso, einräumt hat, dass die Region an mehreren Fronten „außerhalb der Löschkapazität“ liegt. Der Vertreter der Zentralregierung in der Region, Francisco Martín, spricht von einer „sehr komplizierten“ Lage.
Brüssel reagiert auf das Gesuch Spaniens und aktiviert den europäischen Katastrophenschutzmechanismus: Griechenland schickt zwei Canadair-Löschflugzeuge und zwei weitere kommen aus Italien. Sie sollen ab Samstag gemeinsam mit Verstärkung aus einem halben Dutzend Autonomieregionen zum Einsatz kommen.
Region Madrid fürchtet um El Escorial: mehr als 63.000 Menschen evakuiert
Die Brände bei Villa del Prado und San Martín de Valdeiglesias galten zunächst als drohende Großfeuer, die sich vereinen könnten. Derzeit breiten sie sich in unterschiedliche Richtungen aus, liegen jedoch weiter sehr nah beieinander.
Der Brand bei San Martín de Valdeiglesias geht auf ein Fahrzeug zurück, das auf der M-501 in Flammen aufging. Das Feuer bei Villa del Prado brach direkt dort aus. Gemeinsam haben die beiden Brandherde dazu geführt, dass folgende Orte vollständig evakuiert wurden:
- Aldea del Fresno.
- Navas del Rey.
- Colmenar del Arroyo.
- Chapinería.
- Fresnedillas de la Oliva.
- Robledo de Chavela.
- Navalagamella y Zarzalejo.
Zudem müssen die Bewohner, die in Villa del Prado geblieben sind, in ihren Häusern bleiben. Gegen Mitternacht kommt die Evakuierung von rund 5.000 Menschen vom Campingplatz El Escorial hinzu. Damit steigt die Zahl der Evakuierten in der Region auf 63.000.
Zwei wichtige Straßen der Gegend, die M-501 und die M-507, bleiben gesperrt. Ein Ausfall der Telekommunikation nimmt 16 Gemeinden die Netzabdeckung. Das erschwert sowohl die Koordination der Einsatzkräfte als auch den Kontakt der Bewohner zu ihren Familien.
Marlaska räumt ein, dass sich dieser Brand „sehr schwer“ löschen lassen wird. Er setzt dennoch darauf, dass der vorhergesagte Winddreher und sinkende Temperaturen in der Nacht ein günstigeres Zeitfenster für Angriffe auf die Flammen eröffnen. Nach Angaben des Regierungsvertreters besteht das zentrale Ziel nun darin, zu verhindern, dass die Flammen El Escorial und San Lorenzo de El Escorial erreichen.
Ávila: Festnahme, 9.000 Hektar zerstört, Seniorenheim in der Nacht geräumt
In der Provinz Ávila sorgt vor allem der Brand Burgohondo-Navaluenga für große Sorge. Er legt in nur 40 Minuten bis zu drei Kilometer zurück, angetrieben von starken Windböen.
Das Feuer hat bereits mehr als 9.000 Hektar vernichtet, der Brandumfang überschreitet 70 Kilometer. Evakuiert wurden Burgohondo, Villanueva de Ávila, Hoyo de Pinares und Teile von Cebreros sowie der Campingplatz El Burguillo und mehrere Landhäuser im Naturschutzgebiet Valle de Iruelas. Navaluenga und El Tiemblo stehen unter Hausarrest.
Einer der heikelsten Momente des Tages ist der nächtliche Transport der Bewohner des Altenheims San Antonio in El Tiemblo. Sie müssen nach Cebreros verlegt werden.
Die Guardia Civil nahm eine Person fest und führt eine weitere als Beschuldigten. Beide gelten als mutmaßlich Verantwortliche für den Brand. Nach Angaben der Sicherheitskräfte sollen sie in einer Zone gearbeitet haben, in der der Einsatz schwerer Maschinen verboten war. Die Geräte sollen den Funkenflug ausgelöst haben. Den Verdächtigen wird Brandstiftung in einem Waldgebiet vorgeworfen, mit dem verschärfenden Umstand, dass die Flammen in der Nähe bewohnter Orte ausbrachen.
Weitere Brandherde, erste Lichtblicke
Die Brandkarte an diesem Freitag beschränkt sich nicht auf Madrid und Ávila. In León erzwingt das Feuer bei Murias de Ponjos die Evakuierung von rund 40 Anwohnern. Nach Angaben der Regionalregierung von Kastilien und León brennt es dort außerhalb der verfügbaren Löschkapazitäten.
In Huelva wird Villanueva de las Cruces wegen des Brandes bei El Cerro del Andévalo vollständig geräumt; dort sind bereits mehr als 1.200 Hektar betroffen. In Teruel flammt der Brand bei Ejulve erneut auf, mehrere Ortsteile von Castellote werden vorsorglich evakuiert. In Cerro Muriano in der Provinz Córdoba bekämpft der andalusische Dienst Infoca einen weiteren Brandherd und blickt mit gewissem Optimismus auf die Lage, achtet aber darauf, dass die Flammen nicht in ein nahegelegenes Militärgebiet vordringen.
Doch es gibt auch positive Nachrichten. Der Brand von Almorox in der Provinz Toledo befindet sich in der Stabilisierungsphase. Einige Bewohnerinnen und Bewohner dürfen zurückkehren. Zugleich ergibt sich eine erste Bilanz: 43 Häuser wurden zerstört, 286 weitere in Villa del Prado beschädigt.
Auch der Brand von La Mierla in der Provinz Guadalajara, der zweitgrößte Brand des Jahrhunderts in Spanien mit 35.000 Hektar verbrannter Fläche, entspannt sich. Vierzehn Gemeinden können wieder in den Normalbetrieb übergehen. Der Brand von Fuente Álamo in der Region Murcia wird in der Nacht zum Freitag stabilisiert, der Brand bei Brieva in der Provinz Segovia ist bereits auf Gefahrenstufe 0 herabgestuft.
In diesem Jahr sind in Spanien nach Schätzungen bereits rund 148.000 Hektar verbrannt. Das entspricht mehr als der Hälfte der Fläche, die im gleichen Zeitraum in der Europäischen Union in Flammen aufgeht.
Die Regierung hält mehr als 1.800 Einsatzkräfte der militärischen Spezialeinheit UME, der Guardia Civil und des Katastrophenschutzes im Feld. Am Samstag sollen die Luftunterstützung aus Griechenland und Italien dazukommen.