Amazon-Gründer Jeff Bezos auf der VivaTech in Paris: Schwerindustrie muss ins All, nur so verträgt sich Wachstum mit einem bewohnbaren Planeten – Start auf dem Mond.
Jeff Bezos ist am Mittwoch auf der Tech-Konferenz VivaTech in Paris aufgetreten. Er warb dafür, dass die Menschheit zum Mond und später noch weiter hinausziehen müsse – nicht nur aus Entdeckerdrang, sondern um die Erde vor den Folgen von Technologie und Industrie zu schützen.
Gemeinsam mit Blue-Origin-Chef Dave Limp, moderiert vom früheren Nasa-Astronauten Mike Massimino, erklärte der Amazon-Gründer und heutige Executive Chairman von Blue Origin, nur wenn die Schwerindustrie ins All verlagert werde, könnten wirtschaftliches Wachstum und Umweltschutz dauerhaft zusammengehen.
„Unser Gartenplanet kann in den Zustand vor der industriellen Revolution zurückkehren“, sagte Bezos.
„Nur in dieser Hinsicht ist die Welt heute schlechter dran als vor 500 Jahren ... Wir können tatsächlich beides haben“, fuhr er fort. Die Lebensqualität der gesamten Menschheit sei gestiegen, die Erde habe dafür jedoch einen hohen Preis gezahlt.
Bei der Reihenfolge ließ er keinen Zweifel: Zuerst komme der Mond, dann erst der Mars. Wer diesen Zwischenschritt auslasse, mache einen Fehler.
Der Mond sei nur etwa dreieinhalb Tage entfernt und damit jederzeit erreichbar, sagte Bezos. Zum Mars könne man dagegen nur etwa alle zwei Jahre starten. Wegen seiner geringeren Schwerkraft eigne sich der Mond zudem ideal als Zwischenstation.
„Wenn man Schritte überspringt, wird man in Wirklichkeit nicht schneller“, sagte Bezos. „Der Mond ist eine Art Geschenk – er liegt der Erde so nah.“
Material, das von der Mondoberfläche gestartet wird, benötigt pro Kilogramm 28-mal weniger Energie als von der Erde aus, betonte er. Der Mond sei damit nicht nur ein Ziel, sondern auch ein möglicher Rohstofflieferant für Missionen in den tiefen Weltraum.
Kritisch äußerte er sich auch zum Apollo-Programm. Die ersten Mondlandungen seien vor allem aus geopolitischen Gründen und im Wettlauf mit der Sowjetunion vorgezogen worden. Die USA hätten dafür zeitweise bis zu 4,5 Prozent ihres Bundeshaushalts aufgewendet – auf Dauer sei das nicht tragfähig gewesen.
Das, was Blue Origin heute anstrebe, sei grundlegend anders, sagte Bezos: kein von Rivalität getriebener Sprint, sondern der Aufbau einer dauerhaften Präsenz aus Notwendigkeit.
„Dass wir schon einmal auf dem Mond waren, ist das eine“, sagte er. „Entscheidend ist diesmal die Dauer: Wir wollen bleiben. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, es wirklich ernst zu meinen und zum Bleiben hinzufliegen.“
Aus Sicht von Bezos ist die wirtschaftliche Logik des Mondes ebenso überzeugend wie die ökologische.
Das auf dem Mond vorhandene Wassereis, das sich aus dem Orbit nachweisen lässt und bald aus der Nähe untersucht werden soll, könnte in flüssigen Sauerstoff umgewandelt werden – einen der wichtigsten Treibstoffe für Flugmissionen in den tiefen Weltraum. Von dort ließe er sich zu einem Bruchteil der heutigen Kosten in den Orbit bringen.
Die Mondoberfläche, seit rund viereinhalb Milliarden Jahren von Meteoriten getroffen, enthält nahezu alle Mineralien, die man zum Aufbau von Infrastruktur im All benötigt.
Darüber hinaus skizzierte Bezos eine weitreichende Zukunftsvision. Sie reicht von großen Raumhabitaten nach dem Vorbild des Physikers Gerard O’Neill aus den 1970er-Jahren, in denen Tausende oder sogar Millionen Menschen im Orbit leben und arbeiten, bis zu Rechenzentren im All, Solarstrom jenseits der Atmosphäre und Chipfertigung im Weltraum, deren Ergebnisse zurück zur Erde gefunkt werden.
Der Mars und noch fernere Ziele kämen erst später an die Reihe – nämlich dann, wenn die Basis auf dem Mond steht.
„Wir werden Kolonien auf dem Mars und anderswo errichten“, sagte Bezos. „Der Mond ist dafür ein wichtiger erster Schritt.“
Bezos nutzte den Auftritt auch, um über Prometheus zu sprechen, sein vergangenes Jahr mitgegründetes KI-Unternehmen. Er beschrieb es als Werkzeug, das Entwicklungszyklen drastisch verkürzen soll – ein Zehnjahresprogramm könnte so zunächst auf fünf Jahre, später auf zwei und schließlich auf ein Jahr schrumpfen.
Im Unterschied zu großen Sprachmodellen, die mit Texten trainiert werden, basiere Prometheus auf technischen Fachdaten, sagte er. Diese eigneten sich für die Konstruktion physischer Objekte; Ziel sei es, das Innovationstempo massiv zu erhöhen.
Zum Schluss zeigte sich Bezos wie gewohnt optimistisch. Der Wohlstand von Zivilisationen sei stets von Erfindungen getrieben worden – vom Pflug vor 6000 Jahren bis zur Dampfmaschine. Noch nie zuvor habe es in der Geschichte der Menschheit so viele Ansatzpunkte für neue Ideen gegeben wie heute.
„Junge Menschen sollten im Moment unglaublich begeistert sein“, sagte er. „Es gab noch nie eine bessere Zeit, Unternehmerin oder Unternehmer zu werden.“