Naomi Osaka gewinnt ihr Auftaktmatch in Roland Garros, doch ihr goldenes Paillettenkleid sorgt für Streit: Warum tut sich Tennis mit Frauenmode so schwer?
Auf dem Court Suzanne-Lenglen bei den French Open sind gestern zwei Dinge passiert.
Der japanische Tennisstar und frühere Weltranglistenerste Naomi Osaka besiegte ihre deutsche Gegnerin Laura Siegemund mit 6:3, 7:6 (3) und startete stilvoll in ihr Roland-Garros-Turnier.
Noch mehr Aufmerksamkeit bekam jedoch etwas anderes: Osakas Sinn für Mode.
Die 28-jährige, vierfache Grand-Slam-Siegerin betrat den Platz in einem zeremoniell anmutenden schwarzen Rock und einem ärmellosen Oberteil mit Perlenbesatz. Auf dem Court legte sie die äußere Schicht ab und enthüllte darunter ein atemberaubendes goldenes Paillettenkleid.
„Es ist sehr Couture“, sagte Osaka nach dem Match über ihr Kleid. „Man kennt doch den Eiffelturm nachts, wenn er glitzert. So ein bisschen so komme ich mir darin vor.“
Das eigentliche Spielkleid stamme von Nike, die äußeren Teile habe der Schweizer Couturier Kevin Germanier entworfen, erklärte Osaka.
„Sportlerinnen und Sportler stehen im Showgeschäft“, sagte Osaka. „Die Walk-ons bei Grand-Slam-Turnieren sind die einzige Zeit, in der ich mich vielleicht wie eine Entertainerin fühle.“
Ganz unbesorgt war sie allerdings nicht. „Ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht, weil das Kleid die Sonne so stark reflektiert. Ich hatte Angst, dass mich der Schiedsrichter deswegen vom Platz schickt“, sagte sie. „Deshalb hatte ich zwei ganz normale Nike-Ersatzkleider dabei.“
Es ist nicht das erste Mal, dass Osaka mit einem spektakulären Look auf dem Court für Aufsehen sorgt. Schon bei den US Open im vergangenen Jahr begeisterte sie das Publikum mit einem roten Outfit und glitzernden roten Rosen im Pferdeschwanz. Anfang dieses Jahres bei den Australian Open trug sie dann ein von Quallen inspiriertes Ensemble mit einem riesigen Hut mit breiter Krempe und Schleier.
Im Netz fielen die Reaktionen jedoch – wenig überraschend – gespalten aus.
Manche überschlugen sich förmlich mit Lob ...
Andere beklagten allen Ernstes, dass eine Frau Hochmode in ihre Sportkleidung einfließen lässt.
Konservative Fans behaupten, das Outfit missachte den Sport und seine Tradition. Andere fragen empört, wie sie es wagen könne, nicht „züchtiger“ aufzutreten.
Um den sexistischen Kommentaren keine zusätzliche Bühne zu bieten, bleiben wir bei diesem Kommentar, der die Lage recht gut zusammenfasst:
Hinzu kommt eine persönliche Dimension, die die Sache noch hässlicher macht. Osaka spricht offen über ihre Angst vor Medienauftritten und ihre psychischen Probleme.
Am Samstag erklärte sie, Mode bedeute ihr viel, „weil ich nicht viel rede und mich deshalb über meine Kleidung ausdrücken kann“.
„Das heißt, ich kann bei Farben, Mustern oder Stoffen so laut sein, wie ich möchte ...“, fügte sie hinzu. „Und ich glaube, genau das macht Spaß. Ich habe das Gefühl, dass wir das im Tennis ein bisschen verloren haben. (...) Ich weiß, dass es Kinder oder andere Menschen gibt, die mir ähnlich sind und die hoffentlich bei meinen Outfits dasselbe empfinden. Und ja, ich bin ein bisschen dramatisch, was meinen Modegeschmack angeht.“
Trotzdem wirkt es so, als könnte ein bestimmter, dunkler Winkel der Tenniswelt mit der Zeit nicht Schritt halten und mutige Entscheidungen nicht feiern – vor allem, wenn es darum geht, Frauenkörper zu kontrollieren und zu kritisieren, was Sportlerinnen auf dem Platz tragen.
Das ist nichts Neues.
Fällt ein Outfit zu auffällig oder zu modisch aus, heißt es, die Sportlerin verwechsle den Court mit dem Laufsteg und riskiere eine Verwarnung wegen „unsportlichen Verhaltens“. Sitzt die Kleidung zu eng, gilt sie als zu provokant und „ungebührlich“. Und wenn ein Outfit als nicht attraktiv genug gilt, soll die Spielerin sich angeblich mehr Mühe geben – dem Sport und seinen Traditionen zuliebe. Es ist eine Lose-Lose-Lose-Situation.
Ein prominentes Beispiel stammt aus dem Jahr 1985: Die US-Amerikanerin Anne White bekam von der Wimbledon-Leitung die Auflage, etwas „Angemesseneres“ zu tragen, nachdem sie ihre Erstrundenpartie in einem weißen, langärmeligen Spandex-Einteiler bestritten hatte. Oder die US Open 2018: Serena Williams trat dort in einem maßgeschneiderten Nike-Tutu an, nachdem die French Open ihren Ganzkörperanzug – der ihre Durchblutung verbessern und Blutgerinnsel nach der Schwangerschaft verhindern sollte – verboten hatten.
Immerhin kündigte die Women’s Tennis Association (WTA) nach dem Aufruhr um Serenas Catsuit an, ihren Dresscode „modernisiert“ zu haben. Seitdem dürfen Spielerinnen Leggings und bis zur Mitte des Oberschenkels reichende Kompressionsshorts auch ohne Rock tragen.
Dennoch bleibt die Geschichte der Kleiderordnungen für Frauen erschreckend umstritten und von Sexismus, teils auch von Rassismus, durchzogen. Und trotz mancher Fortschritte, etwa als Wimbledon 2023 seine strengen Bekleidungsvorschriften lockerte, lösen Outfits auf dem Court weiterhin archaische Reflexe aus.
Zum goldenen Kleid von Osaka sagte die ehemalige britische Nummer eins Annabel Croft, viele Spielerinnen könnten den Erwartungen, die ein solcher maßgeschneiderter Auftritt wecke, nicht gerecht werden.
„Wenn man in einem außergewöhnlichen Outfit auf den Platz geht, muss man dem auch spielerisch gerecht werden und das Selbstvertrauen haben, darin zu performen – dem Publikum also sowohl Tennis als auch Outfit bieten“, sagte sie bei BBC Radio 5 Sports Extra. „Naomi kann das. Sie liebt es wirklich und es beeindruckt sie nicht im Geringsten.“
Wer sich hingegen daran stört, dass eine Frau sich über Mode ausdrückt und auf der Weltbühne ihre eigene Geschichte erzählt, liefert selbst ein Beispiel für „unsportliches Verhalten“ – im harmlosesten Fall. Häufiger ist es offener Sexismus.
Lasst Osaka strahlen.