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Pandemie-Wirtschaftsausblick: Wir sitzen alle im selben Boot

Von Naomi Lloyd, Guillaume Desjardins
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Pandemie-Wirtschaftsausblick: Wir sitzen alle im selben Boot
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In dieser Folge von Real Economy geht es um einen EU-Wirtschaftsausblick. Nach der zweiten Welle von Einschränkungen und Lockdowns in ganz Europa hat die EU ihre Wachstumsaussichten für 2021 gesenkt. Am Beispiel Finnland schauen wir uns die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Pandemie an. Das Land ist zwar vergleichsweise wenig betroffen, aber auch dort fällt der Weihnachtsmarkt aus. 2021 könnte uns weitere Lockdowns in ganz Europa bescheren. Die EU versucht mit dem Konjunkturpaket "Next Generation" die Auswirkungen für die EU-Bürger abzufedern. Außerdem sprechen wir mit Christian Odendahl, er ist Chefökonom beim Zentrum für europäische Reformen.

Die zweite Lockdown-Welle hat Unternehmen in ganz Europa erschüttert und die Europäische Kommission dazu veranlasst, ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr nach unten zu korrigieren. Guillaume Desjardins berichtet aus der sogenannten Weihnachtsstadt Helsinki. Dort fällt der Weihnachtsmarkt dieses Jahr aus. Der Reporter spricht mit Unternehmern über die Covid-Auswirkungen auf ihr Geschäft.

Fakten & Zahlen

Aber zuerst ein kurzer Überblick darüber, wie das Coronavirus die Wirtschaft in diesem Jahr erschüttert hat: 2020 war ein Jahr der Kontraste. In der ersten Hälfte gab es die tiefste Rezession in der Geschichte der EU. Zwischen Juli und September ging es dann aufwärts mit einem Rekordwachstum von 12,1 Prozent. Aber die zweite Lockdown-Welle setzte diesem Aufschwung ein jähes Ende. Jetzt hat die Europäische Kommission ihre Wachstumsprognose 2021 für die Eurozone von 6,1 auf 4,2 Prozent gesenkt. Man geht davon aus, dass es zwei Jahre dauern wird, bis sich die europäische Wirtschaft wieder dem Niveau vor der Pandemie annähert. Als Reaktion darauf hat die EU ein 750-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket beschlossen, das als "Next Generation EU" bekannt ist. Es umfasst 360 Milliarden Euro an Krediten und 312,5 Milliarden Euro an Zuschüssen. Woher kommt das Geld? Die EU kann es aufgrund ihrer hohen Kreditwürdigkeit auf den Finanzmärkten leihen.

EU-Volkswirtschaften sind unterschiedlich von der Pandemie betroffen

Tourismus: Europa gehört zu den von Covid-19 am härtesten betroffenen Regionen. In diesem Sommer ging die Zahl der Touristen in Paris um 95 Prozent zurück, sodass viele dieser Buchhändler, die noch geöffnet haben, nur noch ein paar Euro pro Tag verdienen.

Die EU-Volkswirtschaften sind unterschiedlich von der Pandemie betroffen - aber auch die weniger betroffenen Länder wie Finnland - mit einem Wirtschafts-Rückgang von -4,4 % im 2. Quartal im Vergleich zu -17,8 % in Spanien - bleiben gefährdet.

Wie kommen Unternehmer in Finnland mit der Situation zurecht?

Mit rund 12 Millionen Passagieren pro Jahr gehört der Hafen von Helsinki zu den größten Passagierhäfen der Welt. Der Passagierauftrieb ist hauptsächlich den Fähren geschuldet, die jede Woche Arbeiter aus den baltischen Staaten und Polen hin und her transportieren, sowie Finnen, die auf der anderen Seite der Ostsee billigen Alkohol einkaufen. Trotzdem ist es den Finnen gelungen, die Covid-Pandemie einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Das erklärt zum Teil, warum der wirtschaftliche Einbruch Finnlands zu den moderatesten in Europa gehört. Die finnische Regierung hat außerdem 15 Milliarden Euro zur Unterstützung von Unternehmen und Arbeitnehmern zur Verfügung gestellt. Aber wird das reichen, angesichts der von der Krise schwer getroffenen Handelspartner?

Die stockende Nachfrage internationaler Partner und anderer EU-Mitglieder wirkt sich auf finnische Unternehmen aus. Beweship, eines der größten privaten finnischen Frachtunternehmen, hat im Frühjahr sowohl im Import als auch im Export einen Handelsrückgang erlebt:

"Wenn 95 Prozent der Flugzeuge am Boden bleiben, gibt es quasi keine Luftfracht mehr", sagt Bengt Westerholm, Beweship-Geschäftsführer. "Und bei der Seefracht haben wir plötzlich eine Situation, in der ein großer Teil aller Container und Containerschiffe der Welt vor der chinesischen Küste festsitzen und man darauf wartet, dass sich die Sache klärt."

Beweship transportiert alle Arten von Fracht, sei es See-, Luft- oder Straßenfracht. Das Unternehmen hat sich auf Kunsttransporte spezialisiert, ein Sektor, der aufgrund der Schließung von Museen und Galerien auf der ganzen Welt noch nicht wieder in Schwung gekommen ist. Die Aktivität des Unternehmens ging im Frühjahr um 6 Prozent zurück, stieg dann wieder an und pendelte sich im Sommer bei -1,5 Prozent ein.

Umsatzrückgang bei vielen Unternehmen

Wärtsilä beschäftigt weltweit fast 19.000 Mitarbeiter. Das Maschinenbauunternehmen stellt energieeffiziente Anlagen für Schiffe und Kraftwerke her. Der Umsatz ist in diesem Jahr um 10 Prozent gesunken. Angesichts der gesenkten Wachstumsprognose der EU setzt man auf das anstehende EU-Hilfspaket und auf den ökologischen Fokus der EU:

"Wir werden vom Green Deal und den Post-Covid-Konjunkturplänen der EU profitieren, da sie auch gegen die globale Erwärmung kämpfen, in die ein Teil unserer Kunden involviert ist", meint Atte Palomäki, Vizepräsident für Kommunikation, Branding & Marketing, Wärtsilä Corporation .

Wärtsilä liefert u.a. Motoren für Kreuzfahrtschiffe. Da die meisten dieser Urlaubsschiffe derzeit nicht auslaufen können, hatte das große Auswirkungen auf ihre Tätigkeit. Laut Unternehmensangaben werden nicht nur Kunden-Investitionen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit hinausgezögert. Dem Unternehmen gehen auch viele Einnahmen verloren, weil die Maschinen, die sie in der Vergangenheit verkauft hatten, in diesem Jahr zu wenig genutzt wurden. In der Folge sank auch der Wartungsbedarf. Das Unternehmen war in der Lage, den Umsatzrückgang bei "nur" 10 Prozent zu halten, weil man sicherstellte, dass die Kunden ihre Rechnungen bezahlten.

"Fast die Hälfte der Unternehmen im Tech-Sektor erwartet, dass sich die Situation in den kommenden Monaten verschlechtern wird. Noch schlimmer sieht es im Dienstleistungssektor aus: Fast einem Fünftel der Unternehmen droht der Bankrott". so euronews-Reporter Guillaume Desjardins.

Helsinki - die Weihnachtsstadt

Helsinki hat sich einen Namen als "Weihnachtsstadt" gemacht: Aber dieses Jahr fällt der Weihnachtsmarkt aus. Aufgrund der zweiten Pandemiewelle bleiben viele Wintertouristen weg.

"Der Weihnachtsmarkt umfasst ca. 100 kleine Hütten von Einzelunternehmern. Ohne das Weihnachtsgeschäft fehlt ihnen jetzt mehr als ein Drittel ihres Jahresumsatzes. Das ist für jeden eine persönliche Tragödie", sagt Stuba Nikula, Geschäftsführer Events Helsinki.

Events Helsinki ist eine halb-öffentliche Stiftung, die kulturelle und touristische Veranstaltungen in der Stadt organisiert. Nachdem der Weihnachtsmarkt abgesagt werden musste, wurde ein Weihnachts-E-Markt ins Leben gerufen.

Das finnische Beispiel zeigt, dass es nicht ausreicht, die Pandemie unter Kontrolle zu halten, um die Wirtschaft zu schützen. Auch die Situation in den Nachbarländern hat einen Einfluss. Wenn es um den europäischen Handel geht, können nur alle zusammen gewinnen.

Gibt es Hoffnung für eine wirtschaftliche Erholung?

Christian Odendahl ist Chefökonom beim Zentrum für europäische Reformen, einer unabhängigen Denkfabrik. Er sitzt in Berlin. Wie sehen er und sein Team die wirtschaftliche Zukunft der EU?

Euronews-Reporterin Naomi Lloyd:

"Vielen Dank, dass Sie unser Gast bei Real Economy sind. Jetzt hat die EU ihre Wachstumsprognose für das nächste Jahr herabgestuft - aber gleichzeitig gibt es die positive Nachricht von einem Impfstoff - haben Sie Hoffnung für eine wirtschaftliche Erholung Europas?"

Christian Odendahl, Zentrum für europäische Reformen:
"Vor uns liegen ein paar harte Monate, denn wir erleben gerade diese Anspannung einer Aussicht auf eine Impfung. Und sobald die Impfungen losgehen, wird es wahrscheinlich eine Art Aufholboom nach Corona geben. Aber bis dahin werden wir immer noch mit dem Virus und den damit zusammenhängenden Lockdowns zu kämpfen haben."

Euronews:
_"Können Sie unseren Zuschauern erklären - viele haben ihre Jobs und Geschäfte verloren, sie wurden entlassen, sind auf staatliche Hilfe angewiesen - wie schnell wird sich die Situation normalisieren, wird es wieder eine Normalität geben?!

_

Christian Odendahl:
"Zuallererst stehen die Regierungen in der Verantwortung, Arbeitnehmer und Unternehmen zu unterstützen. Denn das ist eine ganz spezielle Krise. Sie zwingt die Regierungen, die Wirtschaft in eine Art Halbkoma zu versetzen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es gibt also gute Gründe, alle Betroffenen zu unterstützen. Die Aussicht auf eine Erholung und einen potenziellen Nach-Corona-Boom sollte den Menschen die Kraft geben, auszuharren. Man sollte versuchen, das Virus in den kommenden Monaten einzudämmen und dann auf eine starke Erholung hoffen."

Euronews:
"Aber unser Bericht hat gezeigt, dass selbst in Finnland, wo die Wirtschaft weniger stark betroffen ist, jeder fünfte Betrieb im Dienstleistungssektor vor dem Bankrott steht - kein Grund für Optimismus."

Christian Odendahl:
"Nein, jeder Fünfte ist eine sehr bedrohliche Aussicht. Diese Pandemie hat die Menschen gezwungen, neue Dinge auszuprobieren, vor allem im Bereich der digitalen Arbeit und der Telearbeit. Einige Unternehmen werden meiner Meinung zu kämpfen haben -, selbst wenn sich die Wirtschaft vollständig erholt. Denn die Menschen haben ihre Gewohnheiten und ihr Verhalten geändert, in einigen Fällen für immer."

Euronews:
"Jetzt hat die Europäische Kommission ein historisches 750-Milliarden-Euro-Rettungspaket beschlossen - wie sehr sind wir darauf angewiesen?"

Christian Odendahl:
"Wir brauchen das unbedingt. Südeuropa, vor allem der Tourismus in Südeuropa, ist sehr betroffen. Und hier kommt der Europäische Rettungsfonds ins Spiel, um einige dieser Lücken zu schließen. Und die Beträge, die aus dem Norden in den Süden fließen, sind recht beträchtlich. Ein Land wie Griechenland zum Beispiel wird in den nächsten Jahren etwa 2 Prozent des BIP erhalten. Das ist ein sehr beträchtlicher Transfer."

Auch wenn es Grund zum Optimismus gibt - es ist klar, dass die wirtschaftliche Erholung in Europa länger dauern wird als ursprünglich erwartet - und dass, obwohl einige EU-Länder stärker betroffen sind als andere - wir alle im selben Boot sitzen.

Cutter • Sebastien Leroy

Weitere Quellen • Produktion: Camille Cadet; Kameramann Finnland: Matthieu Bacques; Kameramann Frankreich: Mathieu Ravey; Motion Design: NEWIC (https://www.agence-newic.com)