Um das Leder herzustellen, nutzten Forschende fossile T-Rex-Kollagenfragmente und rekonstruierten per KI und Computermodellen den fehlenden genetischen Code.
Was wäre, wenn Luxusleder gar nicht von Tieren käme, sondern von einem Wesen, das vor 68 Millionen Jahren ausgestorben ist?
Euronews Culture hat Dimitri Guerassimov, Global Chief Creative Officer bei VML, beim diesjährigen Cannes Lions International Festival of Creativity getroffen. Dort gewann das Team hinter T-Rex Leather insgesamt vier große Preise. Darunter Gold-, Silber- und Bronze-Löwen in den Kategorien PR, Innovation und B2B.
T-Rex Leather ist ein weltweit einzigartiges Biomaterial-Projekt. Lab-Grown Leather Ltd hat es gemeinsam mit VML und weiteren Partnern entwickelt. Grundlage ist rekonstruertes Dinosaurierkollagen, das mit moderner Biotechnologie zu einem im Labor gezüchteten Lederersatz verarbeitet wird.
Die erste Anwendung des Materials ist eine einzigartige Luxus-Handtasche.
Wir haben mit Dimitri über die Idee hinter dem Projekt gesprochen. Über die Rolle von KI und synthetischer Biologie bei der Rekonstruktion prähistorischer Proteine. Und darüber, warum das Team glaubt, dass dieser Durchbruch das Design der Zukunft prägen könnte.
Euronews Culture: Erzählen Sie uns von diesem T-Rex-Leder. Das klingt äußerst spannend.
Dimitri Guerassimov: Uns ist gelungen, ein Leder aus T-Rex-Kollagen herzustellen. Das Kollagen stammt aus den Überresten des ersten T-Rex, der in Montana entdeckt wurde. Der Weg dorthin war lang, ein zweijähriger Prozess. Wir haben KI und Gentechnik kombiniert, um das Material zu rekonstruieren, denn ein Teil der Daten lag vor, ein anderer Teil fehlte. Diese Lücken mussten wir schließen.
Aus diesem Kollagen entsteht im Labor gezüchtetes Leder. Die erste konkrete Umsetzung ist eine Tasche, die wir im April in Amsterdam vorgestellt haben.
Wow. Das klingt unglaublich faszinierend und sehr nach Jurassic. Was hat Sie zu diesem Projekt inspiriert? Und warum ausgerechnet eine Handtasche?
Wir sind eine Branche, die Dinge verkauft. Gleichzeitig versuchen wir, ein Gewissen zu haben. Jede und jeder von uns hat persönliche Anliegen. VML verfolgt innerhalb von WPP oft einen eigenen Ansatz, wenn wir über Probleme in verschiedenen Branchen nachdenken. Wir suchen Lösungen, die möglichst nachhaltig sind und neue Wege eröffnen.
Hier ergab sich eine besondere Chance. Die Branche für im Labor gezüchtetes Leder tut sich schwer, zu wachsen. Viele vergleichen die Materialien mit Rindsleder und sehen sie nur als Nebenprodukt, nicht als eigenständige Kategorie. Also haben wir beschlossen, ein Leder zu entwickeln, das sich jedem Vergleich entzieht. Ein Material mit eigener Identität, auf der einen Seite wissenschaftlich fundiert, auf der anderen Seite mit einer starken Geschichte aufgeladen.
Damit haben wir aus einem vermeintlichen Nebenprodukt ein kostbares Leder gemacht. Das Unternehmen dahinter, Lab-Grown Leather, stellt jetzt komplett auf T-Rex Leather um und gibt andere Projekte auf. Nach unserer Kampagne ist die Zahl potenzieller Kundinnen, Kunden und Kooperationen so groß, dass sie sich ganz darauf konzentrieren. Wir werden das Projekt hochskalieren, und es hat das Potenzial, richtig groß zu werden. Darüber freuen wir uns sehr.
Welche Rolle spielte künstliche Intelligenz in diesem Prozess?
Tatsächlich war sie absolut zentral. Im Kern handelt es sich um eine datengetriebene Innovation. Um die fehlenden Teile des Kollagens zu rekonstruieren, braucht man KI. Darüber hinaus gibt es weitere Schritte, die ich fachlich nicht im Detail erläutern kann. Ein wichtiger Teil besteht aber darin, dass die KI die fehlenden Sequenzen vorhersagt und ergänzt, so nah wie möglich an dem, was ursprünglich vorhanden war.
Das war die größte Hürde. Ohne diese Technologie wäre das Projekt unmöglich gewesen. Die Idee ist übrigens deutlich älter als das laufende Jahr. Lange Zeit war die KI noch nicht leistungsfähig genug, um sie umzusetzen, deshalb haben wir zunächst ein anderes Projekt realisiert. Jetzt konnten wir T-Rex Leather endlich veröffentlichen.
Alle stehen derzeit vor der Herausforderung, manche auch vor der vermeintlichen Bedrohung, die KI mit sich bringt. Sie als Kreativer sind besonders betroffen. Wie verändert das Ihre tägliche Arbeit?
Die meisten Werkzeuge, die wir heute als KI bezeichnen, sind im Grunde Vorhersagealgorithmen, die mit bereits vorhandenen Daten sehr gut umgehen. Es ist ein bisschen wie eine Suchmaschine mit zusätzlichen Funktionen. Ersetzen können sie das, was wir als Kreative tun, aber überhaupt nicht. Für mich ist KI ein großartiges Hilfsmittel, ein Vereinfacher. Vieles lässt sich schneller ausprobieren und in einer Art nutzen, die unsere Arbeit verstärkt, statt sie zu bedrohen.
Im Moment ist KI für mich vor allem ein spannendes Werkzeug. Wir müssen erst noch sehen, wo ihre Grenzen liegen. Und derzeit bleiben Menschen Menschen. Es ist großartig, wenn Menschen Inhalte für Menschen entwickeln. Daran glaube ich. Vielleicht ist das Wunschdenken, aber bisher sehe ich keine Anzeichen für das Gegenteil.