Hitzeextreme mit bis zu 40 Grad treffen in den nächsten Tagen sonst kühle EU-Staaten; Fachleute warnen vor Überlastung von Kliniken und Schulen.
Rekordtemperaturen haben in dieser Woche weite Teile Westeuropas aufgeheizt. Die jüngste Hitzewelle des Jahres steuert auf ihren Höhepunkt zu.
In Frankreich ist die Zahl der Ertrunkenen stark gestiegen. Viele Menschen suchen Abkühlung in Flüssen und Kanälen. Zugleich waren Tausende Haushalte im nordwestlichen Département Finistère zeitweise ohne Strom, nachdem die extreme Hitze dort eine Störung ausgelöst hatte.
Das Land erlebte am Dienstag, dem 23. Juni, den heißesten Tag seit Beginn der Messreihen. Der nationale Wetterdienst Météo-France registrierte in Possos glühende 44,3 °C. Auch andere Regionen unter roter Wetterwarnung stöhnten unter nie dagewesenen Höchstwerten.
Im Vereinigten Königreich stellen sich die Menschen auf Höchstwerte von bis zu 38 °C ein. Bereits jetzt hat das Land seinen heißesten Junitag seit Beginn der Aufzeichnungen erlebt, mit Temperaturen von 36,1 °C. Hunderte Schulen blieben geschlossen, weil Behörden befürchten, dass Kinder in den überhitzten Gebäuden nicht sicher sind.
In Spanien sollen die Temperaturen leicht zurückgehen. Nach Tagen mit bis zu 44 °C, die am Dienstag den Süden Andalusiens verbrannten, ist das eine dringend benötigte Atempause. Sommerliche Wärme bleibt jedoch bestehen.
Meteorologinnen und Meteorologen warnen jedoch: Die Hitzeglocke über Westeuropa verlagert sich bald nach Osten, in Länder, die auf extreme Temperaturen noch schlechter vorbereitet sind.
Hitzewelle verlagert sich nach Osten
Nach den jüngsten Prognosen von WFY24 (Quelle auf Englisch) steigen die Temperaturen am Wochenende in Budapest auf bis zu 40 °C und in Prag auf 39 °C. Das liegt rund 15 Grad über einem durchschnittlichen Junitag.
Auch Bratislava in der Slowakei muss mit Höchstwerten von bis zu 39 °C rechnen, das sind 17 Grad mehr als üblich. In der Donautiefebene in Bulgarien könnten die Werte am Sonntag, dem 28. Juni, sogar 41 °C erreichen.
In all diesen Regionen stehen am Wochenende sogenannte Tropennächte bevor. Dann sinkt die Temperatur innerhalb von 24 Stunden nicht unter 20 °C.
Hält Mitteleuropa der Hitzewelle stand?
Die Hitzewelle in Westeuropa hat bereits weitreichendes Chaos und Dutzende Todesfälle verursacht – obwohl Mittelmeerländer seit Jahren versuchen, sich auf solche Extreme vorzubereiten.
Spanien verfügt inzwischen über eines der weltweit größten Netze an Klimaschutzräumen. Dort können besonders gefährdete Menschen sich abkühlen und mit Wasser versorgen.
Das Land hat außerdem die Regeln für Arbeit im Freien verschärft, um Beschäftigte besser zu schützen. Die Siesta-Kultur verschafft zusätzlich eine Pause in den heißesten Stunden des Tages.
In Frankreich geht Paris gezielt gegen den städtischen Wärmeinseleffekt vor, bei dem Städte deutlich heißer bleiben als ihr Umland. Die Stadt entfernt dafür Beton und Asphalt, die sich stark aufheizen, von ihren Straßen.
Nach Angaben der International Union for Conservation of Nature (IUCN) wurden in Paris seit 2020 mehr als 100.000 Bäume gepflanzt, darunter 40.000 allein im Winter 2023. Sie spenden der Bevölkerung mehr lebenswichtigen Schatten.
Große Teile Mittel- und Osteuropas sind wegen ihres bislang eher kühlen Klimas jedoch kaum gegen solche Hitze gerüstet.
„Die gemauerten Altbaukerne aus der Vorkriegszeit und die Plattenbauten aus der kommunistischen Ära in Mitteleuropa haben eine sehr hohe Wärmespeicherkapazität, wurden aber nie dafür ausgelegt, sommerliche Hitze wieder abzugeben“, sagt Ioanna Vergini, Gründerin von WFY24, gegenüber Euronews Earth.
„Bei wenig Verschattung, kaum Lüftung und ohne Kühlung nehmen diese Bauten tagsüber Wärme auf und geben sie bis tief in die Nacht in die Wohnungen ab. Dachwohnungen trifft es am schlimmsten, und diese Plattenbauten gelten immer wieder als einer der hitzeanfälligsten Wohnungstypen in der Region.“
Klimaanlagen, die bei Hitzeperioden Leben retten können, sind in Mitteleuropa viel seltener als in sonnigeren Mittelmeerländern – sogar im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, wo sie ebenfalls noch nicht sehr verbreitet sind.
„Für die meisten Haushalte in Mitteleuropa besteht die einzige Entlastung darin, nachts die Fenster zu öffnen – und genau diese Entlastung fällt bei dieser Wetterlage weg“, erklärt Vergini.
Tropennächte nehmen den Menschen in Europa die Möglichkeit, nach Sonnenuntergang vor der Hitze zu fliehen. Der Körper kann sich in der Nacht kaum noch erholen.
„Heiße Nächte sind ein eigenständiger Treiber für hitzebedingte Todesfälle in europäischen Hitzewellen“, ergänzt Vergini. „Sie wirken zusätzlich zu den Spitzenwerten am Tag, nicht erst als deren Folge. Neue Forschung zeigt, dass gerade diese Kombination aus extremer Hitze bei Tag und Nacht besonders gefährlich ist.“
Folgen der Extremhitze
In Bulgarien, Ungarn und Tschechien drohen Krankenhäuser und Rettungsdienste nun an ihre Grenzen zu kommen. Bei extremer Hitze steigt die Nachfrage nach medizinischer Hilfe erfahrungsgemäß deutlich an.
Wie im Vereinigten Königreich könnten auch dort Schulen und öffentliche Einrichtungen ohne Kühlung schließen oder ihre Öffnungszeiten anpassen müssen.
„Baustellen und landwirtschaftliche Arbeit in den Donau-Ebenen sowie das Schienennetz sind die üblichen Schwachstellen im Betrieb“, warnt Vergini.
„Hitze führt zu Geschwindigkeitsbegrenzungen und bringt ein Risiko durch sich verziehende Schienen mit sich, wenn die Gleise sich stark aufheizen. Mehrere Bahnbetreiber in Mitteleuropa haben für diese Phase bereits spezielle Hitzemaßnahmen angekündigt.“