In den Marmorbrüchen von Carrara verändert KI ein jahrhundertealtes Handwerk: Roboter fräsen komplexe Skulpturen. Wo endet das Handwerk, wo beginnt die Kunst?
Roboterarme fräsen komplexe Skulpturen aus Marmorblöcken. Spezielle Software übersetzt digitale Entwürfe in präzise Anweisungen für die Maschinen.
Die Technologie entsteht bei den italienischen Firmen LITIX und ROBOTOR. Sie sagen, Marmorbildhauerei könne so einem größeren Publikum zugänglich werden.
„Das Ziel ist, aus einer Idee etwas entstehen zu lassen, auch wenn man nicht die Fertigkeit besitzt“, sagt Giacomo Massari, Gründer und Geschäftsführer von LITIX und ROBOTOR.
Ein digitales Bild lässt sich in eine 3D-Datei umwandeln. Die Software erstellt daraus die Werkzeugwege für den Roboter. Die Maschine übernimmt dann den Großteil der Arbeit, Fachkräfte verfeinern anschließend die Skulptur.
Neue Rolle für Bildhauer
In Carrara reagieren traditionelle Bildhauer unterschiedlich auf die Roboter. Einige sind skeptisch, weil Maschinen Arbeiten übernehmen, die bisher jahrelange Ausbildung verlangt haben.
„Man tötet keinen Beruf, man entwickelt ihn weiter“, sagt Massari. Nach seinen Angaben kann der Roboter bis zu 99% des Fräsens erledigen. Kunsthandwerker konzentrieren sich dann auf die letzten Details.
Das Unternehmen betont außerdem, dass die Arbeit mit Marmor sicherer und körperlich weniger belastend werden kann.
Die Debatte dreht sich jedoch nicht nur um Arbeitsplätze. Wenn Maschinen digitale Ideen direkt in physische Objekte übersetzen, müssen Künstler neu definieren, was der kreative Akt eigentlich ist.
Algorithmische Bildhauerei
Der italienische Künstler Davide Quayola (Quelle auf Englisch) arbeitet selbst mit Algorithmen und Robotern.
Er sieht den Roboter nicht als eigenständigen Schöpfer, sondern als Verlängerung seiner künstlerischen Geste.
„Ich habe das Gefühl, vollständig die Kontrolle zu behalten“, sagt er. Quayola nennt seinen Ansatz „algorithmische Bildhauerei“.
Er erklärt, dass er und sein Studio die Bewegungen der Maschine programmieren. Der Roboter wird damit Teil des Entstehungsprozesses des Kunstwerks. Für Quayola ist diese Unterscheidung entscheidend: Die Maschine erledigt die körperliche Arbeit, der Künstler legt fest, wie sie arbeitet und was das fertige Werk ausdrücken soll.
Die Zukunft des Marmors
Carrara steht seit Langem für traditionelles Handwerk und den weißen Marmor, den einige der bedeutendsten Bildhauer der Geschichte verwendet haben.
Heute entsteht aus demselben Material Kunst mit Technologien, die frühere Generationen von Künstlern sich nicht hätten vorstellen können.
Das bedeutet nicht zwangsläufig das Ende des traditionellen Handwerks.
Die Rolle des Bildhauers verschiebt sich jedoch immer stärker: weg vom reinen Herausarbeiten des Steins, hin zu Entwurf, Programmierung und Feinschliff des fertigen Werks.
Während Roboter immer mehr Schritte übernehmen, bleibt eine Frage offen: Wo endet die Arbeit der Maschine und wo beginnt die Kunst des Menschen?