Ein neues KI-System erkennt typische Verletzungsmuster bei Misshandlung und hilft Ärztinnen und Ärzten, früher einzugreifen.
Forschende haben ein Werkzeug mit künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt, das Ärztinnen und Ärzten helfen soll, Patientinnen und Patienten mit Risiko für Gewalt in Partnerschaften zu erkennen – oft schon Jahre, bevor Betroffene Hilfe suchen.
In den Vereinigten Staaten trainierte das Team ein Modell des maschinellen Lernens mit Daten aus regelmäßigen Krankenhausbesuchen. Die Studie (Quelle auf Englisch) erschien in der Fachzeitschrift Nature.
Unter Gewalt in Partnerschaften verstehen Fachleute Übergriffe durch aktuelle oder frühere Partnerinnen und Partner. Die Folgen reichen von schweren Verletzungen über chronische Schmerzen bis hin zu psychischen Erkrankungen.
Laut einem Bericht (Quelle auf Englisch) der Europäischen Kommission gaben im Jahr 2021 achtzehn Prozent der Frauen mit mindestens einer Partnerschaft an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt zu haben.
Screenings auf häusliche Gewalt in Kliniken beruhen bislang meist auf direkten Fragen nach der Sicherheit zu Hause. Viele Betroffene sprechen jedoch aus Angst, Scham oder aus Sorge um ihre Sicherheit nicht darüber. Dadurch bleiben zahlreiche Fälle unentdeckt.
Das Forschungsteam nutzte mehrere Jahre an Krankenakten von knapp 850 Frauen, die Gewalt in Partnerschaften erlebt hatten. Hinzu kamen Daten von mehr als 5.200 Patientinnen und Patienten ähnlichen Alters in einer Kontrollgruppe. Auf dieser Grundlage entstanden drei unterschiedliche KI-Systeme, mit denen das Team prüfte, wie gut sich Risikopersonen erkennen lassen.
Das erste System wertete strukturierte Klinikdaten aus, etwa Alter, Krankengeschichte und andere Standardangaben. Das zweite analysierte schriftliche Einträge in den Akten, darunter ärztliche Notizen und radiologische Befunde. Das dritte System führte beide Informationsarten zusammen.
Alle drei Modelle lieferten gute Ergebnisse, doch die kombinierte Variante war am treffsichersten. Sie erkannte in 88 Prozent der Fälle ein erhöhtes Risiko korrekt.
Das Werkzeug erkannte mögliche Übergriffe zudem mehr als drei Jahre, bevor viele Betroffene später in klinische Interventionsprogramme gegen häusliche Gewalt kamen.
Die KI analysiert große Mengen an Klinikdaten auf einmal. So erkennt sie Muster körperlicher Verletzungen, die auf Gewalt hindeuten, und markiert Patientinnen und Patienten mit ähnlichen Befunden wie in bestätigten Misshandlungsfällen. Ärztliches Personal kann dadurch früher eingreifen.
„Dieses klinische Entscheidungshilfesystem könnte die Vorhersage und Prävention von Gewalt in Partnerschaften deutlich verbessern“, sagte Qi Duan, Programmleiter der Abteilung für Gesundheitsinformatik-Technologien am National Institute of Biomedical Imaging and Bioengineering (NIBIB) der US‑National Institutes of Health.
„Angesichts der vielen Fälle könnte dieses Instrument die öffentliche Gesundheit grundlegend stärken“, fügte Duan hinzu.
Die Forschenden betonen, die Technik solle Ärztinnen und Ärzte unterstützen, nicht deren Urteil ersetzen. Sie stellt keine Diagnose und zwingt niemanden zu Offenbarungen. Stattdessen liefert sie einen Hinweis, der helfen kann, das Thema behutsam anzusprechen und bei Bedarf Unterstützung anzubieten.
„Unsere Arbeit steht für einen Wandel hin zu einer früheren Risikoeinschätzung – und zwar mit Informationen, die in Gesundheitsdaten ohnehin vorhanden sind“, sagte Bharti Khurana, Notfallradiologin bei Mass General Brigham und Associate Professor an der Harvard Medical School.
Das Team plant nun, die Technologie in elektronische Krankenakten zu integrieren. Kliniken könnten dann während der Routineversorgung Risikoeinschätzungen in Echtzeit erhalten.