Europa entwickelt sich laut einer neuen Studie zum dritten wichtigen Markt für KI-Fachkräfte: strengere US-Visa und weniger Nachwuchs in China treiben Talente dorthin.
Europa entwickelt sich zu einem wichtigen Ziel für Fachkräfte im Bereich Künstliche Intelligenz, doch die USA und Indien geben weiterhin den Ton an.
Laut einer neuen Studie ziehen vor allem Irland, Deutschland und die Niederlande immer mehr KI-Fachkräfte an. Dadurch steigt Europas Gewicht im globalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz.
Trotz dieses Aufschwungs dominieren jedoch weiterhin die USA und Indien das weltweite Rennen um KI-Talente. Beide Länder verfügen über fast eine Million Spezialistinnen und Spezialisten. Indien ist besonders stark bei nichttechnischen Profilen und in der Softwareentwicklung, die USA führen bei KI-Ingenieurinnen und -Ingenieuren, so die Studie.
Europa festigt dennoch seine Rolle als starker dritter Markt. Strengere Einwanderungsregeln in den USA erschweren internationalen Studierenden und Arbeitskräften den Karriereaufbau dort und machen das Land weniger attraktiv. Viele orientieren sich deshalb neu. Zugleich scheint der Talentpool aus China zu schrumpfen.
Der in Deutschland ansässige Thinktank Interface hat Daten von 1,6 Millionen KI-Fachkräften ausgewertet, die das Analyseunternehmen Revelio Labs erhoben hat.
Die Beschäftigten wurden in drei große Gruppen eingeteilt: nichttechnische Funktionen, technische Spezialistinnen und Spezialisten wie Softwareentwickler und Data Scientists sowie hochqualifizierte KI-Forschende und -Ingenieurinnen und -Ingenieure.
Europas Position im Wettlauf um KI-Talente
Das Vereinigte Königreich ist mit rund 145.000 KI-Fachkräften der drittgrößte Markt weltweit.
Unter den europäischen Ländern gehören Deutschland, Italien, die Niederlande und Frankreich zu den zehn Staaten mit den meisten KI-Fachkräften. Deutschland ragt heraus: Dort arbeiten 17.000 KI-Ingenieurinnen und -Ingenieure, das ist der vierthöchste Wert weltweit. Das stärke die Rolle des Landes als einen der führenden KI-Standorte Europas, so die Forschenden.
Deutlich stärker schneiden allerdings kleinere europäische Staaten ab, wenn man die Bevölkerungszahl berücksichtigt. Irland ist nach Singapur der zweitgrößte Markt für KI-Talente weltweit. Auf eintausend Einwohnerinnen und Einwohner kommen dort 4,19 Fachkräfte, so die Studie.
Auch die Schweiz (3,25), Luxemburg (3,18), die Niederlande (2,56) und Dänemark (2,33) zählen zu den zehn Ländern mit den meisten KI-Beschäftigten pro Kopf.
Vor allem die Niederlande gewinnen als Magnet für amerikanische KI-Profis, die nach Europa wechseln, an Boden. Dort gibt es zudem die meisten KI-Ingenieurinnen und -Ingenieure in der Europäischen Union. Dieser Vorsprung schlägt sich jedoch nicht vollständig im Geschäftserfolg nieder, da Risikokapitalinvestitionen in niederländische KI-Unternehmen noch hinter dem europäischen Durchschnitt zurückbleiben.
Die Studie untersuchte auch, in welche Städte internationales KI-Personal abwandert. Unter den weltweit 25 Städten mit der höchsten Dichte an KI-Fachkräften finden sich aus Europa nur München, Amsterdam und Berlin.
Frankreichs gemischte Bilanz
Noch vor zwei Jahren zählte Interface Frankreich zu den führenden Technologiestandorten Europas, inzwischen ist das Land in den Ranglisten aber deutlich zurückgefallen.
Paris bleibt zwar eine der Tech-Hauptstädte Europas. Dennoch hat das Land zunehmend Mühe, Fachkräfte zu halten, heißt es weiter.
Die Entwicklung vollzieht sich trotz einer Reform, mit der eine Steuer auf die Einstellung von Beschäftigten aus Nicht-EU-Ländern abgeschafft wurde. Im Jahr 2025 ging die Zahl der langfristigen Visa für ausländische Fachkräfte um fast acht Prozent zurück; nur in wissenschaftlichen Bereichen gab es leichte Zuwächse.
Nach Einschätzung der Forschenden kämpft Frankreich vor allem mit der Finanzierung. Das Land verfügt zwar über ein starkes KI-Ökosystem. Doch langsame Anpassung und zögerliche Investitionen haben dazu geführt, dass Konkurrenzstandorte bei der Anwerbung und Bindung von Fachkräften vorbeiziehen.
Trotzdem gehört Frankreich zu den wenigen EU-Staaten, in denen in Spitzenpositionen der KI mehr Frauen arbeiten. Gleichzeitig kommen weniger internationale Fachleute ins Land.
Das bedeute aber nicht, dass sich die Lage für Frauen insgesamt verbessert habe, betonen die Forschenden. Vielmehr stelle Frankreich verstärkt einheimische Kräfte ein – und damit automatisch auch mehr Frauen.
„Eigenen Nachwuchs auszubilden und Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen, ersetzt sich nicht gegenseitig, sondern sind ergänzende Strategien. Staaten, die eine davon vernachlässigen, spüren die Folgen auch bei der anderen“, heißt es in der Studie.
Indische Fachkräfte gewinnen an Bedeutung
Fachkräftezuwanderung aus Indien wird für Europas KI-Pläne immer wichtiger. Inderinnen und Inder stellen inzwischen mehr als sechzehn Prozent der weltweiten KI-Belegschaft, und ein wachsender Anteil entscheidet sich bei Studium und Karriere für Europa.
In der EU stieg der Anteil indischer Fachkräfte von 7,7 Prozent im Jahr 2024 auf 8,3 Prozent im Jahr 2025. Das spiegle die „fortlaufenden Bemühungen um eine engere Zusammenarbeit zwischen EU und Indien“ wider, so die Studie.
Besonders deutlich zeigt sich das in Irland: Dort machen Beschäftigte aus Indien inzwischen fast 30 Prozent des KI-Personals aus, nach 21 Prozent im Jahr 2024.
Auch Deutschland und die Niederlande verzeichnen mehr Studierende aus Indien. Grund sind gezielte Werbekampagnen, die junge Leute ansprechen, die sonst für ihr Studium in die USA gegangen wären.