Die Berliner Mauer trennte Familien, sperrte Millionen Menschen ein. Der Bau begann vor 65 Jahren. Mindestens 140 Menschen wurden an der Mauer getötet - darunter Ida Siekmann und Chris Gueffroy – das erste und das letzte Opfer des DDR-Grenzregimes. 915 Menschen wurden an der gesamten Grenze getötet.
Von einem Tag auf den anderen änderte sich für die Bewohner der Bernauer Straße in Berlin alles. Zwar hatte sich bereits abgezeichnet, dass die Stadt bald geteilt sein könnte. Einige flüchteten kurzentschlossen noch über die bald entstehende Grenze, denn mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurden die bisherigen Fluchtwege über die Sektorengrenze abrupt abgeschnitten. Plötzlich war Ostberlin abgeriegelt.
Nach Beginn des Mauerbaus in Berlin war es für die Menschen im Berliner Osten nicht mehr möglich, einfach so in den Westen zu gehen. Einige wagten eine Flucht aus den Fenstern der Häuser an der Bernauer Straße, denn direkt auf dem Bürgersteig davor begann Westberlin. Die typischen mehrstöckigen Berliner Häuser standen direkt auf dem Grenzstreifen.
Fenster zugemauert, Bewohner umgesiedelt
Doch diese Fluchtstrecke blieb nicht lange unentdeckt, im Oktober hat die DDR die Häuser zwangsgeräumt und die Bewohner in andere Häuser umgesiedelt. Um der Flucht durch die Fenster ein Ende zu setzen, mauerte die DDR-Regierung diese kurzerhand zu. Im späteren Verlauf wurden die Wohnhäuser abgerissen.
Am 13. August 1961 wurde West-Berlin abgeriegelt. Die DDR begründete die Maßnahmen mit dem angeblichen Schutz der eigenen Bürger - vor mutmaßlichen westdeutschen Militaristen, vor Spionage und Sabotage. Die geplante Mauer nannten sie "antifaschistischen Schutzwall". In der Propaganda der DDR war der Westen gefährlich und kriegstreibend.
Zum Einsatz kamen zunächst Stacheldrahtsperren. In den ersten Tagen war eine Flucht nicht ganz unmöglich. So wagte beispielsweise der Volkspolizist Conrad Schumann den Sprung über den Stacheldraht. Er ist am 15. August gerade noch rechtzeitig über die noch nicht vollständig gemauerte Grenze geflohen. Ein Foto davon ging um die Welt.
Heute erinnert das Denkmal "Mauerspringer" an seine Geschichte. Und es gibt auch die, die nicht erfolgreich ausgingen. Nur eine Woche später will auch Ida Siekmann Ostberlin verlassen, ihre Schwester wohnte zwar nur einige Häuserblocks entfernt, doch die Grenze mitten in Berlin drohte, sie auseinander zu bringen.
Flucht durchs Fenster - Westberliner Feuerwehr wartete mit Sprungtüchern
Am 22. August 1961 will sie flüchten. Sie wirft Bettzeug aus dem Fenster ihrer Wohnung in Ostberlin direkt auf den Gehweg davor - Westberlin. Auch andere Habseligkeiten wirft sie hinterher, die Landung sollte so abgefedert wie möglich sein, falls Hilfskräfte der Feuerwehr nicht rechtzeitig zur Stelle wären, um sie aufzufangen. Diese standen an mehreren Orten zu diesen Tagen in Westberlin mit einem Sprungtuch bereit, um die Flucht zu erleichtern.
6.50 Uhr, Siekmann springt. Am nächsten Tag sollte sie 59 Jahre alt werden. Doch beim Aufprall zieht sie sich schwere Verletzungen hinzu. Auf dem Weg ins Lazarus-Krankenhaus erliegt sie ihren Verletzungen. Siekmann ist damit das erste Todesopfer an der Berliner Mauer. Am Bürgersteig wurden Blumen abgelegt.
Bis zum Fall der Mauer im Jahr 1989 sollte es jedoch noch viele mehr geben. Offiziell gezählt und historisch erfasst sind der Stiftung Berliner Mauer zufolge 140 Todesopfer an der Berliner Mauer. Einige starben wie Ida Siekmann an den Folgen des Aufpralls nach einem Fenstersturz.
Die größte Gruppe wurde jedoch bei Fluchtversuchen über die Mauer und die Grenzanlagen erschossen. Noch heute stehen die Namen einiger Opfer auf Plaketten, die im Boden genau an den Stellen eingelassen worden sind, wo sie fielen. Erst nach dem Ende der DDR begann die juristische Aufarbeitung der tödlichen Schüsse an der Berliner Mauer. Die sogenannten Mauerschützenprozesse starteten 1991 und zogen sich bis in die frühen 2000er-Jahre.
Tödliche Fluchtwege - im Tunnel, im Wasser, auf dem Grenzstreifen
"Ich habe Günter Litfin [...] im Wasser des Humboldtbeckens schwimmen sehen", erzählt Joachim Jauer, Reporter aus Westberlin für RIAS, den Rundfunk im amerikanischen Sektor, in einem Zeitzeugeninterview zum 13. August 1961 von der Bundesstiftung Aufarbeitung. Jauers Erzählungen zufolge ist Litfin eine ganze Weile im Nordhafen geschwommen "und nichts passierte" - dann wurde er erschossen.
Litfin war Schneider und träumte von einer Karriere im Theater. Nach Abschluss seiner Schneiderlehre 1957 arbeitete er der Stiftung Berliner Mauer zufolge in einem Maßatelier in der Nähe vom Bahnhof Zoo in West-Berlin. Er gehörte zu den vielen sogenannten "Grenzgängern zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt. Er wohnte in Weißensee, wollte später in den Westen ziehen. Der Mauerbau zerstörte seine Zukunftspläne, mit damals 24 Jahren plante er seine Flucht am 24. August 1961.
"Der ist richtig ermordet worden", betont Jauer. Es sei nicht so gewesen, das man versucht hätte, ihn aufzuhalten. Dem Schwimmer sei richtig in den Kopf geschossen worden. "Das hat mich ungeheuer erschüttert", erzählt Jauer und schüttelt dabei leicht den Kopf. Für ihn war es mit den Augen eines jungen Erwachsenen der erste Tote, den er gesehen habe.
Das Schicksal von Litfin fand große Anteilnahme in Westdeutschland. Den Grenzposten wurden in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "brutale Kaltblütigkeit" vorgeworfen, wie die Stiftung Berliner Mauer berichtet. In Presseberichten der DDR wurde hingegen von einem Tod durch Ertrinken geschrieben.
Ertrunkene Kinder
Litfin und Siekmann sind unter den ersten Toten der Mauer, die Berlin in Ost und West teilte. Die Grenze verlief entlang Pankow, Prenzlauer Berg, Mitte, Kreuzberg und Neukölln und machte aus West-Berlin eine von der DDR umschlossene politische Insel. Die Mauer durchschnitt dabei Straßen und Verkehrswege und trennte das Leben der Berliner auf beiden Seiten voneinander.
Dies führte zu tragischen Todesfällen, so sind mindestens fünf Kinder ertrunken, weil sie beim Spielen in die Spree gefallen sind und die westberliner Feuerwehr nicht zu ihnen konnte und die DDR-Grenztruppen nicht geholfen haben.
Der Fall Jörg Hartmann (10) und Lothar Schleusener (13)
Das Projekt "Chronik der Mauer", unter anderem betrieben vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat auch diesen Fall rekonstruiert: Am 14. März 1966 wurden an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Treptow und Berlin-Neukölln zwei Kinder erschossen. In der DDR wird das Verbrechen verschleiert. Den Angehörigen wird erzählt, dass Jörg Hartmann und Lothar Schleusener ertrunken seien.
In Wahrheit sind die beiden nach Einbruch der Dunkelheit unbemerkt ins Grenzgebiet geschlichen. 30 Jahre später berichtet der Todesschütze: er habe einen Schatten wahrgenommen und das Feuer eröffnet. Der zehnjährige Jörg Hartmann stirbt an Ort und Stelle. Sein 13 Jahre alter Freund Lothar Schleusener wird ins Volkspolizei-Krankenhaus in Berlin-Mitte gebracht, wo er seinen Verletzungen noch am selben Abend erliegt.
Jörg habe erzählt, dass er zu seinem Vater nach West-Berlin wolle, berichten seine Klassenkameraden, findet seine Lehrerin heraus, die keine RTuhe gibt und später in den Westen flieht. Der Leichnam von Jörg Hartmann wird schon vor der Benachrichtigung der Angehörigen eingeäschert und auf dem Friedhof Baumschulenweg in Berlin-Treptow anonym bestattet.
Im November 1997 spricht das Landgericht Berlin einen ehemaligen Grenzsoldaten des Totschlags an Jörg Hartmann und Lothar Schleusener schuldig und verurteilt ihn zu einer Bewährungsstrafe von 20 Monaten.
Geisterbahnhöfe
16 U- und S-Bahn-Stationen lagen brach, so beispielsweise der Nordbahnhof. In diesen sogenannten Geisterbahnhöfen durfte niemand ein- oder aussteigen, die Züge hielten dort nicht mehr. 28 Jahre lang hielt sich die innerdeutsche Grenze.
Hätte Chris Gueffroy Anfang 1989 gewusst, dass die Berliner Mauer am 9. November desselben Jahres fallen würde, hätte er vielleicht einen anderen Weg gewählt. Doch im Mai sollte er zur Nationalen Volksarmee eingezogen werden, deshalb entschließt sich der damals 21-Jährige mit einem Freund zur Flucht.
Von Bekannten haben sie gehört, der Schießbefehl sei ausgesetzt. Bedacht schleichen sie sich nachts zum Grenzgebiet. Unentdeckt übersteigen die beiden sportlichen jungen Männer mit einer "Räuberleiter" die gut drei Meter hohe Hinterlandmauer, heißt es in der Chronik der Mauer. Mit selbstgefertigten Wurfankern wollten sie die Sperranlagen überwinden, doch den Signalzaun lassen sie nicht unbemerkt hinter sich: akustischer und optischer Alarm wird ausgelöst.
Nur noch ein Sperrelement liegt vor ihnen, doch jetzt stehen sie unter Beschuss. Die Idee mit dem Wurfanker misslingt, die Freunde versuchen es erneut mit einer Räuberleiter. Doch als Chris Gueffroy mit dem Rücken zur Mauer steht, trifft ihn erst ein Schuss in den Fuß, dann in den Rücken, die Kugel geht ins Herz. Innerhalb weniger Minuten erlag der 21-Jährige seinen Verletzungen. Sein Freund, Christian G. wird verletzt festgenommen. Er war der letzte Flüchtling, der Opfer des DDR-Schießbefehls wurde. Neun Monate später fällt die Berliner Mauer.