Europas Staats- und Regierungschefs ziehen sich an Küsten und aufs Land zurück. Doch die anhaltenden Krisen machen den Urlaub zum Rufrisiko.
Europa ist in seine alljährliche Sommerflaute geraten.
Brüssel ist wie leergefegt, die nationalen Parlamente pausieren. Politikerinnen und Politiker nutzen die seltene Gelegenheit, sich kurz von den Anforderungen ihres Amts zu lösen.
Für die politische Klasse Europas ist Abschalten jedoch schwieriger, als es klingt.
Die Krisen Europas sind nicht verschwunden. Russland bombardiert die Ukraine weiter, im Nahen Osten bleiben die Spannungen hoch. Wirtschaftliche Unsicherheit und verheerende Waldbrände in mehreren europäischen Ländern lasten auf den Regierungen, selbst wenn deren Mitglieder versuchen, zur Ruhe zu kommen.
Regierungschefs wägen Dauer und Art ihrer Auszeiten genau ab, um Ärger in der Öffentlichkeit zu vermeiden.
Hier verbringen einige der bekanntesten europäischen Führungspersönlichkeiten ihren Sommerurlaub.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
Die Chefin der EU-Kommission hat nicht verraten, wo sie ihre Sommerpause verbringt. Am 5. August wünschte sie ihren Instagram-Followern jedoch einen schönen und erholsamen Urlaub und posierte dabei mit Sonnenbrille.
Ein Kommissionssprecher sagte Euronews, die Präsidentin verbringe zwar gerade Zeit mit ihrer Familie, stehe aber „ständig mit ihrem Team in Brüssel in Kontakt“ – ebenso mit den Kommissarinnen und Kommissaren.
„Familienzeit ist wichtig, aber sie verfolgt alle kritischen Themen weiterhin genau, bleibt voll eingebunden und greift ein, wenn es nötig ist“, so der Sprecher weiter. Für die kommende Woche seien bereits offizielle Termine eingeplant.
Von der Leyen zieht sich häufig auf den Familienhof in der Nähe von Hannover zurück. Dort hält sie Pferde und hat erzählt, dass sie auch Hühner und Ziegen großzieht.
Im August veröffentlichte sie ein Video von dem Hof. Darin stellt sie eine Henne namens Chikeletta vor und bittet ihre Follower, Namen für ihre zwei neu adoptierten Küken vorzuschlagen.
In der Vergangenheit sorgte die Wahl ihrer Urlaubsziele jedoch immer wieder für Kritik. Ihr Sommeraufenthalt im August 2023 auf dem Anwesen des griechischen Regierungschefs Kyriakos Mitsotakis auf Kreta löste heftige Diskussionen aus.
Die oberste Aufsichtsinstanz der EU, die Europäische Bürgerbeauftragte, erklärte später, der kostenlose Aufenthalt offenbare einen „strukturellen Mangel“ in den Ethikregeln der EU. Die „unverständliche“ einjährige Verzögerung bei der Antwort auf Beschwerden komme einer Fehlverwaltung gleich.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron
Der französische Präsident verbringt seinen Urlaub zusammen mit seiner Frau Brigitte Macron in seiner offiziellen Residenz Fort de Brégançon an der Côte d'Azur.
Es ist Macrons letzter Sommer als Staatsoberhaupt. Fort de Brégançon war in seiner Amtszeit Schauplatz mehrerer hochrangiger Treffen. 2019 empfing er dort sogar den russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Bereits jetzt wurde er auf einem Jetski fotografiert. Kritiker werfen ihm vor, sich damit weit von den Alltagsproblemen der Menschen zu entfernen.
Trotzdem betonen Mitarbeiter des Élysée gegenüber französischen Medien, der Präsident bleibe politisch aktiv, auch fernab von Paris.
Am Montag traf Macron Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Orte, die von den Waldbränden in der Region Gironde der vergangenen Wochen betroffen sind. Premierminister Sébastien Lecornu hat seinen Urlaub verkürzt, um das Gebiet zu besuchen.
Auch seine Telefon-Diplomatie setzt Macron im Urlaub fort. Er sprach unter anderem mit Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und Iraks Ministerpräsident Ali Al-Zaidi.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez
Ein weiterer europäischer Regierungschef, der in der Sommerpause mit einer Krise ringt, ist Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. Seine Regierung musste die Grenzübertritte von rund 80.000 Migranten in die spanische Enklave Ceuta Ende Juli bewältigen.
Seit dem Ausbruch der Krise und seinem Besuch der Enklave am 31. Juli arbeitet der spanische Regierungschef nicht mehr aus seinem Büro in Madrid, sondern aus seiner offiziellen Residenz La Mareta auf Lanzarote auf den Kanarischen Inseln. Laut spanischen Medien versieht er dort seit dem ersten August seine Amtsgeschäfte.
Sánchez hat seinen Urlaub immer wieder für virtuelle Beratungen zur Lage in Ceuta unterbrochen, darunter eine Kabinettssitzung am Montag.
Die Regierung räumt ein, dass sich die Lage in Ceuta noch nicht normalisiert hat. Sie geht davon aus, dass rund 8.000 der Ende Juli eingereisten Migranten weiterhin in der Enklave sind. Etwa 5.000 von ihnen könnten Anspruch auf Asyl oder Schutz haben.
Sánchez’ Kritiker, vor allem aus der oppositionellen Partido Popular, verurteilen das Bild der Normalität, das der Ministerpräsident mitten in der Krise vermittelt.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni
Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni verbringt ihren Urlaub mit ihrer neunjährigen Tochter und ihrer Schwester an der Adriaküste in Apulien.
Nach Berichten italienischer Medien könnte Meloni auf einem Landgut in der Gegend von Brindisi zudem Freunde und enge Verbündete aus ihrer rechtsnationalen Partei Fratelli d’Italia empfangen.
Die Region am „Absatz“ des italienischen Stiefels wählte Meloni bereits vor zwei Jahren als Schauplatz für den G7-Gipfel, zu dem sie Staats- und Regierungschefs einlud. Mit Ausnahme von Emmanuel Macron ist keiner der sechs damaligen Gäste noch im Amt – ein Hinweis darauf, wie schnell sich die Weltpolitik verändert.
Meloni selbst steht im kommenden Jahr vor einer entscheidenden Wahl. Bleibt sie bis in die zweite Hälfte des Jahres 2027 im Amt, könnte sie den Rekord für die längste ununterbrochene Amtszeit einer italienischen Regierungschefin brechen.
Bundeskanzler Friedrich Merz
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dessen Zustimmungswerte derzeit besonders niedrig sind, gönnt sich Berichten zufolge eine kurze Auszeit mit seiner Frau Charlotte. Die verbringt er laut offiziellen Angaben in Deutschland. Das Kanzleramt machte keine weiteren Angaben zu seinen Plänen.
Ein Sprecher sagte deutschen Medien jedoch, der Kanzler sei „immer im Dienst, immer erreichbar“ und nutze die ruhigere Zeit, um sich auf den Start im September vorzubereiten.
Der politisch angeschlagene Kanzler, der katholisch ist, hat nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Ausgabe der Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. über Künstliche Intelligenz mit in den Urlaub genommen.
Das Schreiben warnt vor den Risiken der Technologie. Es fordert, dass KI dem Menschen dienen und seine Würde schützen soll.
Die Wahl der Lektüre gibt einen seltenen Einblick in die Interessen des Kanzlers jenseits seiner Amtsgeschäfte. Sie könnte ein Vorgeschmack auf jene globalen Themen sein, mit denen er sich nach der Sommerpause stärker befassen will.
Merz, ein wirtschaftsnaher Konservativer, hat in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, die Regulierung der EU werde zur Zwangsjacke für Innovationen im Bereich Künstliche Intelligenz.