Kyjiw drängt seit Monaten auf zusätzliche US-Patriot-Abfangraketen, denn Russland setzt inzwischen mehr ballistische Raketen ein. UN-Menschenrechtler warnen unterdessen eindringlich vor den Folgen für Zivilisten.
Russische Raketen- und Drohnenangriffe haben in der Nacht in Kyjiw und der umliegenden Region mindestens 15 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Das teilten die Behörden am Mittwoch mit. Es ist der jüngste Angriff in einer ganzen Serie tödlicher Attacken auf die Ukraine.
Reporter der Nachrichtenagentur AFP hörten kurz nach Mitternacht Explosionen in Kyjiw. Zuvor hatte die ukrainische Luftwaffe vor anfliegenden ballistischen Raketen gewarnt.
Ein AFP-Journalist berichtete, noch Stunden später dichten Rauch und einen stechenden Brandgeruch über der Stadt wahrgenommen zu haben. Die Militärverwaltung von Kyjiw erklärte, der Raketen- und Drohnenhagel habe Wohnhäuser und mehrere Lagerhallen getroffen.
"Der Feind greift erneut gezielt Zivilisten und zivile Infrastruktur an", hieß es auf Telegram.
In der Hauptstadt kam nach ihren Angaben eine Frau ums Leben. Mindestens 24 weitere Menschen wurden verletzt, nachdem die Einschläge Brände in vier Stadtbezirken ausgelöst hatten.
"Einer der tragischsten Angriffe"
In der Region Kyjiw wurden nach Angaben der Regionalverwaltung 14 Menschen durch die Angriffe getötet. Mehr als 20 weitere haben in den umliegenden Orten Verletzungen erlitten.
"Die Region Kyjiw hat in dieser Nacht erneut einen der tragischsten Angriffe des Feindes erlebt", schrieb Tymur Tkachenko, Leiter der regionalen Militärverwaltung, auf Telegram.
"Russland hat unserem Land wieder Tod und Zerstörung gebracht und Zivilisten das Leben genommen. Eine gerechte Verantwortung wird für jedes dieser Verbrechen sicher folgen." Die neuen Angriffe setzen eine Serie tödlicher nächtlicher Attacken auf die Hauptstadt fort.
Bei russischen Angriffen auf Kyjiw und seine Vororte wurden am Samstag zehn Menschen getötet und mehr als 30 weitere verletzt. Ukrainische Drohnen versenkten zugleich im Schwarzen Meer ein großes russisches Containerschiff.
Die Regierung in Kyjiw drängt ihre Verbündeten seit einigen Monaten auf zusätzliche Abfangraketen des US-Systems Patriot. Russland setzt mehr als vier Jahre nach Beginn des Großangriffs immer stärker auf ballistische Raketen.
Gezielte "Jagd" auf Zivilisten
Beide Seiten haben in den vergangenen Wochen ihre Angriffe mit großer Reichweite verstärkt. Nach einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP hat Russland seinen Raketenbeschuss im Juli mehr als verdoppelt.
Drohnenangriffe gehören inzwischen zum Alltag. Die Ukraine verstärkt ihre Attacken auf zivile Infrastruktur in Russland, darunter Öl- und Gasanlagen sowie Logistikzentren.
Angriffe auf Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries töteten am Dienstagmorgen in der Region Moskau fünf Menschen und verletzten zehn weitere.
Der Moskauer Bürgermeister erklärte am Mittwoch, die Luftabwehr habe mindestens zehn auf die russische Hauptstadt zulenkende Drohnen abgefangen und zerstört.
Der Gouverneur der südlich von Moskau gelegenen Region Tula meldete, die russische Luftabwehr habe in der Nacht 107 ukrainische Drohnen über dem Gebiet abgeschossen.
Nach seinen Angaben wurden zwei Wohnhäuser beschädigt. Eine Drohne stürzte auf das Gelände eines Logistikzentrums von Wildberries und löste dort einen Brand aus.
Das Unternehmen, dem die Ukraine vorwirft, Teile für Drohnen zu lagern und die russische Armee zu unterstützen, teilte mit, es habe eine "vorsorgliche Evakuierung" angeordnet.
Steigende Zahl ziviler Opfer
Die Ukraine zeigte sich unterdessen empört über ein Video aus der Stadt Cherson. Darin verfolgt eine Drohne einen Mann. Kyjiw sprach von einer gezielten "Jagd" und "Safari" auf Zivilisten.
UN-Menschenrechtsbeobachter schlagen wegen der steigenden Zahl ziviler Opfer Alarm. Diese hat inzwischen den höchsten Stand seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 erreicht.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, das Fehlen von Abfangsystemen gegen ballistische Raketen "ermutigt Russland nur, solche Angriffe zu starten, bei denen Menschen sterben".
Vergangenen Dienstag traf er in den USA seinen Amtskollegen, US-Präsident Donald Trump. Dabei drängte er Washington auch auf Lizenzen, um das Patriot-System im eigenen Land produzieren zu dürfen.