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Menschheit quo vadis

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Menschheit quo vadis
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Der Berliner Martin Gropius Bau - hier wird die Kunst geübt, die Zukunft nicht nur zu denken, sondern auch zu fühlen, und zwar ganz und gar nachhaltig. Aktuelles Beispiel ist die Ausstellung "Down to Earth". Unser Euronews-Sommertipp: HIngehen, wenn Sie in der Nähe sind - aber auf gar keinen Fall mit dem Flugzeug nach Berlin reisen...

Die "Neuköllner Pfütze" von Kirsten Pieroth thematisiert - wie auch die Werke von Kader Attia, Andreas Gursky und Jean Painlevé - unseren Planeten als Wasserwelt. Pieroths Pfütze ist ein Wasserfleck, der nie vertrocknet. Das Leben, ein Wunder. Eine miese, kleine, dreckige Neuköllner Wasserpfütze als Existenz-Spiegel, in der sich unser vielleicht doch nicht ganz so un-endliches Universum auf einmal zurückgeholt sieht auf den "Boden der Tatsachen" - der scheinbaren Begrenztheit, der scheinbaren Endlichkeit?

Das Motto der Ausstellung lautet: "Down to Earth". Wie soll man das übersetzen? Einmal ganz davon abgesehen, dass sich die Ausstellungsmacher für eine Expo in Berlin/Deutschland schon die Mühe hätten geben können, einen intelligenten deutschsprachigen Titel zu finden, bietet "Down to Earth" unterschiedliche Assoziationsräume an: Vom wortwörtlichen "Runter zur Erde" im Sinne vom demütigen Bücken hinunter zur Ackerkrume, im Sinne von ackern, pflügen, eggen, nachhaltig wirtschaften..., bis hin zu "Zurück zur Erde" im Sinne einer Perspektivumkehr. Es gilt nicht mehr der Blick des endlichen Menschen nach weit oben in die vemeintliche Unendlichkeit des Alls und der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern der Blick von außerhalb hinab auf unsere Erde, also der Blick aus der Unendlichkeit auf die irdische Endlichkeit und Begrenztheit. Oder etwas knapper formuliert: Es geht um Nachhaltigkeit, Leben und Überleben, im Kleinen wie im Großen.

Tino Sehgal ist einer der Kuratoren von "Down to Earth". Er versucht, das Konzept der "Immersionsausstellung" (wer will, darf mitmachen) in einfache Worte zu kleiden: "Wir leben auf dieser Erde. Wir können nicht so tun, wie im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, als ob wir nicht auf dieser Erde lebten, als ob es unbegrenzte Ressourcen gäbe, unbegrenzte Aufnahmekapazitäten dieses Organismus Gaia."

Die Komplexität des Lebens auf unserem Planeten ist bedroht, das Klima könnte kollabieren. Die COVID-Zwangspause - hat sie zum Nachdenken, zum Umdenken geführt?

Noch einmal Kurator Tino Sehgal: "Wir verbrauchen ja auch CO2, so eine Ausstellung emittiert ja auch CO2. Und ich habe dann gesagt, als Thomas Oberender mich zum Team dazugebeten hatte: Komm Thomas, lass uns gucken, was wir selber verbrauchen. Und deshalb benutzen wir keinen Strom und die (an der Ausstellung beteiligten) Leute sind alle mit dem Zug angereist."

Wie können wir den Betriebsmodus unseres Alltags, unseres Lebens, unserer Routine umstellen - von Verbrauch auf Erhalt, von Haltlosigkeit auf Nachhaltigkeit? 50 Künstler - darunter viele junge - haben sich auf die Suche nach Antworten gemacht. Bis Mitte September können Sie mitsuchen, im Gropiusbau.

Auf der Webseite der Ausstellung ist übrigens ein recht interessanter Text zu finden, den wir hier zumindest in Auszügen wiedergeben möchten:

Checkpoint: „Down to Earth“ ist Freizeit. Zur Ruhe kommen, zuhören, zusehen, reden und weitergehen, analoge Zeit, Verschwendung, Schwieriges in wertvolle Erfahrungen wandeln.

Das größte System, dem wir nicht gegenüberstehen, sondern in dem wir mitten drin sind, ist das Klima – wir machen, gemeinsam mit vielen anderen Akteur*innen, was wir erleiden. Covid-19 erzwang die große Pause, bewirkte eine große Zeremonie der Verlangsamung. Der Himmel über Norditalien und Peking wurde wieder blau, die Flüsse sauber, die soziale Frage deutlich. Oder doch nicht? Die Zustände in den Schlachthöfen, auf den Spargelfeldern, was wir Menschen, Tieren und Landschaften antun, kam in der Krise zur Sichtbarkeit. Auch die Solidarität und die Stimmen der Wissenschaftler*innen und Expert*innen. Millionen Menschen auf allen Kontinenten wurden eingeschlossen und arbeiten seither an der Lösung des gleichen Problems. Kein Kunstwerk könnte das schaffen.

Nur der 11. September und die osteuropäische Revolution 1989 haben in annähernder Weise alle erfasst, jeden mobilisiert wie DAS VIRUS. Und jetzt? Kaum jemand will, dass es weitergeht wie vorher. Aber wo können wir landen? Wir haben, wie viele in diesen Tagen, Bruno Latours Klimatexte gelesen. Was ist der „dritte Attraktor“? Hilft er, herauszukommen aus dem alten Kampf von rechts gegen links, links gegen gestern, rechts gegen queer?

Wir wollen ein anderes Spiel spielen. Immersion ist neues Territorium – ein Merkmal von Ungewissheit. Nicht gesichertes Terrain. Unsicher. Ohne Kategorie. Wir sind noch keine Kategorie. Was gut ist. Kein Theater, keine Ausstellung, keine Ausstellung mit Performance, es ist anders. Das Ganze ist eine Situation. Wir öffnen am Morgen und schließen spät. Es ist Sommer. Es wird Dinge geben, die man jeden Tag sehen kann, Objekte, Bilder, Rauminstallationen – und vier Wochen lang täglich wechselnde Gespräche, Vorträge, Tanz und Musik. Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Ausstellung, und es ist immer jemand für Sie da.