Seit 2017 regiert Manuela Schwesig (52) Mecklenburg-Vorpommern. Nun steht ihre SPD im nördlichen Bundesland erstmals seit Langem unter Druck: Denn die AfD steht in Umfragen auf Platz eins.
Für Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin und Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten Manuela Schwesig (SPD) könnten es entweder die letzten Tage im Amt werden oder eine glorreiche Aufholjagd.
Mühsam hat Schwesig ihre SPD von 19 Prozent vor rund einem Jahr zurück auf das Niveau alter Erfolge gekämpft. Der Sieg scheint für die gebürtige Brandenburgerin in greifbarer Nähe. Den Preis dafür scheinen vor allem die CDU und das BSW gezahlt zu haben, deren Werte sich in der Zwischenzeit etwa halbierten.
Erstmals seit Langem macht eine Partei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ernsthafte Konkurrenz. In dem Ostsee-Bundesland, das seit 1998 in fester Hand der Sozialdemokraten ist, steht die AfD inzwischen bei 37 Prozent. Die SPD ist dicht dahinter auf Platz zwei mit 34 Prozent und die Linke an dritter Stelle mit zehn Prozent, so die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF. Die CDU liegt bei sieben Prozent, die Grünen bei fünf Prozent und das BSW bei drei Prozent.
Bei den Landtagswahlen am Sonntag könnte die SPD nach 28 Jahren an der Spitze des Bundeslandes ihre Macht verlieren. Für die AfD könnte es das nächste Rekordergebnis nach dem Erdrutschsieg in Sachsen-Anhalt werden.
"Die Frau gegen Blau"
Um das zu verhindern, setzt Schwesig im Wahlkampf vor allem auf sich selbst. Sie sei die "Frau gegen Blau", heißt es auf ihren Wahlplakaten. Unterstützung im Wahlkampf vor Ort in Mecklenburg-Vorpommern ist von den SPD-Spitzen Bärbel Bas und Lars Klingbeil bisher ausgeblieben. Schwesig geht auf Distanz, zu dem, was in Berlin entschieden wird und bei vielen Wählern für Unmut sorgt. Gleichzeitig wird die Wahl für die Bundes-SPD zum Scheideweg: Bei einem Verlust dürften bei den Sozialdemokraten viele Sitze in der Führungsriege wackeln.
In sozialen Medien zeigt Schwesig sich nahbar: Sie lässt sich für einen Instagram-Post im Traktor abbilden, postet Fotos im Gummistiefeln im Schlamm und teilt Fotos mit ihrem Ehemann in Hochzeitskleid und Anzug. Beide hatten vergangenes Jahr ihr Ja-Wort erneuert. 73.000 Menschen folgen ihr auf Instagram. Zum Vergleich: Der Spitzenkandidat der AfD, Leif-Erik Holm, hat 15.000 Follower.
Die Strategie der SPD-Politikerin scheint aufzugehen. Und das sorgt bei der CDU, die den Einzug in den Landtag verpassen könnte, für Unmut. "Manuela Schwesig stellt ihre parteipolitischen Interessen über die Interessen Mecklenburg-Vorpommerns, so CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann zum Spiegel. "Ihr Versuch, mit einem personalisierten Wahlkampf die CDU kleinzuhalten, schwächt die politische Mitte und hilft am Ende der AfD." Hoppermann bezeichnet das als "verantwortungslos".
Schwesig schreckt bei ihrer Aufholjagd nicht davor zurück, die schwarz-rote Bundesregierung und ihre eigene Partei zu kritisieren. Im Zuge der Debatte um die Rentenreform, die aus dem SPD-geführten Arbeitsministerium unter Bas stammt, sprach Schwesig im Gespräch mit t-online von einer "faktischen Rentenkürzung". Im Bundesrat, wo alle Ministerpräsidenten zusammenkommen, drohte Schwesig Veto einzulegen. Die Pflegereform aus dem CDU-Gesundheitsministerium nannte sie "Belastungspaket" und "Schlag ins Gesicht", so Schwesig zu POLITICO.
Die 52-Jährige weiß, wie Politik funktioniert. Bundesfamilienministerin, SPD-Bundesvorsitzende, Ministerin für Soziales in Mecklenburg-Vorpommern: Die Liste der Posten, die Schwesig schon hinter sich hat, ist lang.
Geboren wurde sie 1974 im brandenburgischen Frankfurt an der Oder. Kurz nach der Wende im Jahr 1992 schloss sie ihr Abitur ab. Anschließend studierte Schwesig an der Fachhochschule für Finanzen in Königs Wusterhausen und schloss dort mit Diplom ab. Zunächst arbeitete sie im Finanzamt Frankfurt an der Oder, anschließend ab 2000 erst im Finanzamt Schwerin und später im Finanzministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
Angekommen in Schwerin, begann Schwesigs politisches Engagement. Seit 2003 ist sie SPD-Mitglied und legte innerhalb der Partei einen kometenhaften Aufstieg hin. Noch in ihrem Beitrittsjahr wurde sie Vorstandsmitglied der SPD Schwerin. Ab 2005 gehörte sie dem Vorstand der SPD Mecklenburg-Vorpommern an. "Entweder man bemeckert alles und lässt die anderen machen. Oder ich mache es selber", sagte Schwesig 2011 über ihren Einstieg in die Politik in einem Interview mit der Zeit.
Die SPD-Pragmatikerin
2009 kam der stellvertretende Bundesvorsitz der SPD und 2013 zusätzlich der stellvertretende Landesvorsitz in Mecklenburg-Vorpommern. Wenige Jahre später, 2017, wurde Schwesig schließlich Landesvorsitzende sowie nach dem Rücktritt von Andrea Nahles im Sommer 2019 kommissarische Bundesvorsitzende. Im selben Jahr gab Schwesig ihre Krebserkrankung bekannt und legte den Bundesvorsitz nieder.
Zwischenzeitlich war Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales. 2013 folgte der Sprung in die Bundesregierung: Unter Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkels schwarz-roter Koalition leitete Schwesig das Bundesfamilienministerium.
Als Familienministerin führte Schwesig das "ElterngeldPlus" ein, mit dem Eltern in Teilzeit arbeiten können und trotzdem anteilig Elterngeld erhalten. Auch das "Entgelttransparenzgesetz" geht auf die SPD-Politikerin zurück: Es soll erleichtern, den Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher Arbeit durchzusetzen. Vor Einführung des Gesetzes lag die Lohnlücke bei 21,1 Prozent, so die Hans-Böckler-Stiftung. Bis 2025 sank sie auf 15,7 Prozent.
Zudem weitete die SPD-Ministerpräsidentin den Unterhaltsvorschuss aus: Ihr Gesetz ermöglichte ihn für Kinder bis 18 Jahre. Zuvor wurde er nur für Kinder bis 12 Jahre gewährt. Derzeit plant Familienministerin Karin Prien (CDU), das Alter auf 16 Jahre herabzusetzen.
Politisch gilt Schwesig als Pragmatikerin. Sie steht für klassische SPD-Standpunkte: einen starken Sozialstaat mit Entlastung von Familien, bezahlbaren Wohnraum sowie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch für den Mindestlohn warb Schwesig vor dessen Einführung. Seit 2017 regiert sie Mecklenburg-Vorpommern als Ministerpräsidentin, erst in einer schwarz-roten und aktuell in einer rot-roten Koalition.
Wachsende Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern
Seitdem hat Schwesig in dem Bundesland weitgehend kostenfreie Kitas und Horte eingeführt. Sie hat das Tariftreue- und Vergabegesetz eingeführt, das öffentliche Aufträge stärker an Tarifzahlung bindet. Über Jahre hinweg investierten die von Schwesig geführten Koalitionen erhebliche Mittel in Sanierung und Neubau von Schulen und Hochschulen.
Die SPD-Spitzenkandidatin setzt sich zudem für den Erhalt industrieller Arbeitsplätze ein, will die Region als Industrie- und Wirtschaftsstandort stärken. Eine Position, die in Mecklenburg-Vorpommern von besonderer Bedeutung ist. Seit 2020 ist die Wirtschaft des Bundeslandes preisbereinigt um 5,0 Prozent gewachsen. Der Bundesdurchschnitt lag im selben Zeitraum bei 4,3 Prozent, so die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern.
Mecklenburg-Vorpommern verzeichnete mit 1,4 Prozent im Bundesländervergleich gemeinsam mit Bremen im Jahr 2025 das stärkste Wirtschaftswachstum, so die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Die Arbeitslosenquote ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken: Lag sie 2008 noch bei rund 14,1 Prozent, steht sie im August 2026 nun bei 7,8 Prozent, so die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Gleichzeitig fehlt es durch die immer älter werdende Bevölkerung zunehmend an Arbeitskräften.
Zuletzt sank in dem Bundesland der Anteil der Unternehmen, die ihre Geschäftslage als gut beschreiben würden auf 27 Prozent. Das zeigt eine Erhebung der Industrie- und Handelskammern von Neubrandenburg. 7000 Unternehmen wurden befragt. Der Rest der Unternehmen schätze die Geschäftslage als befriedigend oder unbefriedigend ein. Als schlecht bewertete sie niemand.
Kritik brachte Schwesig mit Beginn des groß angelegten russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine der Bau von Nord Stream 2 ein. Die Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 verlaufen am Grund der Ostsee. Der Vertrag für Nord Stream 2 wurde noch unter Schwesigs Vorgänger, dem damaligen Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD), unterzeichnet. Der Bau begann 2018 und die Pipeline wurde im September 2021 fertiggestellt. Die Pipelines wurden im Herbst 2022 durch Explosionen schwer beschädigt.
Konflikt um Nord Stream 2
2020 geriet der Bau durch US-Sanktionen gegen beteiligte Unternehmen ins Stocken. Das Bundesland gründete unter Schwesigs Führung die Stiftung Klima- und Umweltschutz MV. Sie stellte die Pipeline fertig.
Im Untersuchungsausschuss zum Bau von Nord Stream 2 erklärte Schwesig: "Wir haben den Bau der Pipeline aus Überzeugung unterstützt". Ziel sei eine sichere und preisgünstige Energieversorgung gewesen.
Der damalige Grünen-Abgeordnete im Landtag Mecklenburg-Vorpommern und inzwischen fraktionslose Hannes Damm sagte damals: "Mecklenburg-Vorpommern hat das Land durch seine Unterstützung für Nord Stream 2 tiefer in die Abhängigkeit von Russland geführt."
Aktuell regiert Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern mit der Linken. Gemeinsam würden sie, so aktuelle Umfragen, allerdings ihre Mehrheit im Landtag verlieren. Obwohl die SPD in dem Bundesland hinter der AfD liegt, spricht sich die Mehrheit für eine SPD-Regierung aus. 56 Prozent der Befragten wollen eine SPD-geführte Landesregierung. 31 Prozent hätten lieber eine AfD-geführte Regierung, so eine Erhebung von Infratest dimap für den NDR.
Auch im Direktvergleich entscheiden sich laut der Umfrage die Befragten deutlich für die SPD: 60 Prozent würden sich bei einer Direktwahl des Regierungschefs für Schwesig entscheiden. Lediglich 25 Prozent würden den AfD-Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm zum Ministerpräsidenten ernennen.