Eilmeldung
This content is not available in your region

Testen - der Weg, um künftige Pandemien zu bekämpfen

euronews_icons_loading
Testen - der Weg, um künftige Pandemien zu bekämpfen
Copyright  euronews
Schriftgrösse Aa Aa

Wir wissen, dass das neue Coronavirus aus dem Tierreich hervorgegangen ist. Aber es gibt viele unbeantwortete Fragen. Was sind die Ursprünge von Covid-19? Sollten wir uns auf die nächste Pandemie vorbereiten? Thema dieser Unreported Europe-Folge.

Was wissen wir über das aktuelle Coronavirus?

In den vergangenen Monaten haben wir eine außergewöhnliche Pandemie erlebt, die durch ein mysteriöses Virus aus dem Tierreich ausgelöst wurde. Niemand weiß wirklich genau, woher es stammt. Was wissen wir bisher über das Coronavirus? Sollten wir uns auf die nächste Pandemie vorbereiten? Euronews-Reporter Jeremy Wilks macht sich auf Spurensuche.

Die erste Frage ist, ob das Virus wirklich von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Antworten darauf gibt es am Schweizerischen Institut für Virologie und Immunologie. Das Institut in der Nähe von Bern war eine der ersten Einrichtungen in Europa, die eine Lebendprobe des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 erhalten hatte. Innerhalb weniger Wochen stellte man eine künstliche Kopie davon her:

Professor Christian Griot ist der Leiter des Instituts für Immunologie und Virologie des Bundes in Mittelhäusern bei Bern. Es ist das einzige Hochsicherheitslabor in der Schweiz, in welchem hochansteckende Tierseuchen (z.B. Maul- und Klauenseuche oder Schweinepest) diagnostiziert und erforscht werden können. Und man arbeitet mit dem neuen Coronavirus:

"Vielleicht kommt es Ihnen in dieser schönen Umgebung etwas seltsam vor, aber ja, wir haben hier das SARS-Virus, das geklonte SARS-Virus, das ist richtig", so Griot.

Klone helfen bei der Impfstoff-Entwicklung

Der Klon ist potenziell genauso tödlich wie das echte Virus, der Zugang zum Hochsicherheitslabor der höchsten Stufe ist verboten. Dort werden Klone hergestellt, weil sie bei der Impfstoff-Entwicklung für neue Viren nützlich sind. Die Schweizer Wissenschaftler nutzten eine innovative Technik, um in nur wenigen Wochen eine Kopie von SARS-CoV-2 herzustellen.

Die Tatsache, dass man ein geklontes Virus hergestellt hat, lässt das nicht auch den Schluss zu, dass vielleicht auch das Original-Virus in einem Labor hergestellt wurde, will der euronew-Reporter von dem Wissenschaftler wissen:

"Es gab Spekulationen darüber, dass es aus einem Labor in Wuhan stammt, einem Labor, das auch an der SARS-Forschung beteiligt ist. Aber meiner Meinung nach sind das nur Spekulationen. Und im Moment gibt es meines Erachtens wirklich keinen handfesten Beweis dafür", sagt Christian Griot.

Woher kommt also das Virus, das Covid-19 verursacht? Der Virologe meint: "Höchstwahrscheinlich stammt das Virus von Fledermäusen und es gab dann ein Erreger-Reservoir oder einem Zwischenwirt - wir wissen nicht, welches Tier der Zwischenwirt war - und dann sprang es auf den Menschen über."

Fledermäuse sind die Hauptverdächtigen

Von Fledermäusen stammte das erste SARS-Virus aus dem Jahr 2002 und das MERS-Virus aus dem Jahr 2012. Auch bei der Suche nach den Ursprüngen von SARS-CoV-2 sind die fliegenden Säugetiere die Hauptverdächtigen.

Fledermäuse haben ein sehr robustes Immunsystem. Sie tolerieren Viren, die andere Tiere töten könnten, erklärt die Epidemiologin Dominique Pontier:

"Das wirklich Überraschende ist, dass die Mehrheit der Tiere asymptomatisch sind. Sie entwickeln keine Symptome - ich denke an Tollwut, ich denke an SARS-CoV-2, ich denke an Ebola, ich denke an Viren wie Nipah, Hendra oder auch an MERS – diese Viren zirkulieren, aber sie scheinen bei Fledermäusen keine Schäden zu verursachen, es gibt keine sichtbaren Auswirkungen", erklärt die Umwelt-Epidemiologin, die an der Universität Lyon 1 arbeitet.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein SARS-CoV-2-ähnliches Virus seit Jahrzehnten in Fledermaus-Populationen existiert. Die Entstehung des neuen Coronavirus geht wahrscheinlich auf anhaltenden Kontakt zwischen ganz unterschiedlichen Arten zurück:

"Irgendwann gibt es bei den Kontakten die richtige genetische Kombination, sowohl für das Virus als auch für den Menschen. Das ist der Moment der Übertragung. Das Virus taucht nicht einfach so auf, mit einem Fingerschnippen. Das ist ein langer Prozess, und normalerweise ist der Mensch die Ursache", erklärt Dominique Pontier.

Die Rolle des Menschen

Am Pariser Nationalmuseum für Naturgeschichte arbeitet der Forscher Alexandre Hassanin daran, genau diesen Prozess zu verstehen - die Rolle von Menschen und anderen Tieren bei der Entstehung von SARS-CoV-2. Einige Gene im neuen Virus weisen auf Pangoline - einem illegal gehandelten Schuppentier, das in der chinesischen Medizin verwendet wird:

"Die Frage ist, wie sich diese Pangoline das Virus eingefangen haben - das ist die eigentliche Frage, wenn man bedenkt, dass diese Viren nur bei Tieren in Gefangenschaft festgestellt wurden, die vom chinesischen Zoll beschlagnahmt wurden. Bisher wurde dieses Virus noch nicht bei Pangolinen in freier Wildbahn nachgewiesen", so der Evolutions-Virologe Alexandre Hassanin.

An diesem Punkt kommt der Mensch ins Spiel: Es gibt die Hypothese, dass aus Südostasien geschmuggelte Schuppentiere auf einem chinesischen Markt von Fledermäusen mit dem Virus infiziert wurden. So einfach ist es aber nicht. Das in Pangolinen gefundene Virus stimmt nur zu 90 Prozent mit dem unter Menschen grassierenden Virus überein. Für eine hundertprozentige Übereinstimmung wären etwa 50 Jahre evolutionäre Anpassung erforderlich:

"Was wir jetzt suchen, ist ein Virus, das dem menschlichen Virus in einem Wildtier sehr nahe kommt. Seltsam ist wiederum, dass alles Richtung Südostasien und auf den äußersten Süden Chinas -, nicht nach Wuhan, hindeutet", so Alexandre Hassanin. "Und die Rolle des Handels mit lebenden Tieren scheint mir ziemlich klar zu sein: Entweder kam das Virus von einem lebenden Tier, das auf einem Markt verkauft oder zumindest in Gefangenschaft gehalten wurde, oder es ging durch ein Labor. Aber in jedem Fall ist der Ursprung der Handel mit lebenden Tieren."

Welche Risiken birgt die Zukunft?

Wie auch immer das neue Coronavirus den Sprung vom Tier zum Menschen geschafft hat: Es stellt sich die Frage, was es über unser Verhältnis zu Tieren aussagt und welche Risiken es in Zukunft gibt.

Um diese Fragen zu beantworten, spricht der euronews-Reporter mit Michel Pépin. Er arbeitet an der Hochschule VetAgro Sup in der Nähe von Lyon. Der Tierarzt betont, dass Coronaviren, oft von Fledermäusen stammend, buchstäblich überall vorkommen:

"Praktisch jede Tierart beherbergt ein Coronavirus - wir wissen, dass man das Virus bei Katzen, Hunden, Schweinen, Rindern und Pferden findet, was Tiere angeht, die uns betreffen."

Den Ursprung von SARS-CoV-2 zu finden, ist wichtig. Denn die Zahl der Viren, die die Artengrenze überwinden und sogenannten Zoonosen sprich Infektionskrankheiten verursachen, ist gestiegen. Ein Grund dafür könnte die Jagd sowie der Handel und Verkauf von Wildtieren in China sein. Aber es gibt noch weitere Faktoren, wie Michel Pépin aufzählt:

"Der Klimawandel wirkt sich zwar aus, er ist aber nicht unbedingt der Hauptfaktor für die Entstehung von Infektionskrankheiten. Es sind in der Tat Bedingungen wie landwirtschaftliche Praktiken, Bewässerung, Abholzung, Kontakt mit Wildtieren, Ökotourismus - der Wunsch der Touristen, der Natur so nahe wie möglich zu kommen -, dass man irgendwann mit Viren in Kontakt kommt, die bisher auf Wildtiere im Wald beschränkt waren."

Aktuell bekämpfen wir SARS-CoV-2 - aber in den nächsten Jahrzehnten könnten es Wissenschaftler mit seinen zukünftigen Verwandten - SARS-CoV-3, SARS-CoV-4 und so weiter - zu tun bekommen:

"Ich glaube, es gibt sehr viele andere Viren, die plötzlich auftauchen können, und auch auf den Menschen überspringen können", so der Schweizer Virologe Christian Griot. "70 Prozent der neu auftretenden Krankheiten sind vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Und sehr viele von ihnen haben schwere Auswirkungen auf den Menschen gezeigt. Also, ja, einige von ihnen sind wirklich tödliche Viren."

Der Weg zur Bekämpfung neu auftretender Krankheiten ist das Testen – den Wissenschaftlern zufolge muss man mehr Viren in mehr Tieren testen, um ein vollständigeres Bild zu erhalten und besser auf die nächste Pandemie vorbereitet zu sein.