Vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern greifen viele Unentschlossene wieder zum Wahl-O-Mat. Woher das Tool kommt, was Kritiker bemängeln und welche Alternativen es gibt.
Wer am kommenden Sonntag in Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern noch nicht weiß, wo er sein Kreuz setzen soll, ist damit nicht allein. Schon vor der Bundestagswahl 2025 zeigten Umfragen, dass ein großer Teil der Wahlberechtigten noch unentschlossen war, teils fast jeder Zweite. Auch die Bindung an eine bestimmte Partei lässt sichtbar nach: Viele frühere SPD-Wähler stimmten bei der Bundestagswahl 2025 für die Union, viele frühere Nichtwähler und CDU-Wähler für die AfD. Genau für diese wachsende Gruppe der Wechsel- und Spätentscheider gibt es digitale Entscheidungshelfer.
Gerade jetzt sind diese besonders gefragt. Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus, Mecklenburg-Vorpommern seinen Landtag.
Der Andrang auf den Pionier unter den Wahlentscheidungshilfen, den Wahl-O-Maten, ist entsprechend groß: Bereits bis zum 8. September hatten knapp 690.000 Menschen den Berliner Wahl-O-Mat genutzt, der Wahl-O-Mat für Mecklenburg-Vorpommern ging am 24. August mit 19 Parteien online.
Die aktuellen Umfragen sehen so aus: In Berlin lag die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp in einer aktuellen Infratest-dimap-Umfrage bei 21 Prozent, knapp vor der CDU von Stefan Evers mit 20 Prozent, gefolgt von AfD (18 Prozent), Grünen (16 Prozent) und SPD (12 Prozent). Bei der Wahl 2023 hatte die CDU noch klar mit 28,2 Prozent gewonnen. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD aktuell bei 36 bis 38 Prozent, die SPD von Manuela Schwesig bei rund 33 Prozent, CDU und Linke nur noch einstellig. 2021 hatte die SPD die Wahl noch mit 39,6 Prozent klar gewonnen.
Geschichte des Wahl-O-Mat: Erfinder und sein prominenter Enkel
Dass aus einer Uni-Initiative einmal ein derart beliebter Parteien-Vergleichstest werden würde, war 2002 nicht abzusehen. Die Idee importierte eine Gruppe von Studenten aus den Niederlanden, wo bereits 1985 der "StemWijzer" (deutsch "Wahlhilfe") entstanden war.
Treibende Kraft auf deutscher Seite war der Politikwissenschaftler und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Diederich, der mit Studierenden die "Politikfabrik" gründete, um junge Menschen zum Wählen zu motivieren. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) förderte das Vorhaben mit 80.000 D-Mark und beauftragte die Gruppe, ein deutsches Pendant zum niederländischen Original für die Bundestagswahl 2002 zu entwickeln.
Der Erfolg kam über Nacht: Schon der erste Durchgang wurde 3,6 Millionen Mal genutzt, ein Auftritt in der Harald-Schmidt-Show sorgte für zusätzlichen Schub. 2003 übergab Diederich das Projekt an die Bundeszentrale, die es seither betreibt. Übrigens: Der heute 92-jährige Diederich ist der Großvater des Rappers Ski Aggu, der in Deutschland immer wieder Schlagzeilen macht.
Wachsende Bedeutung
Schon 2003 kam der Wahl-O-Mat erstmals bei einer Landtagswahl in Bayern zum Einsatz. 2009 durften zur Europawahl erstmals alle zugelassenen Parteien teilnehmen, seither arbeitet das Tool durchgängig mit 38 Thesen. Technisch entwickelte es sich parallel weiter: 2011 kam eine App hinzu, 2015 wurde die Oberfläche angepasst.
Die Nutzungszahlen wuchsen stetig. Die Europawahl 2024 kam auf 14,8 Millionen Nutzungen, die Bundestagswahl 2025 auf einen Rekord von 26 Millionen. Insgesamt zählt der Wahl-O-Mat seit 2002 mehr als 150 Millionen Anwendungen bei über 50 Wahlen.
So entstehen die 38 Thesen
Der Wahl-O-Mat soll nicht nur über Parteipositionen informieren, sondern politische Kommunikation anstoßen. Eine Gruppe von 20 bis 25 jungen Menschen erarbeitet dafür in einem mehrtägigen Workshop, begleitet von Politikwissenschaftlern und Pädagogen, zunächst rund 80 bis 100 mögliche Thesen auf Basis der Wahlprogramme. Die Parteien haben anschließend zwei bis drei Wochen Zeit, jede These zu beantworten und zu begründen. Ein Kontrollteam prüft die Antworten auf Widersprüche, das letzte Wort über die eigene Position behalten die Parteien aber immer.
In einem zweiten Workshop wird die Liste auf 38 Thesen verdichtet, ausgewählt nach Relevanz, Kontroversität und thematischer Breite. Beim Rechnen selbst gilt ein einfaches Punktesystem: Volle Übereinstimmung bringt die volle Punktzahl, teilweise Übereinstimmung die Hälfte, ein klarer Gegensatz nichts. Wichtige Thesen lassen sich zusätzlich doppelt gewichten.
Die Auswahl der Gruppe, die die Thesen erarbeitet, stößt jedoch immer wieder auf Kritik. Norbert Kersting, Professor für vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Münster, hat gegenüber der Berliner Morgenpost anläßlich der Bundestagswahl 2025 bemängelt, dass viele Jugendliche sowie Erstwähler beteiligt sind: „Der Wahl-O-Mat ist nicht nur für Jugendliche da“, kritisierte der Wissenschaftler. „Der Wahl-O-Mat ist für alle da. Warum dürfen da die Babyboomer und andere Altersgruppen nicht mitreden?“ Auch sei die Erstellung von Thesen ein wissenschaftliches Handwerk, welches man erlernen müsse.
Werden Kleinparteien benachteiligt?
So etabliert der Wahl-O-Mat heute ist, so umstritten war er zwischenzeitlich auch juristisch. Kurz vor der Europawahl 2019 untersagte das Verwaltungsgericht Köln der Bundeszentrale per Eilbeschluss, das Tool in der damaligen Form weiter zu betreiben.
Anlass war eine Klage der Kleinpartei Volt, weil Nutzer ihr Ergebnis nur mit maximal acht Parteien gleichzeitig vergleichen konnten und kleinere Parteien dadurch oft unsichtbar blieben. Die Kölner Richter sahen darin einen Verstoß gegen die Chancengleichheit der Parteien. Nach einer außergerichtlichen Einigung ging der Wahl-O-Mat mit überarbeiteter Anzeige wieder online, seither werden alle Parteien gleichzeitig ausgewertet.
Wissenschaftliche Kritik am Wahl-O-Mat
Neben dem juristischen Streit gibt es grundsätzlichere, wissenschaftlich fundierte Einwände. Eine Analyse zum Wahl-O-Mat für Sachsen-Anhalt 2026 kam zu dem Ergebnis, dass von 38 Thesen nach einem eigenen Prüfraster nur zehn ohne zusätzliche Annahmen klar zu beantworten seien. Bei 15 Thesen könnten unterschiedliche Auslegungen die Bewertung sogar umkehren, etwa weil Begriffe wie "mehr" oder "verstärkt" eine entscheidende Schwelle offenlassen.
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Auswahllogik: Weil die Thesen bewusst nach Kontroversität zwischen den Parteien ausgesucht werden, ist der Wahl-O-Mat eher ein "Konfliktfilter" als ein repräsentativer Ausschnitt der Landespolitik. Konsensthemen fallen dabei tendenziell hinten runter. Zudem zählt im Rechenmodell jede These gleich viel, egal ob es um eine symbolische Verwaltungsfrage oder eine weitreichende Grundrechtsentscheidung geht.
Ein von der Bundeszentrale selbst genanntes Beispiel zeigt die Grenzen: Zwei völlig gegensätzliche Parteien können denselben Näherungswert erhalten, wenn eine Nutzerin bei der Hälfte der Thesen mit der einen und bei der anderen Hälfte mit der anderen übereinstimmt. Der Prozentwert misst also vor allem Punktübereinstimmung in einem konstruierten Fragenraum, nicht die gesamte politische Nähe zu einer Partei. Auch demokratische Qualität oder Verfassungstreue einer Partei bildet der Wahl-O-Mat nicht ab, wie die Bundeszentrale selbst einräumt.
Wahl-O-Mat hat Konkurrenz
Neben dem Wahl-O-Mat haben sich in den vergangenen Jahren mehrere weitere digitale Wahlhelfer etabliert. Der "WahlSwiper" funktioniert ähnlich wie der Wahl-O-Mat, mit 38 Thesen und Selbstauskunft der Parteien, nur per Wischfunktion bedient.
Der spendenfinanzierte "Real-O-Mat" von FragDenStaat geht einen anderen Weg: Er wertet das tatsächliche Abstimmungsverhalten der Fraktionen zu 15 Forderungen der letzten Legislaturperiode aus, etwa zum Mietendeckel, statt bloße Wahlversprechen abzufragen.
Der "Party-Check" der Universität Potsdam verzichtet komplett auf Selbstauskünfte und lässt stattdessen unabhängige Politikwissenschaftler die Parteipositionen einschätzen, zur aktuellen Wahl auf 18 Thesen und erstmals auch auf Türkisch. Der "Sozial-O-Mat" der Diakonie konzentriert sich mit 20 Thesen speziell auf Wohnen, Gesundheit, Pflege und Armut.
Eine neuere Variante setzt komplett auf Künstliche Intelligenz: der Chatbot wahl.chat, entwickelt von einer Gruppe deutscher Doktoranden, die sich ursprünglich zum gemeinsamen Forschen an der britischen Universität Cambridge zusammengefunden hatten.
Statt vorformulierter Thesen können Nutzer dort im Dialog mit einzelnen Parteien eigene Fragen stellen, die Antworten stützen sich auf Wahlprogramme, Plenarprotokolle und das dokumentierte Abstimmungsverhalten der Parteien. Für die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bietet die Seite inzwischen eigene Chat-Angebote an, zugeschnitten auf die dort antretenden Parteien.
Werkzeug, aber keine Wahlempfehlung
Trotz aller Kritik und wachsender Konkurrenz bleibt der Wahl-O-Mat der mit Abstand meistgenutzte digitale Wahlhelfer in Deutschland, auch weil seine Entstehung vergleichsweise transparent dokumentiert ist. Weder er noch seine Alternativen verstehen sich jedoch als Wahlempfehlung. Wer sich am Sonntag noch nicht entschieden hat, findet mit diesen Tools zumindest einen Ausgangspunkt für die eigene Meinungsbildung. Ersetzen können sie eine tiefergehende Recherche in Bezug auf Wahlprogramme und Versprechen aber nicht.