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Flüstern der Steine, Kleber des 21. Jahrhunderts: Sagrada Família vollendet ihr Wunder

Mehrere Priester versammeln sich an der Sagrada Familia; León XIV segnet am zehnten Juni 2026 den zentralen Turm Jesu Christi.
Mehrere Priester versammeln sich an der Sagrada Família. Leon XIV. segnet am zehnten Juni 2026 den zentralen Turm Jesu Christi. Copyright  AP/Emilio Morenatti
Copyright AP/Emilio Morenatti
Von Maria Muñoz Morillo & Jesús Maturana
Zuerst veröffentlicht am
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Ein neuartiges modulares Bausystem und 24 Tonnen eines Hochleistungs-Klebstoffs von Henkel verkürzen die Bauzeit um ein halbes Jahrhundert. Nach mehr als 140 Jahren Bauzeit wird die Sagrada Família von Gaudí noch in diesem Jahr fertig.

Es gibt Projekte, die dem Lauf der Zeit trotzen. Und dann gibt es die Sagrada Família. Im Herzen Barcelonas wird das Lebenswerk von Antoni Gaudí seit mehr als 140 Jahren gebaut. Den früh verstorbenen Architekten schien das kaum zu stören; berühmt ist sein Satz „Mein Auftraggeber hat es nicht eilig“, womit er Gott meinte.

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Doch in diesem Jahr, nach Unfällen, Verzögerungen, einer Pandemie und unzähligen Rückschlägen, könnte man die Basilika erstmals ohne die mittlerweile typischen Gerüste fotografieren.

Das Heiligtum des Kesselschmiedssohns, ein Bau voller Details und Geheimnisse, erlebt eine doppelte, beinahe magische Fügung: 100 Jahre seit dem tragischen Tod seines Schöpfers (1926 von einer Straßenbahn überfahren) und der Besuch von Papst Leo XIV. mit der Krönung des Turms Jesu. Dadurch ist die Basilika nun das höchste Gotteshaus der Welt: Der Turm ragt 172,5 Meter in den Himmel und übertrifft offiziell die Spitze des Münsters im deutschen Ulm.

Hinter diesem Meilenstein, der Glaube, Mystik und Kunst verbindet, steht eines der faszinierendsten Bündnisse der Baugeschichte: das Zusammenspiel aus geometrischen Entwürfen des 19. Jahrhunderts und modernster Chemie des 21. Jahrhunderts. Gaudí hätte das wohl begeistert. Der geniale Baumeister wusste allerdings genau, dass künftige Generationen sein großes Werk vollenden würden.

Fassade der Sagrada Família.
Fassade der Sagrada Família. María Muñoz Morillo

Mystik in Stein gemeißelt

Die Sagrada Família liest man nicht mit den Augen, man entschlüsselt sie mit der Seele. Gaudí, ein gläubiger Katholik, der auf dem Weg zur Seligsprechung ist, entwarf keine einfache Kirche, sondern meißelte eine steinerne Bibel, die durch organische Formen und versteckte Botschaften spricht. Der Bau besitzt zwölf Türme als Symbol für die zwölf Apostel, der Grundriss steht für den Leib Christi, jede Fassade erzählt einen anderen Abschnitt aus dem Leben Jesu – von der Geburt bis zur Passion.

Wer die Passionsfassade genau betrachtet, entdeckt dort auch ein kleines Denkmal an den katalanischen Meister selbst: Sein Gesicht ist in einer der Figuren verewigt.

Etwas höher oben durchbricht der gekreuzigte Jesus jede Erwartung: Er erscheint nackt, und anstelle eines klassischen Hauptes sieht man die geometrische Form eines aufgeschlagenen Buches – ein starkes Bekenntnis für viele Gläubige. Gaudí stellte sich einen „Katechismus aus Stein“ vor, ein Buch, das die Menschen mit den Augen lesen können.

Rückfassade der Sagrada Família mit einem gekreuzigten Christus. Unten links ein Bildnis Gaudís und eines Soldaten, der George Lucas zu den „Star Wars“-Sturmtruppen inspirierte.
Rückfassade der Sagrada Família mit einem gekreuzigten Christus. Unten links ein Bildnis Gaudís und eines Soldaten, der George Lucas zu den „Star Wars“-Sturmtruppen inspirierte. María Muñoz Morillo

Gaudí widmete 43 Jahre seines Lebens diesem Projekt und formte viele Skulpturen nach lebenden Modellen. In seinen letzten zwölf Jahren lebte er ganz für die Sagrada Família, lehnte andere Aufträge ab und suchte unermüdlich nach privaten Geldgebern. Öffentliche Mittel gab es nicht, die Gläubigen finanzierten den Bau.

„Star Wars“ und die Legende vom heiligen Georg und dem Drachen

Die gotische, von der Natur inspirierte Mystik des Tempels wirkt überwältigend: Im Inneren erinnert das Gewölbe an einen Wald, in dem farbiges Licht durch die Fenster auf die Säulen fällt. Seine Anziehungskraft reicht bis in die Popkultur. Die Stadtführer erzählen gern von der Verbindung zwischen Gaudí, Barcelona und „Star Wars“. Demnach fand George Lucas die Vorlage für die Helme seiner Sturmtruppen in der Darstellung eines römischen Soldaten an dieser Rückfassade.

„Die schraubenförmigen Formen sind unendlich und steigen unaufhörlich zum Himmel, so wie die Ewigkeit und das geistliche Leben der Seelen, die zu Gott, dem unendlichen Sein, aufblicken. So sollen die Pfeiler der Sagrada Família sein.“
Antoni Gaudí

Eine weitere Kuriosität, die sich in den Mauern verbirgt, ist die Legende vom heiligen Georg und dem Drachen. Im Inneren des Baus sieht man den Heiligen, umgeben von den weißen Wellenformen des Drachen, der im Hintergrund der Basilika angedeutet ist.

Der heilige Georg im Inneren der Sagrada Família; die weißen Wellen ringsum stellen den Drachen der Legende dar.
Der heilige Georg im Inneren der Sagrada Família; die weißen Wellen ringsum stellen den Drachen der Legende dar. María Muñoz Morillo.

Der größte aktuelle Meilenstein des Tempels richtet den Blick bereits in den Himmel. In der vergangenen Woche besuchte Papst Leo XIV. Barcelona, um den imposanten Turm Jesu zu segnen, die zentrale Achse des Komplexes.

Papst Leo XIV. zelebriert am Mittwoch, dem 10. Juni 2026, eine Messe in der Sagrada Família in Barcelona, Spanien.
Papst Leo XIV. zelebriert am Mittwoch, dem 10. Juni 2026, eine Messe in der Sagrada Família in Barcelona, Spanien. AP/Bernat Armangue
Geistliche versammeln sich rund um die von Antoni Gaudí entworfene Basilika der Sagrada Família, während Papst Leo XIV. am 10. Juni 2026 den zentralen Turm Jesu segnet.
Geistliche versammeln sich rund um die von Antoni Gaudí entworfene Basilika der Sagrada Família, während Papst Leo XIV. am 10. Juni 2026 den zentralen Turm Jesu segnet. AP Photo/Emilio Morenatti

Im Inneren des Turms wartet ein eindrucksvolles Bild: ein makelloses Kristalllamm des italienischen Künstlers Andrea Mastrovito. Es filtert das warme Mittelmeerlicht und verwandelt den Raum in ein Leuchtfeuer der Spiritualität. Ab 2027 soll der Turm als begehbare Aussichtsplattform für die Öffentlichkeit zugänglich sein und damit zum höchsten Aussichtspunkt Barcelonas werden.

Ansicht des Kristalllamms im Inneren des Turms Jesu der Sagrada Família.
Ansicht des Kristalllamms im Inneren des Turms Jesu der Sagrada Família. Sagrada Familia

Puzzle der Giganten: Stein, Stahl und unsichtbare Chemie

Gaudí wusste, dass ihm die Zeit nicht reichen würde, um das großartige Bauwerk zu vollenden, das er Katalonien hinterlassen wollte. Deshalb hinterließ er Modelle und genaue Anweisungen und vertraute darauf, dass spätere Generationen die Sagrada Família zu Ende bauen würden.

Doch das Schicksal meinte es hart mit ihm: Eine Straßenbahn erfasste ihn im Alter von 73 Jahren. Zeitzeugen berichten, wie sich auf der Gran Via zwei Straßenbahnen kreuzten. Der aus Tarragona stammende Architekt wich der einen noch aus, wurde aber von der anderen erfasst – nur wenige Meter von seinem geliebten Bau entfernt. Das Projekt ging danach auf seine engsten Mitarbeiter über.

Seit seinem Tod hat eine lange Reihe von Architektinnen und Architekten den Stab übernommen und jeweils ein Stück ihrer eigenen Handschrift in eines der berühmtesten Gebäude der Welt eingebracht. Sie standen vor der größten statischen Herausforderung in der Geschichte der Basilika: sechs zentrale hyperbolische Türme zu errichten, die Wind, Erdbeben und das Gewicht eines 17 Meter hohen Kreuzes tragen können – den Turm Jesu.

Detailansicht des Turms Jesu der Sagrada Família.
Detailansicht des Turms Jesu der Sagrada Família. Jesús Maturana

Wie ließ sich ein scheinbar endloser Bau beschleunigen?

Die Antwort liefert die moderne Ingenieurkunst: ein Hightech-Klebstoff, den Henkel nach rund zehn Jahren Forschung und Tests entwickelt hat.

Schritt 1: Modulbauweise

Statt Stein für Stein in schwindelerregender Höhe zu versetzen, teilten die Planer die Türme in ein riesiges Puzzle aus 826 Modultafeln und über 2.100 Steinteile auf, die bereits im Steinbruch vorgefertigt werden.

Schritt 2: Unlösbare Verbindung

Damit Stein und Stahl wie ein einziger kompakter Block wirken, tragen die Ingenieurinnen und Ingenieure im flüssigen Zustand den strukturellen Hochleistungsklebstoff Loctite EA 9497 auf, entwickelt vom deutschen Unternehmen Henkel mit Werk in Montornès del Vallès. Pro Panel kommen etwa 30 Kilogramm Zweikomponenten-Epoxidharz zum Einsatz.

Schritt 3: Kontrollierte Wärmehärtung und 24 Stunden Ruhe

Die Tafeln durchlaufen anschließend einen 24-stündigen Aushärtungsprozess unter stabilen Temperaturbedingungen. Der Klebstoff härtet aus, füllt jede mikroskopische Vertiefung und verbindet Metall und Stein dauerhaft.

Schritt 4: Endmontage in der Höhe

Die ultrafesten Tafeln gelangen dann zum Tempel und werden Ebene für Ebene sauber und millimetergenau montiert – wie ein Bauspiel im monumentalen Maßstab.

Der Klebstoff, der beim Bau des Turms Jesu der Sagrada Família eingesetzt wird.
Der Klebstoff, der beim Bau des Turms Jesu der Sagrada Família eingesetzt wird. Jesús Maturana.

Diese modulare Bauweise, ermöglicht durch die Klebetechnik, hat den Fortschritt bis zu zehnmal beschleunigt im Vergleich zu herkömmlichen Methoden. Was in nur acht Jahren entstand, hätte mit klassischer Bauweise zwischen 50 und 60 Jahren gedauert, erklärt Begoña Cantera, die Projektverantwortliche. Ein Zeitgewinn von gut einem halben Jahrhundert, der das Wunder möglich machte, die zentralen Türme pünktlich zum hundertsten Todestag des Meisters fertigzustellen.

Für Zeit und Stadt gerüstet: der unsichtbare Held, der die Türme trägt

Die gewaltige Struktur besticht nicht nur durch ihre Originalität und ikonische Schönheit, sondern auch durch ihre unsichtbare Widerstandskraft. Insgesamt kamen 24 Tonnen Klebstoff in einer Konstruktion zum Einsatz, die einem extremen Umweltstress ausgesetzt ist. Barcelona ist eine lebendige, für historischen Stein jedoch harte Stadt, denn das Bauwerk muss mit schwierigen Bedingungen fertigwerden:

  • Meeresnähe: Nur 2,5 Kilometer vom Mittelmeer entfernt ist die Basilika ständig salzhaltiger Luft ausgesetzt, die die Korrosion von Stahl beschleunigt.
  • Hohe Luftfeuchtigkeit: Mit einer relativen Luftfeuchtigkeit zwischen 65% und 75% stehen die Materialien permanent unter Druck.
  • Temperaturschwankungen: Der Unterschied zwischen etwa 5°C im Winter und über 30°C im Sommer führt zu ständigen Ausdehnungs- und Schrumpfungszyklen.
  • Städtische Vibrationen: Unter den Fundamenten des Tempels verlaufen täglich zwei U-Bahn-Linien, deren Erschütterungen sich auf die Struktur übertragen.

Das eigens für dieses Projekt entwickelte Harz fängt die Mikrobewegungen zwischen Stahl und Stein auf, ohne zu reißen. Das Ergebnis ist eine fast übermenschliche Belastbarkeit: Die verbundene Struktur hält Lasten stand, die 100.000 Menschen pro Quadratmeter entsprechen – in etwa dem Gesamtgewicht des Publikums im Stadion des FC Barcelona. Diese unsichtbare Robustheit hält das Kreuz stabil und sicher, das den Turm Jesu krönt.

Antoni Gaudí hat die Vollendung seines Lebenswerks nicht mehr erlebt. Doch er hat das Privileg, in der Krypta des Tempels zu ruhen, der seine Seele geprägt hat.

Der Architekt konzipierte die Basilika so, dass sie die Höhe des Montjuïc respektiert, überzeugt davon, dass menschliches Schaffen die Natur nie überragen sollte. Heute erreicht die Sagrada Família mit 172,5 Metern architektonischer Genialität beinahe den Himmel der sakralen Baukunst. Möglich wurde das nicht mit Methoden vergangener Zeiten, sondern weil sich tief verwurzelte Tradition und modernste Wissenschaft verbündet haben. So werden Träume, die einst unerreichbar schienen, zu einer dauerhaften Wirklichkeit aus Stein, Glas und Harz.

Cutter • Juan Isidro Montero Garcia

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