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Iran-Krieg trifft Europa: droht schon die Rezession?

Ölpumpe im Sonnenschein
Ölpumpe im Sonnenlicht Copyright  Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Piero Cingari
Zuerst veröffentlicht am
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Im April ist die Privatwirtschaft der Eurozone wieder geschrumpft. Es war der schwächste Wert seit November 2024, belastet durch den Iran‑Krieg, der Dienstleister traf und die Inflation anheizte.

Der Krieg im Nahen Osten unter Beteiligung Irans hat etwas bewirkt, was in den vergangenen zwei Jahren weder Handelskonflikte noch Zolldrohungen oder die Flaute in der Industrie geschafft haben.

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Laut am Donnerstag veröffentlichten Schnellschätzungen der Einkaufsmanagerindizes (PMI) von S&P Global ist die Wirtschaftsaktivität im Euroraum im April deutlich zurückgegangen.

Der Dienstleistungssektor, der die Erholung des Währungsraums im Jahr 2025 tragen soll, verzeichnete den schwächsten Wert seit den Lockdowns zu Beginn des Jahres 2021.

Die Einkaufspreise stiegen auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Das Geschäftsklima fiel auf das niedrigste Niveau seit Ende 2022.

Schwächstes Niveau seit über einem Jahr

Der vorläufige Eurozonen-Gesamtindex sank im April auf 48,6 Punkte nach 50,7 im März. Damit liegt er klar unter der Marke von 50 Punkten, die Wachstum von Schrumpfung trennt. Es ist der niedrigste Stand seit rund eineinhalb Jahren.

Der Dienstleistungs-PMI fiel von 50,2 auf 47,4 Punkte – faktisch der schwächste Wert seit den Lockdowns Anfang 2021.

„Die Eurozone steckt wegen des Kriegs im Nahen Osten in immer größeren wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Der Konflikt hat die Wirtschaft im April ins Minus gedrückt und zugleich die Inflation deutlich nach oben getrieben“, sagte Chris Williamson, Chefökonom bei S&P Global Market Intelligence.

Die Industrie entwickelte sich dagegen gegen den Trend.

Der Fabrik-PMI stieg von 51,6 auf 52,2 Punkte, den höchsten Wert seit fast vier Jahren. Der Produktionsindex der Industrie kletterte auf ein Achtmonatshoch.

Der Anstieg täuscht jedoch. Viele Unternehmen im Währungsraum bestellen zusätzliche Vorprodukte aus Angst vor Engpässen und weiteren Preisaufschlägen. Das treibt die Produktionszahlen nach oben, spiegelt aber eher defensiven Lageraufbau als eine echte Nachfrageerholung wider.

In der Industrie des Euroraums verlängerten sich die Lieferzeiten der Zulieferer so stark wie zuletzt im Juli 2022 – eine direkte Folge der Lieferkettenprobleme durch den Krieg im Nahen Osten.

„Der PMI-Schnellindex für April ist erstmals seit Ende 2024 in den Schrumpfungsbereich gefallen und signalisiert nun ein Minus des Bruttoinlandsprodukts von 0,1 Prozent im Quartal, nachdem zuvor noch ein Plus von 0,2 Prozent für das erste Quartal angezeigt worden war“, so Williamson.

Auf der Kostenseite des PMI wird das Signal für eine Stagflation unübersehbar.

Die Einkaufspreise stiegen so schnell wie zuletzt Ende 2022, die Verkaufspreise erreichten den höchsten Stand seit gut drei Jahren.

In allen großen Volkswirtschaften fiel der Gesamtindex schwächer aus als erwartet.

In Deutschland schrumpfte die Wirtschaftsaktivität erstmals seit fast einem Jahr. In Frankreich verstärkte sich die Abkühlung auf den niedrigsten Stand seit über einem Jahr.

„Die Erholung der deutschen Wirtschaft ist durch den Krieg im Nahen Osten jäh ausgebremst worden“, sagte Phil Smith, Associate Director Economics bei S&P Global Market Intelligence.

In der deutschen Industrie erreichte die Teuerung bei den Einkaufspreisen den höchsten Stand seit dreieinhalb Jahren. In Frankreich kletterte sie auf ein Dreijahreshoch.

„Die französische Dienstleistungswirtschaft hat sich verschlechtert, weil die Bereitschaft zum Geldausgeben nachlässt – eine typische Folge von Unsicherheit. Das drückt die gesamtwirtschaftliche Aktivität“, sagte Joe Hayes, Chefökonom bei S&P Global Market Intelligence.

IWF kürzt alle wichtigen Europa-Prognosen

Unter den großen Industriestaaten musste der Euroraum im April-Gutachten 2026 des Internationalen Währungsfonds die kräftigste Wachstumsdelle hinnehmen.

Die IWF-Expertinnen und -Experten erwarten nun, dass das Wachstum im Euroraum von 1,4 Prozent im Jahr 2025 auf 1,1 Prozent 2026 und 1,2 Prozent 2027 zurückgeht.

Die Prognosen für 2026 und 2027 wurden jeweils um 0,2 Prozentpunkte gegenüber dem Update von Januar 2026 nach unten korrigiert.

Deutschland traf es am härtesten: Für 2026 und 2027 senkte der IWF die Wachstumsprognose um jeweils 0,3 Prozentpunkte.

Italien bleibt mit 0,5 Prozent Jahreswachstum in beiden Jahren auf der Stelle – bereits jetzt der schwächste Ausgangswert in der Eurozone.

Für Spanien erwartet der IWF eine Abschwächung von 2,8 Prozent Wachstum im Jahr 2025 auf 1,8 Prozent im Jahr 2027. Frankreich stagniert in der Jahresrate bei 0,9 Prozent, verliert aber 0,3 Punkte im Q4-zu-Q4-Profil, das die Dynamik zum Jahresende misst.

Der IWF begründet die Revision damit, dass die überraschend gute Entwicklung Ende 2025 nach und nach den negativen Folgen des Nahost-Konflikts weichen dürfte.

Das komme zu den Nachwirkungen der anhaltend erhöhten Energiepreise seit Russlands Angriff auf die Ukraine hinzu, die die Industrie belasten. Zusätzlich drücke die reale Aufwertung des Euro gegenüber den Währungen von Ländern, die ähnliche Produkte exportieren.

EZB steht erneut vor Stagflationsdilemma

Die Daten aus dem April setzen die Europäische Zentralbank erneut unter Druck – noch stärker als vor einem Monat.

Mit den üblichen Instrumenten der Geldpolitik lässt sich das Problem kaum sauber lösen.

„Die EZB muss erneut eine undankbare Entscheidung treffen: Soll sie die Zinsen angesichts der bedenklichen Inflationslage anheben oder handelt es sich nur um einen vorübergehenden Preisschub, sodass sie sich eher darauf konzentrieren sollte, eine tiefere Rezession zu verhindern?“, sagte Chris Williamson.

Terminmärkte preisen für 2026 derzeit eine Wahrscheinlichkeit von rund 72 Prozent für einen Zinsschritt nach oben ein – deutlich mehr als die niedrigen zweistelligen Werte vor der Schließung der Straße von Hormus.

Goldman Sachs: Schock unterscheidet sich von 2022

Der Goldman-Sachs-Ökonom Niklas Garnadt argumentierte in dieser Woche, der aktuelle Hormus-Schock unterscheide sich in drei Punkten von der Energiekrise 2022/23.

Erstens fällt der Preisanstieg kleiner und weniger anhaltend aus. Goldman rechnet nun für 2026 mit einem durchschnittlichen Brent-Ölpreis von 83 US-Dollar je Barrel statt 64 Dollar vor dem Konflikt sowie mit einem europäischen TTF-Gaspreis von 44 Euro je Megawattstunde statt 34 Euro – ein Plus von rund 20 bis 30 Prozent im Jahr.

Zum Vergleich: 2022 lag der durchschnittliche Brent-Preis bei 99 Dollar (plus 40 Prozent), TTF-Gas erreichte 133 Euro (plus 180 Prozent).

Zweitens ist diese Krise ölgetrieben, nicht gasgetrieben. Der Ölmarkt ist global. Die Belastung konzentriert sich daher weniger auf energieintensive Branchen wie Chemie und Grundstoffe, sondern verteilt sich stärker auf exportorientierte Sektoren wie Autoindustrie, Maschinenbau und Elektrotechnik.

Drittens ist Asien diesmal nicht abgeschirmt. Laut Goldmans Preisbeobachtung steigen die petrochemischen Preise in China ähnlich stark wie in Europa. 2022 hatten sich die Energiepreise in Europa etwa verdoppelt, in China dagegen kaum bewegt – das ließ den europäischen Nettoexport einbrechen. Diese Wettbewerbsverzerrung ist nun deutlich kleiner.

Nach Berechnungen der Bank dämpft der aktuelle Schock die Industrieproduktion im Euroraum bis Ende 2027 um knapp 2 Prozent. Das ist etwa halb so stark wie der Rückgang um vier Prozent in den Jahren 2022/23.

Brüssel verfügt über ungenutzten Hebel von 80 Milliarden Euro

Wenn die EZB nur begrenzt handeln kann, bleibt Brüssel ein ungenutztes Instrument.

Der Goldman-Sachs-Ökonom Filippo Taddei schätzt, dass rund 80 Milliarden Euro aus dem europäischen Wiederaufbaufonds bis zum Fristende zum Jahresende voraussichtlich nicht abgerufen werden.

Dieser Spielraum ließe sich umwidmen. Ein Vorbild gibt es: 2022 schuf die EU mit REPowerEU ein eigenes Programm, indem sie die Verordnung zum Wiederaufbaufonds per Mehrheitsbeschluss änderte.

Taddei plädiert dafür, denselben Weg nun für die Modernisierung der Netze zu nutzen. Eine Umwidmung, schreibt er, würde „das europäische Stromnetz verbessern, das unter den großen Wirtschaftsregionen noch immer das älteste ist“.

Fazit: Steuert Europa offen auf eine Rezession zu?

Die PMI-Daten für April zeichnen noch kein klares Bild einer Rezession.

Ein Rückgang um 0,1 Prozent im Quartal ist ein Stolpern, kein Absturz. Der IWF erwartet für 2026 weiterhin ein Wachstum von 1,1 Prozent.

Doch die Richtung, das Tempo der Verschlechterung und der Inflationsdruck ergeben zusammengenommen ein Bild, von dem viele europäische Entscheidungsträger glaubten, sie hätten es hinter sich gelassen.

Neu seit März: Die Umfragewerte beschreiben kein mögliches Risikoszenario mehr, sondern den aktuellen Zustand.

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