Deutschland hat viele Naturwunder zu bieten. In einer Abstimmung soll jetzt das außergewöhnlichste Phänomen gekürt werden.
Ob Wüste, Regenwald, Gebirgskette oder Wasserfall – in den Listen der spektakulärsten Naturwunder der Welt taucht Deutschland selten auf. Das dürfte kaum überraschen, doch auch hierzulande gibt es das eine oder andere Prachtstück, das die Natur geschaffen hat. Genau darauf wollen die Heinz Sielmann Stiftung und der Deutsche Wanderverband mit ihrer jährlichen Wahl zum "Naturwunder des Jahres" aufmerksam machen.
Bis zum 27. September können alle mit Wohnsitz in Deutschland, Österreich oder der Schweiz online ihren Favoriten aus neun nominierten Orten wählen, die aus insgesamt sieben Bundesländern stammen. Im vergangenen Jahr ging der Titel an die Breitachklamm im Allgäu, die tiefste Felsenschlucht in Mitteleuropa.
Teufelsmauer im Harz
In Sachsen-Anhalt dominiert das politische Geschehen rund um die AfD derzeit so manch eine Assoziation mit dem Bundesland. Dabei hat die Region weit mehr zu bieten als Schlagzeilen von der Landtagswahl. Im nördlichen Harzvorland finden sich zusammenhängende Sandsteinfelsen, die, wie der Name schon sagt, wie eine Mauer die Landschaft prägen.
Die schroffen Sandsteinkämme entstanden vor rund 80 Millionen Jahren, als das aufsteigende Harzmassiv die Gesteinsschichten aufrichtete. Wind und Wasser formten daraus über die Jahrmillionen die markanten Felsrippen. Heute ist die Formation eines der bedeutendsten Geotope Deutschlands.
Obwohl die Böden hier karg und nährstoffarm sind, wächst eine artenreiche Flora. In den Felsspalten finden Wanderfalken, Fledermäuse, Zauneidechsen und Schlingnattern Schutz. Die Teufelsmauer ist damit ein geologisches wie ökologisches Juwel.
Die Saalfelder Feengrotten
Wir bleiben im Osten, die nächste Landschafts-Perle liegt in Thüringen und sie hat es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.
Tief unter Saalfeld liegt in einem ehemaligen Bergwerk ein farbenprächtiges Naturwunder. Vor Jahrhunderten suchten Bergleute hier nach Silber und anderen Metallen und gruben sich durch Alaunschiefer, ein dunkles, mineralreiches Gestein. Als das Bergwerk aufgegeben wurde, übernahm die Natur. Über die Jahre bildeten sich aus dem Gestein unzählige Tropfsteine: Stalaktiten, die von der Decke hängen, und Stalagmiten, die vom Boden nach oben wachsen.
Die vielen Mineralien im Schiefer sorgten dafür, dass diese Tropfsteine in besonders bunten Farben schimmern. So entstand ein Höhlensystem, das heute zu den farbenprächtigsten der Welt zählt.
Der Wiltinger Saarbogen
Das nächste Naturspektakel liegt in Rheinland-Pfalz. Flusskreuzfahrten auf Rhein, Mosel und Saar sind zwar sehr beliebt, doch es gibt auch unberührte Flusslandschaften, die für große Schiffe unzugänglich bleiben. Der Wiltinger Saarbogen ist so ein Ort: ein rund acht Kilometer langer Abschnitt der Unteren Saar zwischen den Orten Schoden, Wiltingen, Kanzem und Hamm.
Dass dieser Flussbogen bis heute naturbelassen ist, verdankt er einer technischen Hürde. Als die Saar in den 1980er-Jahren für die Schifffahrt ausgebaut wurde, ließen sich die engen Flussschleifen und das starke Gefälle hier nicht kanalisieren. Die Arbeiten wichen stattdessen auf einen Seitenkanal zwischen Biebelhausen und der Schleuse Kanzem aus. Damit wurde (unfreiwillig) der letzte ursprüngliche Flussabschnitt der Unteren Saar gerettet.
Auenwiesen, Weiden und Schilfgürtel säumen die Ufer und bieten Kormoranen, Fischreihern und Eisvögeln einen Rückzugsraum. Oberhalb des Flusses ziehen sich steile Weinberge die Hänge hinauf, mit Spitzenlagen wie dem Schodener Saarfeils, dem Wiltinger Gottesfuß, der Wiltinger Hölle oder dem Kanzemer Altenberg. So entsteht ein Nebeneinander aus jahrhundertealter Kulturlandschaft und wildem Flussraum.
Die Bruchhauser Steine
Diese markante Felsformation in Nordrhein-Westfalen hat es auch in die Auswahl der größten Landschaftswunder Deutschlands geschafft.
Im Rothaargebirge bei Olsberg im Sauerland erheben sich vier gewaltige Vulkanfelsen aus Porphyr, die schon von Weitem sichtbar sind. Porphyr ist ein Gestein, genauer gesagt eine Gruppe von meist vulkanischen Gesteinen. Typisch sind größere Kristalle, die in einer feinkörnigeren Grundmasse eingebettet sind.
Entstanden sind die Felsen vor mehr als 380 Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität, Erosion und die Faltung der Erdschichten.
Mit 92 Metern ist der Bornstein der höchste der vier Riesen, gefolgt vom Ravenstein, an dessen Nordseite noch erstarrte Lava und Vulkanasche zu erkennen sind.
Nur der Feldstein, mit 45 Metern der niedrigste, aber wegen seiner Lage höchste Punkt der Formation, darf über eine in den Stein gehauene Treppe bestiegen werden und belohnt mit einem weiten Blick über das Rothaargebirge.
Seltene, teils eiszeitliche Pflanzenarten sowie Brutplätze von Wanderfalke und Uhu machen das Gebiet ökologisch wertvoll. Zusätzlich zeugen Wallanlagen aus der Eisenzeit zwischen den Felsen von einer vermutlich kultischen Nutzung in vorchristlicher Zeit. Wegen dieser einzigartigen Kombination aus Geologie, Natur und Geschichte stehen die Bruchhauser Steine heute als Nationales Naturmonument unter Schutz.
Weitere spektakuläre Naturerscheinungen
Daneben treten fünf weitere Naturphänomene an. Im Zittauer Gebirge in Sachsen sorgen bizarre Sandsteinformationen wie die "Brütende Henne" oder die "Schildkröte" für den Spitznamen Steinzoo, geformt über Jahrmillionen durch Erosion und Verwitterung.
In Baden-Württemberg gilt der Badberg im Kaiserstuhl als einer der artenreichsten Trockenrasen Mitteleuropas, auf dessen vulkanischem Boden seltene Orchideen und die Smaragdeidechse Lebensraum finden.
Im Westerwald in Rheinland-Pfalz beeindruckt der Druidenstein mit Basaltsäulen, die beim langsamen Abkkühlen von Lava entstanden und bereits seit 1869 unter Schutz stehen. In Schleswig-Holstein kämpft das Brenner Moor bei Bad Oldesloe um den Titel, Schleswig-Holsteins größtes binnenländisches Salzmoor mit seltenen Pflanzen wie der Salzaster und Vögeln wie dem Blaukehlchen.
Den Abschluss bildet das Alperstedter Ried in Thüringen, ein wiedervernässtes Kalkflachmoor, in dem Exmoor-Ponys und Wasserbüffel die Flächen offen halten und mehr als 1.280 Arten nachgewiesen wurden.
Naturwunder jenseits des Rankings
Deutschlands Naturschauspiele erschöpfen sich nicht in dieser Auswahl. Bekannte Beispiele sind etwa der Kreidefelsen-Küstenabschnitt auf Rügen, die Sächsische Schweiz mit ihren markanten Tafelbergen, die Externsteine im Teutoburger Wald oder das Wattenmeer an der Nordseeküste, das seit 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt.
Auch der Königsstuhl auf Rügen, die Halligen im Wattenmeer oder die Mecklenburgische Seenplatte zeigen, wie facettenreich die deutsche Naturlandschaft ist.