Deutschland legt als drittes Land Europas nationalen Fahrplan für den Abschied von fossilen Energien vor, doch Fachleute halten die Ziele für unzureichend.
Deutschland hat einen Fahrplan vorgelegt, der die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bis 2045 beenden soll. Es ist damit das dritte Land in Europa, das einen solchen Schritt ankündigt.
Auf dem UN-Klimagipfel COP28 2023 hatten sich fast zweihundert Staaten verpflichtet, nach und nach aus Kohle, Öl und Gas auszusteigen. Das deutsche Umweltministerium erklärte gestern (23. September), dass bisher aber nur wenige Länder konkrete Pläne vorgelegt haben.
Der Abschied von fossilen Energien sorgte auch bei den COP30-Verhandlungen im vergangenen Jahr in Belém für heftige Debatten, obwohl das Thema gar nicht offiziell auf der Tagesordnung stand. Mehr als 90 Staaten unterstützten damals die Idee eines Fahrplans, mit dem jedes Land eigene Ziele für den Ausstieg festlegen kann.
In den letzten Stunden des Gipfels strichen die Verhandler jedoch sämtliche Hinweise darauf aus dem Abschlussdokument. Mehrere große, ölproduzierende Staaten, sogenannte Petro-Staaten, hatten den Vorstoß blockiert.
Deutschland: Ausstieg aus fossilen Energien bis 2045
Deutschland, Europas größte Volkswirtschaft, will nun den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben und stärker auf Elektrofahrzeuge setzen.
Außerdem will die Regierung den Emissionshandel der Europäischen Union nutzen, um Industrieunternehmen von fossilen Energieträgern wegzubringen.
Umweltminister Castern Schneider verweist auf den Krieg gegen Iran, der die Preise für Öl und Gas in die Höhe getrieben hat. Das zeige, warum die Welt sich von fossilen Energieträgern verabschieden müsse.
„Nicht nur die extremen Wetterereignisse weltweit zeigen, wie dringend wir mehr für den Klimaschutz tun müssen“, ergänzt er.
„Wenn die Lage in der Straße von Hormus darüber entscheidet, ob Menschen sich noch den täglichen Weg zur Arbeit leisten können, ist das kein guter Zustand.“
„Ein Fahrplan ist nur der Startpunkt“
Der deutsche Fahrplan folgt auf den Klimagipfel des UN-Generalsekretärs. António Guterres forderte dort alle Regierungen auf, offizielle nationale Pläne für den Ausstieg aus fossilen Energien zu beschließen – mit klaren Zeitvorgaben und im Einklang mit dem Pariser Abkommen.
„Wenn wir den Wechsel von Kohle, Öl und Gas zu sauberen erneuerbaren Energien beschleunigen, stärkt das die Energieunabhängigkeit und schützt Verbraucherinnen und Verbraucher in einer kritischen Phase vor Preisschocks“, sagt Jennifer Morgan, frühere deutsche Klima-Sonderbeauftragte.
„Ein Fahrplan ist jedoch nur der Startpunkt. Damit er wirklich etwas bewirkt, braucht es einen schnelleren, entschlosseneren und fair gestalteten Ausstieg, verbunden mit dem Ausbau grüner Elektrifizierung.“
Wie steht der Rest Europas da?
Frankreich war Anfang dieses Jahres das erste europäische Land, das einen Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorlegte. Die Regierung will ihre Abhängigkeit von klimaschädlichem Öl und Gas bis 2050 beenden – ein weniger ehrgeiziges Ziel als das Deutschlands.
Laut Fahrplan sollen die letzten beiden Kohlekraftwerke Frankreichs bis 2027 vom Netz gehen. Außerdem sollen bis 2030 zwei von drei neu verkauften Autos elektrisch fahren. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur sowie mehr E-Busse und elektrisch betriebene Lastwagen sollen dieses Ziel unterstützen.
Auch die Niederlande haben Anfang dieses Monats im Rahmen ihres neuen Nationalen Energiesystemplans eine nationale Strategie für den Abschied von fossilen Energien vorgestellt. Ein verbindliches Enddatum für deren Nutzung fehlt jedoch.
„Die Ziele in den Fahrplänen von Frankreich, den Niederlanden und Deutschland reichen dennoch nicht aus, um die Energiesicherheit deutlich zu verbessern und die Abhängigkeit von volatilen und teuren fossilen Importen zu verringern“, sagt Linda Kalcher vom europäischen Thinktank Strategic Perspectives.
Laurie Van Der Burg von der Organisation Oil Change International meint, Deutschland verdiene Anerkennung für sein Bekenntnis zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.
„Doch der Anspruch der Bundesregierung, als Klimavorreiter aufzutreten, wird weder der Realität der Krise noch ihrer Verantwortung als wohlhabender historischer Großemittent gerecht“, fügt sie hinzu.
„Wenn es Deutschland ernst ist mit Wohlstand, Energiesicherheit und bezahlbaren Preisen, muss das Land die Finanzierung fossiler Projekte beenden, seinen nationalen Fahrplan verschärfen und öffentliche Gelder in eine widerstandsfähige und erschwingliche erneuerbare Energiezukunft umlenken.“