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Immer mehr Menschen nutzen ChatGPT als Psychologen: Zwei Expertinnen erklären warum

ARCHIV - Eine Person benutzt ein Smartphone in Chicago, 16. September 2017. (AP-Foto, Archiv)
ARCHIV - Eine Person benutzt in Chicago ein Smartphone, 16. September 2017. (AP-Foto, Archiv) Copyright  Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Christina Thykjaer
Zuerst veröffentlicht am
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Immer mehr Menschen sprechen mit ChatGPT über Ängste, Trennungen oder private Krisen. Zwei Psychologinnen erklären, weshalb sie die KI als emotionalen Beistand nutzen.

Mit ChatGPT über Liebeskummer sprechen, es vor einer wichtigen Entscheidung um Rat fragen oder es als Stütze gegen Angstzustände nutzen: All das gehört inzwischen für viele – vor allem für junge Menschen – zum Alltag. Was vor wenigen Jahren noch wie eine technische Spielerei wirkte, etabliert sich heute als einer der wichtigsten Einsatzzwecke generativer künstlicher Intelligenz.

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Zahlen stützen diese Entwicklung. Nach einem Bericht der „Harvard Business Review“ (Quelle auf Spanisch) ist der häufigste Einsatz generativer KI emotionaler Beistand oder Begleitung – noch vor Hilfe bei der Organisation des Privatlebens, der Sinnsuche oder der Einführung gesünderer Gewohnheiten.

Gleichzeitig zeigte eine Studie von Línea Directa aus dem Jahr 2025, dass neun von zehn jungen Spanierinnen und Spaniern zwischen 16 und 19 Jahren digitale Technologien nutzen, um sich über Gesundheit zu informieren, und dass 24,8 % der Spanierinnen und Spanier digitale Selbstdiagnosen als erste Option wählen. In Mexiko gewinnt das Phänomen ebenfalls an Boden. Laut der sechsten Ausgabe des „AXA Mind Health Report“ (Quelle auf Spanisch) geben 71 % der Bevölkerung an, Werkzeuge künstlicher Intelligenz zu nutzen, um Unterstützung bei ihrer psychischen Gesundheit zu suchen.

Dieser Boom fällt in eine Zeit, die von einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit geprägt ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit mehr als eine Milliarde Menschen an einer psychischen Störung oder einem Problem ihres seelischen Wohlbefindens leiden.

Der wachsende Rückgriff auf solche Anwendungen löst jedoch auch Sorgen aus. Eine Recherche der britischen Zeitung „The Guardian“ zeigte, dass einige in Suchmaschinen integrierte KI-Systeme falsche oder aus dem Zusammenhang gerissene Gesundheitsinformationen liefern und diese den Nutzerinnen und Nutzern als zuverlässig präsentieren.

Gerade wegen des möglichen Einflusses auf das Leben der Menschen hat die Europäische Union KI-Systeme im Gesundheitsbereich zu den Bereichen gezählt, die in ihrem Gesetz über künstliche Intelligenz den strengsten Auflagen unterliegen.

Warum immer mehr Menschen mit ChatGPT über ihre Probleme sprechen

Für die mexikanische Psychologin María Fernanda Cruz Urquiza reagiert dieses Phänomen auf sehr konkrete emotionale Bedürfnisse. Sie beobachtet zunehmend Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen zu ChatGPT greifen, vor allem bei Konflikten in der Partnerschaft oder bei Trennungen.

Aus ihrer Sicht bietet künstliche Intelligenz etwas, das viele vermissen: ständige Verfügbarkeit. „ChatGPT bestätigt fast immer das, was Nutzerinnen und Nutzer erzählen, und diese dauernde Bestätigung wirkt auf viele Patientinnen und Patienten sehr attraktiv“, sagt sie. Hinzu kommt die Möglichkeit, sich mitzuteilen, ohne sich verurteilt zu fühlen, und sofort eine Antwort zu bekommen. Diese Kombination zieht besonders Menschen an, die unter Angst leiden.

Die Psychotherapeutin Cecilia Paredes Aldama teilt diese Analyse teilweise, betont aber, sie habe bislang nicht beobachtet, dass ihre Patientinnen und Patienten die Therapie durch ChatGPT ersetzen. Sie stellt jedoch fest, dass viele das Programm nutzen, um Nachrichten zu formulieren, sich klarer und selbstbewusster auszudrücken oder schwierige Gespräche vorzubereiten. „Es ist eine Ressource, vor allem für Menschen, die ihre Probleme nicht vor anderen ausbreiten möchten“, sagt sie.

Wir sind Beziehungswesen und künstliche Intelligenz wird den menschlichen Kontakt niemals ersetzen
Cecilia Paredes Aldama
Psychotherapeutin

Beide Fachfrauen betonen, dass künstliche Intelligenz in bestimmten Situationen hilfreich sein kann. Paredes hält sie für geeignet, die Intensität von Angstzuständen zu dämpfen, etwa wenn sie hilft, die Zeit besser zu strukturieren, Prioritäten zu setzen oder Wege vorzuschlagen, im Job Grenzen zu ziehen. Gleichzeitig betont sie, dass diese Unterstützung nur an der Oberfläche bleibt.

„Künstliche Intelligenz kann helfen, die Intensität der Angst zu reduzieren, aber sie beseitigt nicht die Ursache.“ Ähnlich argumentiert Cruz Urquiza. Ihrer Ansicht nach kann ChatGPT ein erster Anlaufpunkt für Menschen sein, die noch keine Strategien zur emotionalen Selbstregulation entwickelt haben oder sich eine psychologische Therapie finanziell nicht leisten können.

„ChatGPT ist eine kostengünstige Alternative, die ich als sehr hilfreich für den ersten Schritt empfinde.“ Trotz unterschiedlicher Nuancen sind sich beide einig, dass künstliche Intelligenz als Unterstützung in konkreten Situationen nützlich sein kann – solange sie nicht mit einem therapeutischen Prozess verwechselt wird.

Das Problem einer KI, die einem immer Recht gibt

Einer der Punkte, die beide Psychologinnen besonders beunruhigt, ist die Art, wie diese Systeme mit Menschen interagieren. Paredes warnt, dass künstliche Intelligenz zu einem extrem gefälligen Ton neige. „Psychotherapie konfrontiert, künstliche Intelligenz tut das nicht. Sie ist durch und durch gefällig.“

Wenn Menschen ständig die Bestätigung von ChatGPT suchen, können sie nach ihrer Einschätzung falsche Vorstellungen über ihr eigenes Leben verstärken. „Wenn du dich daran gewöhnst, KI zu konsultieren und sie dir immer wieder Recht gibt, kannst du dein eigenes Leben irgendwann völlig verzerrt sehen.“

Sie warnt sogar davor, dass dieses Muster egoistische Verhaltensweisen stärken oder bestimmte narzisstische Züge verstärken könnte. Cruz Urquiza teilt diese Sorge, nähert sich ihr aber aus einem anderen Blickwinkel. Sie findet, ChatGPT sei „überempatisch“ – das kann zwar kurzfristig erleichtern, fördert aus ihrer Sicht aber keinen tiefgreifenden Wandel.

Das wichtigste Risiko, das ich beobachtet habe, ist, dass ChatGPT dazu tendiert, „überempatisch“ zu reagieren – das ist auf lange Sicht keine echte therapeutische Hilfe
María Fernanda Cruz Urquiza
Psychologin

Menschliche Beziehung bleibt unersetzlich

So sehr beide das Potenzial künstlicher Intelligenz anerkennen, sehen sie einen Punkt, den kein Algorithmus ersetzen kann: die therapeutische Beziehung. Für Paredes finden Scham, Schuldgefühle oder seelischer Schmerz nur dann echte Linderung, wenn Menschen sie mit jemand anderem teilen können.

„Scham ist ein emotionaler Zustand, der sich löst, wenn wir darüber sprechen und ihn teilen. Sie braucht menschliche Verbindung.“ Für sie gehört genau dieser Kontakt zwischen Therapeutin und Patient zu den Grundpfeilern jeder Psychotherapie. „Wir sind Beziehungswesen und künstliche Intelligenz wird den menschlichen Kontakt niemals ersetzen.“

Cruz Urquiza stützt diese Ansicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse der interpersonellen Neurobiologie und fasst ihre Position in einem Satz zusammen: „Die eigentliche therapeutische Veränderung entsteht in der Resonanz zwischen zwei Menschen – etwas, das KI nicht nachbilden kann.“

Werkzeug, kein Ersatz

Am Ende kommen beide Psychologinnen zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. Künstliche Intelligenz kann helfen, einzelne Fragen zu klären, Gedanken zu ordnen, Aufgaben zu organisieren oder ersten Beistand zu leisten, wenn es im Moment keine andere Möglichkeit gibt. Hält das seelische Leiden länger an oder beeinträchtigt es mehrere Lebensbereiche, raten sie jedoch dringend dazu, professionelle Hilfe zu suchen.

So fasst es Cecilia Paredes zusammen: „Künstliche Intelligenz ist nur ein praktisches Werkzeug, mehr nicht; Tiefe fehlt.“ Und María Fernanda Cruz Urquiza bringt die Debatte über die Zukunft von KI in der psychischen Gesundheit mit einem anderen Gedanken auf den Punkt: „ChatGPT weiß unendlich viel. Doch es weiß noch immer nicht das, was wir Menschen wissen: jemanden aus der eigenen Erfahrung des Seins heraus zu begleiten.“

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