Schwanger und betrogen: Russische Frauen fliegen nach Argentinien, um dort zu gebären

Immer mehr schwangere russische Frauen fliegen zur Entbindung nach Argentinien, um die Staatsbürgerschaft für ihre Kinder zu erhalten
Immer mehr schwangere russische Frauen fliegen zur Entbindung nach Argentinien, um die Staatsbürgerschaft für ihre Kinder zu erhalten Copyright Lionel Grandclement / Euronews
Von Gael CambaBohdan Budka mit EBU
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Seit der russischen Invasion in die Ukraine ist ein Phänomen zum Trend geworden: Immer mehr Russinnen wollen ihr Kind in Argentinien zur Welt bringen. Es winkt die Staatsangehörigkeit.

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Olga möchte wissen, wie gut sie sich in die örtliche Gesellschaft integrieren muss, und Nastya, ob noch andere werdende Mütter im Juni verreisen werden. Valentina macht sich Sorgen über das Leben in einer Zeitzone weit weg von Russland und darüber, wie unbequem es sein würde, aus der Ferne zu arbeiten.

Dies sind nur einige der russischen Frauen, die sich in beliebten Foren für den "Babytourismus" angemeldet haben - ein Phänomen, das seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 zunimmt.

Seitdem sind den Behörden zufolge Tausende junger Russinnen nach Südamerika, insbesondere nach Argentinien, geflogen, wo sie kein Visum für die Einreise benötigen und wo ihre Babys dann einen weniger restriktiven ausländischen Pass erhalten.

Und auch die Mütter selbst können in Buenos Aires leichter die einheimische Staatsangehörigkeit erwerben. Doch nachdem ein Flug der Ethiopian Airlines im Februar mit 33 schwangeren russischen Frauen an Bord landete, sind die Behörden besorgt über das Ausmaß des Problems.

Eine Euronews-Recherche hat das Netzwerk russischer Reisebüros und Unterstützungsdienste aufgedeckt, die von schwangeren russischen Frauen bis zu 35.000 Dollar (32.840 Euro) verlangen und falsche Versprechungen machen, die laut Anwälten kriminelle Handlungen darstellen.

"Der zweitschnellste Pass der Welt für Eltern!"

Die in russischem Besitz befindlichen Unternehmen werben typischerweise damit, dass Argentinien "den zweitschnellsten Pass der Welt für Eltern" hat, und mit einem Versprechen von derartigen Dienstleistungen lässt sich Geld verdienen.

Die Webseite RuArgentina bietet Informationen und Unterstützung für russische Frauen an, die nach Argentinien gehen möchten, um dort zu gebären.

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Die erste Seite der RuArgentina-Website zeigt einen Pinguin, der einen argentinischen Pass hält.Euronews

Für 100 $ (94 €) gibt es eine telefonische Beratung, um Fragen zum Verfahren zu stellen; und für 5500 $ (5187 €) dann das "Economy Class"-Paket, das Treffen mit Ärzten und einige Dokumente für das Kind umfasst.

Anwälte warnen jedoch, dass hier falsche Informationen über das Verfahren verbreitet und russische Familien betrogen werden.

So wird auf der Website von RuArgentina behauptet, dass die Eltern sofort nach der Geburt des Kindes die argentinische Staatsbürgerschaft erhalten - und dass es nicht notwendig ist, im Land zu leben, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Beides ist falsch.

Christian Rubilar, ein argentinischer Anwalt, der mehrere russische Frauen in ihren Staatsbürgerschaftsverfahren vertreten hat, sagt, dass RuArgentina Menschen, die die argentinische Staatsbürgerschaft beantragen, in die Irre führt.

Er erzählt Euronews, dass er eine Beschwerde gegen RuArgentina eingereicht hat, in der er das Unternehmen als kriminelle Organisation anprangert, weil "sie versprechen, dass sie die Staatsbürgerschaft für die Eltern bekommen können, selbst wenn man [Argentinien] verlässt und nicht zurückkommt. Das ist absolut nicht wahr".

"Ich glaube, wir sollten von kriminellen Organisationen sprechen, denn das sind keine Anwaltskanzleien, das sind keine Reisebüros", so Rubilar gegenüber Euronews.

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Übersetzter Screenshot der ersten Seite von RuArgentina, auf der falsche Informationen darüber angezeigt werden, wie man die Staatsbürgerschaft erlangt.Euronews

Weiter hinten auf der Website von RuArgentina finden sich dann doch genauere Informationen über das argentinische Staatsbürgerschaftsverfahren, aber das "Schaufenster" der Webseite, in dem für die Dienstleistungen des Unternehmens geworben wird, ist offenkundig irreführend.

Euronews kontaktierte den Gründer des Unternehmens, Kirill Makoveev, einen russischen Geschäftsmann, der seit 2014 in Argentinien lebt, aber er lehnte es ab, Fragen zu beantworten, und verwies auf eine laufende polizeiliche Untersuchung seiner Geschäftstätigkeit.

"Ein Millionengeschäft und ein illegales Netzwerk"

Die argentinischen Behörden gehen mittlerweile hart gegen den "Babytourismus" vor und haben im Februar an mehreren Orten in Buenos Aires Polizeirazzien durchgeführt.

Gegen mehrere Unternehmen, darunter auch RuArgentina, wurden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet, so Rechtsanwalt Rubilar.

Trotz der rechtlichen Probleme wirbt RuArgentina jedoch weiterhin für seine irreführenden Dienstleistungen für russische Frauen, und es wurden auch keine neuen Visakontrollen für russische Passagiere, die nach Argentinien einreisen wollen, eingeführt.

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Rubilar erklärt, dass dies auf die Verfassung zurückzuführen ist, die jeden schützt, der in Argentinien leben möchte, und dass eine Änderung der Verfassung ein langwieriger Prozess wäre.

"Argentiniens Geschichte und Gesetzgebung heißt Migranten auf der Suche nach einer besseren Zukunft willkommen. Das bedeutet nicht, dass mafiaähnliche Organisationen Geld verdienen können, indem sie Menschen, die nicht in unserem Land leben wollen, unseren Pass anbieten."

Unterdessen berichtet die argentinische Zeitung La Nación, dass seit Dezember eine weitere Untersuchung läuft, um ein "millionenschweres Geschäft und illegales Netzwerk" zu untersuchen, das von einem russischen Ehepaar, Ruslan Yuslashev und Elena Kuklina, betrieben wird.

Sie werden verdächtigt, gefälschte Dokumente für die argentinische Staatsbürgerschaft in Rekordzeit an russische Staatsangehörige auszuhändigen. Berichten zufolge fand die Polizei in der Wohnung des Ehepaars eine große Geldsumme und beschlagnahmte Laptops und Telefone.

Warum wollen Russinnen nach Argentinien gehen, um dort zu gebären?

Zweifellos ist ein argentinischer Pass viel wertvoller als ein russischer, insbesondere nachdem die internationale Gemeinschaft eine Reihe von Reisesanktionen gegen Russland verhängt hat.

Die Einwanderungsgesetze erlauben es Russ:innen, ohne Visum nach Argentinien einzureisen und sich dort niederzulassen. Kinder, die auf argentinischem Boden geboren werden, kommen in den Genuss kostenloser medizinischer Versorgung und erhalten automatisch die Staatsbürgerschaft: Auch für die Eltern ist es dann einfacher, die Staatsbürgerschaft zu erhalten.

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Mit einem argentinischen Reisepass kann man ohne Visum in 171 Länder einreisen - eine sehr attraktive Option, wenn man bedenkt, dass ein russischer Reisepass nur für 87 Länder visumfreies Reisen erlaubt.

”Die Einwanderungsbehörden haben im Februar sechs schwangeren russischen Frauen die Einreise nach Argentinien verweigert, weil sie sich fälschlicherweise als Touristinnen ausgegeben hatten, so die nationale Direktorin für Migration, gegenüber einem lokalen Nachrichtensender.”

”Die Einwanderungsbehörden haben im Februar sechs schwangeren russischen Frauen die Einreise nach Argentinien verweigert, weil sie sich fälschlicherweise als Touristinnen ausgegeben hatten, so Florencia Carignano, die nationale Direktorin für Migration, gegenüber einem lokalen Nachrichtensender.”

"Die Ärzte hier sind billiger", sagt Alya Lykhina, eine Russin, die im Mai 2022 nach Argentinien kam.

"Das ist schön, und es ist auch nicht so schwierig, Dokumente zu bekommen. Der Prozess ist sehr klar."

Aleksei und seine Frau Dina haben im vergangenen Juni in Argentinien ihre Tochter Emilia bekommen. Sie freuen sich auch über die Qualität der Gesundheitsversorgung und ihren zukünftigen argentinischen Pass, "aber das war nicht der eigentliche Grund, warum wir aus Russland weggezogen sind", sagt er. "Der eigentliche Grund war der Krieg."

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“In den letzten drei Monaten haben sich 5.819 Frauen, die kurz vor der Entbindung standen, angemeldet.”
Florencia Carignano
Nationale Direktorin für Migration in Argentinien

Offiziellen Angaben zufolge sind seit Januar 2022 mehr als 10.500 schwangere russische Frauen ins Land gekommen.

"Die Zahlen sind in den letzten Monaten noch gestiegen", sagte Florencia Carignano, die nationale Direktorin für Migration in Argentinien, einem lokalen Nachrichtensender.

"In den letzten drei Monaten sind 5.819 Frauen eingereist, die kurz vor der Entbindung standen."

"Man muss kein Geld ausgeben"

Nicht jedes russische Paar, das nach Südamerika reist, um ein Kind zu bekommen, nutzt einen der umstrittenen Reisebürodienste.

"Wir haben keine dieser Agenturen benutzt", sagt Anatolyy, der mit seiner Frau Irina, die bereits im neunten Monat schwanger ist, nach Buenos Aires geflogen ist.

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"Wir verstehen nicht, warum die Leute diese Art von Dienstleistungen in Anspruch nehmen, da Russen ohne Visum nach Argentinien kommen und 90 Tage bleiben können", sagt er Euronews.

Russ:innen müssen nicht viel Geld ausgeben, um nach Argentinien zu kommen und die Staatsbürgerschaft zu beantragen - selbst mit einem Anwalt würden die Kosten wahrscheinlich nur etwa 10 % dessen betragen, was die Agenturen verlangen.

Anatolyy und Irina konnten fast alles selbst regeln, "das einzige Problem ist bisher, eine Wohnung zu finden", sagt er.

"Jetzt wohnen wir in einem Hotel und erwarten das Baby in Kürze."

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